Ein halber Sack Holzkohle, um den Winter zu überleben

Von: sh
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Nafisa Tuchi sprach über ihre Heimat Afghanistan. Foto: Herrmann

Eschweiler. Dass europäische und somit auch deutsche Interessen am Hindukusch liegen, gehört mittlerweile zum Standartrepertoire hiesiger Spitzenpolitiker. So fliegen Monat für Monat deutsche Soldaten nach Afghanistan. „Friedensmission” und „humanitärer Einsatz” nennen es die NATO-Strategen.

Von Krieg spricht dagegen Nafisa Tuchi (Name geändert), wenn sie sich an die Reise in ihr Heimatland im Dezember vergangenen Jahres erinnert. Auf Einladung der Gesellschaftspolitischen Bildungsgesellschaft (GPB) berichtete die 33-Jährige den interessierten Zuhörern im Bistro „Uferlos” über ihre Erlebnisse.

Mit ihrer erst vier Jahre alten Tochter reiste Tuchi von Frankfurt aus nach Kabul. Nach Jahren das erste Mal wieder. „Es ist alles viel schlimmer geworden”, stellte sie vor Ort fest.

Sie selbst kam 1995 als Asylbewerberin nach Deutschland, reiste zwischendurch immer wieder zurück nach Afghanistan. Seit einigen Jahren ist die Elektronikern selbstständig, hat sich hier eine Existenz aufgebaut. Die Berichte über den desolaten Zustand ihres Landes trifft sie allerdings stets bis ins Mark.

Hat sich die Lage in den zurückliegenden Jahren unter Präsident Karsai verbessert? „Afghanistan war noch nie ein modernes Industrieland. Aber vor 30 Jahren gab es nicht solch ein Elend, wie es der Krieg hervorgebracht hat”, klagt sie auch den schädlichen Einfluss vieler westlicher Mächte in all den Jahren an.

Sie selbst hat während ihrer Reise menschliche Tragödien erlebt: Bombenangriffe im Süden rund um die Provinzhauptstadt Kandahar, schwer verletzte Kinder, Tote, hungernde Menschen, frierende Familien, die einen halben Sack Holzkohle für den Winter bekommen. Unsägliche Schicksale.

Sieben Millionen junge Menschen, die zur Schule gehen, 300 öffentliche Zeitungen als Zeichen der neuen demokratischen Ordnung, 2000 km neue Straßen in den vergangenen Jahren? Mag sein, dass es das gibt, bleibt Nafisa Tuchi skeptisch. Sie selbst habe davon nicht viel mitbekommen. „15 Kilometer vom Präsidentenpalast in Kabul entfernt, haben die Leute einfach nichts, hungern und sterben”, sagt die junge Frau, die selbst Mutter und Vater im Krieg verloren hat.

Bringt es etwas, dass der neue amerikanische Präsident Obama Afghanistan zur „Chefsache” erklärt habe? „Nein, ich glaube es nicht”, äußert Tuchi große Zweifel, dass in einem vom Krieg zerütteten Land, in dem ganze Generationen mit Waffen und Bombenangriffen groß geworden sind, in naher Zukunft Ruhe einkehrt. Doch die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.
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