Eschweiler - Ein Kinderleben auf verstrahlter Erde

Ein Kinderleben auf verstrahlter Erde

Von: Patrick Nowicki
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Nehmen regelmäßig Kinder aus
Nehmen regelmäßig Kinder aus dem verstrahlten Uljanovo auf: Helga und Alois Bürkle mit Bildern ihrer Ferienkinder Olga, Alina und Anastasia. Foto: Patrick Nowicki

Eschweiler. Als sich am 26. April 1986 zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit ein katastrophaler Unfall in einem Nuklearreaktor erreignet hat, haben sie noch gar nicht gelebt: die Kinder von Uljanovo. Dennoch prägt der Super-Gau im 400 Kilometer entfernten Tscherobyl ihren Alltag.

Ihre Heimat ist seitdem verstrahlt, denn die nuklearverseuchte Wolke zog Richtung Moskau und regnete sich auf halber Strecke ab. Einmal im Jahr dürfen einige Kinder aus der russischen Region ihre Heimat für bis zu vier Wochen verlassen. Dann verbringen sie ihren Urlaub im Westen Deutschlands. Einige von ihnen auch in Eschweiler.

Möglich macht dies der Verein „Helft den Tschernobyl-Kindern”, der sich 1992 aus Mitarbeitern der Kernforschungsanlage Jülich gründete. Inzwischen liegt der Vereinssitz in Alsdorf, dem Wohnort des Vorsitzenden Otto Stöcker. Der Verein organisiert in Zusammenarbeit mit dem belgischen Partnerverein „Eine Hand für Tschernobyl-Kinder” nicht nur Urlaube für Kinder aus der verseuchten Region, sondern auch Hilfskonvois und weitere Aktionen. In den vergangenen 20 Jahren wurden über 715 Tonnen Hilfsgüter nach Uljanovo gesandt. Über 96 Tonnen Lebensmittel kaufte der Verein in Russland, um sie dann in Schulen, Kinder- und Altenheimen sowie im Waisenhaus zu verteilen. Insgesamt eine Million Euro mussten die Vereinsmitglieder dafür aufbringen.

Helga und Alois Bürkle aus Eschweiler zählen zu den Menschen, die ehrenamtlich Kinder aus der verseuchten Region bei sich aufnehmen. „Unsere eigenen Kinder sind aus dem Haus, ihre Zimmer sind leer - da wollten wir etwas Gutes tun und die Zimmer sinnvoll nutzen”, berichtet Helga Bürkle. Ihr Mann reiste sogar schon nach Uljanovo und machte sich ein Bild vom Leben dort. „Die Menschen waren sehr arm, aber auch sehr herzlich”, berichtet er. Jedes Jahr fliegt eine achtköpfige Delegation des Vereins auf eigene Kosten nach Russland, wo sie bei Gastfamilien untergebracht ist.

Erschütternde Eindrücke

So lernte auch Alois Bürkle vor drei Jahren den Alltag in der Region um Uljanovo kennen. Seine Eindrücke waren erschütternd: „Die Menschen dort leben von dem, was sie im Garten anbauen.” Dabei ist der Boden verstrahlt, liegen die Werte noch heute deutlich über dem, was man als unbedenklich beschreiben würde.

Der Verein „Helft den Tschernoby-Kindern” will den Menschen dort unter die Arme greifen und den Kindern die Gelegenheit geben, sich von der Strahlung zu erholen. „Wir zählen 21 Mitglieder und 73 Gastfamilien, zehn aus Eschweiler”, berichtet der Vorsitzende Otto Stöcker. Im vergangenen Jahr konnte man 92 Kindern im Alter zwischen 8 und 14 Jahren einen Urlaub ermöglichen. Die Familie Bürkle aus Eschweiler nahm gleich zwei Kinder bei sich auf. Stöcker und seine Mitstreiter sind also ständig auf der Suche nach weiteren Familien, die ein russisches Kind bei sich aufnehmen wollen. „Die Flugkosten übernimmt der Verein”, betont er. Auch für die Betreuung der Kinder ist tagsüber gesorgt. So veranstaltet der Verein fast täglich Ausflüge. „Das hat den Vorteil, dass die Kinder sich wieder in ihrer Muttersprache unterhalten können”, so Stöcker.

Vor fünf Jahren verbrachte die damals elfjährige Olga zum ersten Mal ihren Urlaub bei der Familie Bürkle. Seitdem besteht ein enger Kontakt. Regelmäßig schicken die Indestädter Pakete mit Spielsachen, Süßigkeiten und Kleidung nach Uljanovo, wo Olga wohnt. Für das Austauschprogramm des Vereins ist Olga inzwischen zu alt, aber in diesem Sommer wird sie wieder nach Eschweiler kommen. „Wir haben sie ja aufwachsen sehen, dadurch hat sich schon eine Freundschaft entwickelt”, sagt Alois Bürkle. Auch Olgas kleine Schwester Anastasia nimmt inzwischen am Programm des Vereins teil und verbringt ihre Zeit natürlich in Eschweiler. „Wir kennen ja inzwischen die ganze Familie.” Sogar ein drittes Gastkind lebte bei den Bürkles: die 13-jährige Alina.

„Wir wollten uns engagieren und hier einen Möglichkeit gefunden”, schildern Helga und Alois Bürkle ihre Motivation. Durch seine Reise nach Russland weiß der Wahl-Eschweiler zudem, dass „das Geld bei den Leuten unmittelbar ankommt und dringend benötigt wird”. Die Region um Uljanovo beherbergt kaum Industrie. Der verstrahlte Boden macht eine landwirtschaftliche Nutzung unmöglich. Die Möglichkeiten der Hilfe sind jedoch schwieriger geworden und scheitern oft an bürokratischen Hürden. Der Verein „Helft den Tschernobyl-Kindern” ist dazu übergegangen, lebensnotwendige Dinge unmittelbar in Russland zu kaufen. Das Geld stammt ausschließlich aus Spenden.
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