Ein Indestädter als Pionier in Spanien

Von: tob
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Blick von der Kathedrale Santa María de la Sede über die Dächer von Sevilla. Seit 30 Jahren ist die andalusische Metropole am Guadalquivir Heimat des Indestädters Karl Heisel. Foto: Stock/blickwinkel
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Karl Heisel wuchs in Eschweiler auf und fühlt sich inzwischen seit vielen Jahren in Spanien heimisch. Foto: Tobias Röber

Eschweiler/Sevilla. Es ist jetzt mehr als 30 Jahre her, dass Karl Heisel Eschweiler verlassen hat, aber immer noch zieht es den Wahl-Spanier mehrmals im Jahr zurück in die alte Heimat. Heisel, 61 Jahre alt, ist Dozent für deutsche Philologie an der Universität in Sevilla. Und er ist in vielen Bereichen sozusagen ein Pionier. Aber dazu später mehr.

Karl Heisel wuchs in Eschweiler auf, wohnte in der Nähe der Liebfrauenschule und baute sein Abitur am Städtischen Gymnasium. Zum Studium ging‘s dann nach Göttingen, wo er später auch als Weiterbildungslehrer für Deutsch als Fremdsprache arbeitete. Im Rahmen des Studiums bekam Heisel ein Acht-Monats-Stipendium des spanischen Staates und integrierte sich gut. Nach Abschlüssen in Geschichte, Romanistik (mit Spanisch als Hauptfach), Publizistik und Wirtschaftswissenschaften lernte Karl Heisel das Land im Rahmen von Feldforschungen so richtig kennen. Bis heute fühlt er sich dort wohl. Klingt ganz unkompliziert, wenn Karl Heisel über seinen Werdegang spricht.

„Spanien war damals ein armes Land, und das Demokratieverständnis fing gerade erst an“, erinnert sich Heisel. Die einsetzenden Prozesse gab es in Deutschland bereits zuvor, der gebürtige Indestädter konnte also seine Erfahrungen aus Deutschland weitergeben. Es habe ein offeneres Denken eingesetzt und das Land habe sich auch für Bildung geöffnet. Für Karl Heisel ein gutes Sprungbrett.

Die Uni, an der Karl Heisel unterrichtet, bildet Übersetzer und Dolmetscher aus, und „sie ist eine der wenigen Universitäten, die Deutsch als erste Fremdsprache anbieten“, erklärt der 61-Jährige, dessen Frau Amerikanerin ist und dessen Kinder einen spanischen Pass haben. Heisel selbst ist nach wie vor Deutscher. „Ich bin der erste Deutsche, der unbefristet als Dozent angestellt wurde, ohne die spanische Staatsbürgerschaft anzunehmen“, erzählt Karl Heisel. Außerdem ist er stellvertretender Vorsitzender des Germanistenbundes und er war einer der ersten Ausländer, die an seiner Uni in den Betriebsrat gewählt wurden.

Ein bis zweimal jährlich reist Heisel nach Eschweiler. „Meistens im Sommer wegen der Hitze dort“, sagt er und lächelt. Natürlich geht es in erster Linie darum, seine Mutter und Freunde zu besuchen. Aus unserer Zeitung erfuhr der Wahl-Spanier vor einer Weile von den multilingualen Kursen der Eschweiler Volkshochschule und nahm daraufhin Kontakt zur VHS auf. Malgorzata Müller, die in der Indestadt den Bereich Sprachen leitet, wurde zu einem Kongress in Sevilla eingeladen und hatte so die Möglichkeit, dieses neue Projekt der Eschweiler VHS vorzustellen. Heisel sieht das Projekt der indestädtischen VHS als wegweisend an. So kann er sich vorstellen, dass es in für die Dolmetscherausbildung geeignet ist.

Wenn Karl Heisel, der neben Spanisch und Deutsch auch Portugiesisch, Französisch und Englisch spricht, von seiner Wahlheimat spricht, redet er stets explizit von Südspanien. Allein schon die Sprache sei dort anders, und die Mentalität auch, die durchaus Ähnlichkeiten zu der Einstellung der Rheinländer zeige. „Die Südspanier können auch gut über sich selbst lachen“, sagt Heisel. Was er auch festgestellt hat: „Es gibt kaum einen Spanier, der in Deutschland gelebt hat und sich nicht positiv über Deutschland äußert.“

Auf die Indestadt hat Karl Heisel natürlich eine ganz andere Sicht, als Leute, die immer hier wohnen. „Vieles habe ich erst nach meinem Umzug als wertvoll entdeckt“, sagt er und nennt Karneval und den Dialekt als Beispiele. Die Sicht auf sein jetziges Heimatland hat sich im Lauf der Jahre ebenfalls verändert. Beschwerden über die Verwaltungen etwa, die in manchen Augen schon mal als zu langsam und zu bürokratisch gelten, teilt Heisel überhaupt nicht. „Ich habe nur gute Erfahrungen mit den Verwaltungen gemacht. Das sagen übrigens auch Spanier, die in Deutschland gelebt haben, wenn sie zurückkommen.“

Natürlich bekommt Karl Heisel die Krise täglich mit. So können Beamte jetzt entlassen werden. „Wichtige Dienste fallen weg“, sagt Heisel. So etwa Sozialarbeiter in den Kommunen. Der 61-Jährige sieht einen Bruch in der Gesellschaft und nennt eine alarmierende Zahl: 30 Prozent eines Jahrgangs machten keinen Schulabschluss.

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