Ein König sucht Zuflucht in Eschweiler

Von: Friedhelm Ebbecke-Bückendorf
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Die Röthgener Burg beherbergte vor 274 Jahren einen König, der sein Reich verloren hatte: Theodor I. von Korsika, geboren als Theodor von Neuhoff in Köln. Foto: Friedhelm Ebbecke-Bückendorf
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Das ist schon ein beeindruckendes Gefühl, heute dort zu wohnen, wo früher ein leibhaftiger König ein und aus ging… Die heutige Burgherrin Marie-Theres Kugel im Innenhof der Röthgener Burg.
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Theodor von Neuhoff auf einem zeitgenössischen Kupferstich zusehen.

Eschweiler. Chroniken berichten nicht viel Gutes über Theodor Stephan von Neuhoff. Der Freiherr sei ein Agent gewesen, ein politischer Abenteurer, ein Hochstapler, ein Spieler und Schuldenmacher. Sicher ist, dass der 1694 in Köln geborene Adelige ein sehr abenteuerliches Leben führte.

Er war als Theodor I. der erste und bisher auch einzige frei gewählte König von Korsika. Aber er starb 1759 in London völlig verarmt, drei Tage nach seiner Entlassung aus einem Schuldgefängnis. Weniger bekannt ist, dass der König von Korsika fast ein Jahr lang in Eschweiler lebte, auf der Burg Röthgen.

Marie-Theres Kugel, Hausherrin der Röthgener Burg, berichtet in ihrem 2014 erschienenen Buch „Die Röthgener Burg“ über die Episode und stützt sich dabei auf einen Zeitungsbericht von 1938. Danach stand am Abend des Gründonnerstags 1742 ein dürftig gekleideter Reiter am Burgtor und wollte den Burgfreiherrn Max von Bourscheidt sprechen.

Der war in der Eifel auf Jagd, doch der Burgverwalter ließ den Gast herein. Und tatsächlich erkannte dann am nächsten Tag der Burgherr den merkwürdigen Gast als seinen Freund Theodor von Neuhoff. Sie hatten gemeinsam einige Zeit als junge Adelige am französischen Hof verbracht. Elf Monate lang habe der einstige König von Korsika, der sich nicht ohne Grund von Mördern verfolgt fühlte, auf der Burg gewohnt. „Theodor von Neuhoff hielt sich nur innerhalb der Burgmauern auf“, schreibt Marie-Theres Kugel. Immerhin konnte er sich in dem schönen Barockgarten ergehen, der damals noch zur Burg gehörte.

Die Adelsfamilie von Neuhoff stammt aus Westfalen. Und dort, auf der Wasserburg Schloss Neuenhof in Lüdenscheid, runzelt man bei den Bezeichnungen Abenteurer und Hochstapler die Stirn. Das werde der geschichtlichen Bedeutung des Theodor von Neuhoff nicht gerecht, meinen Alhard Freiherr und Gevinon Freifrau von dem Bussche-Kessell, Nachfahren der Neuhoffs und heutige Besitzer des Stammsitzes der Familie.

Sie organisierten 2011, zum 275. Jahrestag der Krönung von Theodor I., eine Ausstellung über den Mann, dessen Schicksal einst Europa bewegte und dessen Bedeutung für das heute zu Frankreich gehörende Korsika erst wenig gewürdigt ist. Selbst Korsen wissen oft nicht, dass ihr erster und einziger König eine bedeutende Rolle in der Freiheitsbewegung der Insel hatte. Oder dass er die heute jedem Korsika-Urlauber bekannte weiß-schwarze Mohrenkopf-Flagge eingeführt hat.

Die Lebensgeschichte des Theodor von Neuhoff in Stichworten zu beschreiben ist fast unmöglich. Geboren wurde er 1694 in Köln. Als er ein Jahr alt war, starb sein Vater. Der kleine Theodor wurde nach Westfalen geschickt, wo er bei Verwandten aufwuchs. 1709 war er Page in Frankreich, bei Lieselotte von der Pfalz, der Herzogin von Orleans. Theodors Mutter war ebenfalls am französischen Hof – als Geliebte eines Grafen. Seine nächsten Stationen: Rittmeister in der kurbayerischen Armee, wegen Spielschulden Gefangener in der Festung Kehl, Agent für den schwedischen König, Beteiligter an einer Verschwörung des französischen Hochadels. In Paris kam er 1720 als Spekulant zu Reichtum, verlor aber alles wieder, flüchtete vor seinen Gläubigern nach London.

1732 wurde er von der österreichischen Regierung als Agent in Florenz eingesetzt. Dort kam er erstmals mit Korsen in Berührung, die für die Unabhängigkeit ihrer Insel von Genua kämpften. Diesen Unabhängigkeitskampf machte Theodor von Neuhoff zu seiner Sache. Er erreichte die Freilassung von korsischen Anführern, die nach Genua verschleppt worden waren.

Er sammelte überall in Europa Geld für den Freiheitskampf. In Tunesien konnte er schließlich ein englisches Schiff ausrüsten, das ihn mit reichlich Geld und Waffen nach Korsika brachte. Am 15. April 1736 wurde er von einem Konvent der korsischen Bevölkerung zum König gewählt: Theodor I. von Korsika.

Der neue König erließ eine Verfassung, baute die Infrastruktur aus, ließ Münzen prägen, sorgte für eine regelmäßige Besoldung der Soldaten, gab die Güter zurück, die von den Genuesen beschlagnahmt worden waren, er besetzte den obersten Klerus mit Korsen und erlaubte Erwerbszweige, die zuvor verboten waren, wie Salzgewinnung und Korallensammeln. Die genuesischen Besatzer drängte er auf wenige Küstenstädte zurück.

Dennoch scheiterte er. Weil er einen verräterischen General erschießen ließ, wurde er durch die Blutrache bedroht. Er verließ schon im November seines Krönungsjahres die Insel, um neue Unterstützer zu gewinnen. Genua setzte ein Kopfgeld für ihn aus, in Rom und Paris wurden Mordanschläge auf ihn verübt.

Während Theodor von Neuhoff mit holländischer Hilfe neue Schiffe ausrüstete, verbündeten sich die Franzosen mit Genua und unterwarfen die Insel – aus war es mit der Unabhängigkeit. 1749 gelang es den Genuesen, Theodor von Neuhoff in London verhaften zu lassen. Mehrere Jahre lang wurde er in ein Schuldgefängnis gesperrt. Er starb 1756 kurz nach der Freilassung.

In Romanen verbreitet

Sein Schicksal wurde in vielen Romanen verarbeitet. Sogar eine Oper widmete sich dem König von Korsika: „Il re Teodoro“ von Giovanni Paisiello soll die Lieblingsoper von Johann Wolfgang von Goethe gewesen sein. Und natürlich reizte das Thema auch Eschweiler Heimatdichter. Bei dem 1872 geborenen Peter Bündgens kommen die Genueser nicht gut weg: „Sie geizten nicht mit ihrem Geld / und würden Häscher dingen / und reizten alle böse Welt / den König umzubringen.“

Für Marie-Theres Kugel ist die Episode mit dem elfmonatigen Gastspiel des korsischen Königs auch mit einer Anekdote verbunden. Als vor vielen Jahren eine Zeitung über die historische Begebenheit berichtet hatte, wurde sie beim Einkaufen in Eschweiler von der Verkäuferin angesprochen: „Da habt ihr aber hohen Besuch!“ „Besuch? Wir?“ „Ja doch, der König von Korsika!“ „Das ist aber schon ein paar Jahrhunderte her…“

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