Ein Ende seines Weges ist nicht in Sicht

Von: Andreas Röchter
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Ließ seine Zuhörer in so manche Facette seiner Persönlichkeit blicken: Hannes Wader zog einmal mehr seine Fans in der Aula der Realschule Patternhof in den Bann. Foto: stock/VIADATA

Eschweiler. Der 70. Geburtstag liegt schon eine gewisse Zeit zurück. Und womöglich ist er auch etwas milder geworden. Doch trotz seiner stets zurückhaltenden und vorsichtig wirkenden Art ist die Präsenz auf der Bühne, für die er seit Jahrzehnten ausschließlich Stimme, Gitarre(n) und vor allem Worte benötigt, nach wie vor außergewöhnlich.

Für seine Fans und Anhänger, die während der Konzerte förmlich an seinen Lippen kleben, ist er ein Monument: Hannes Wader!

Der große Liedermacher war am Donnerstagabend zum wiederholten Mal in Eschweiler zu Gast. Präsentiert von den Verantwortlichen des Kulturzentrums Talbahnhof faszinierte er in der ausverkauften Aula der Realschule Patternhof rund 350 Zuhörer. Dabei hielt er so manche Überraschung bereit: Denn ein beachtlicher Teil seines Programms bestand nicht aus Klassikern, sondern aus neuen Werken.

Womit Hannes Wader einmal mehr unter Beweis stellte, dass „Zukunftsplanung“ für ihn vor allem bedeutet, Lieder zu schreiben. „Ich habe vor, im nächsten Monat ins Studio zu gehen. Dies kann ich aber nicht, ohne alle neuen Lieder ausnahmslos vor Publikum während meiner Tournee gespielt zu haben. Ihr arbeitet also quasi mit an meinem neuen Album“, ließ er sein Publikum wissen.

Natürlich brach Hannes Wader nicht mit der Tradition, seine Konzerte mit einem seiner Markenzeichen zu beginnen: „Heute hier, morgen dort“, die melancholische Hymne an die Freiheit, eine Erinnerung an die Jahre, in denen er mit Seesack („ein Rucksack galt damals als uncool“) und Gitarre durch Europa trampte, die die schlichte, aber definitive Erkenntnis bringt, dass „nichts bleibt, wie es war“.

Im Anschluss ließ der Interpret dann einige Facetten seiner vielschichtigen Persönlichkeit zum Vorschein kommen: Gesellschaftskritisch und rebellisch, als er mit „Charley“ ein Lied seines zweiten Albums „Ich hatte mir noch so viel vorgenommen“ anstimmte, in dem er die Geschichte eines Außenseiters skizziert, ohne dabei zu vergessen, sich auch mit dem Verhalten des Außenseiters kritisch auseinanderzusetzen. Politisch mit dem Lied „Boulevard St. Martin“, das die erfolgreiche Flucht des kommunistischen Widerstandskämpfers Peter Gingold vor den Gestapo-Schergen im besetzten Paris des Jahres 1943 zum Thema hat.

Und wachrüttelnd und Aufmerksamkeit fordernd mit den neuen Liedern „Arier“ und „Morgens am Strand“. In ersterer Komposition unterstreicht der gebürtige Ostwestfale, dass sich hinter einer vermeintlichen Idylle viel zu oft „das Grauen“ verberge. Um das zweitgenannte Werk thematisch zu beschreiben, reicht ein Stichwort: Lampedusa! Während die Liegestühle am frühen Morgen noch leer an der einsam gelegenen Badebucht auf Urlauber warten, spült das seichte Meer eben nicht nur Algen, Blätter und Tang an, sondern auch den leblosen Körper einer schwarzen Frau...

Poetisch zeigte sich Hannes Wader, als er die Vertonung des Gedichts „Dass wir so lang leben dürfen“ seines Freundes Manfred Hausin durchaus verschmitzt vortrug. Auf seine eigene Vergangenheit als Straßenmusiker zurückblickend, gestand er sich ein, dass er keinesfalls mehr „So wie der“ lebt.

Und auch vor einem Vierteljahrhundert gab es bereits warme und schneelose Winter, wie das eben so alte Lied „Im Januar“ deutlich machte. „Eisberge schmelzen, Wüsten entstehen. Für meine Kinder wünschte ich mir schon eine wärmere Welt. Habe sie mir nur nicht so vorgestellt!“, beschreibt Hannes Wader mit ruhigen Worten ein besorgniserregendes Szenario.

Immerhin keine Sorgen müssen sich die Wader-Fans um die Fortsetzung der Liedermacher-Laufbahn ihres Idols machen. Dem 71-Jährigen ist natürlich bewusst, dass auch seine Uhr tickt, doch der Titel des neuen Songs „Lied vom Tod“, hält Gott sei Dank nicht, was er verspricht: „Mich mit der Endlichkeit mal gedanklich zu befassen, wird langsam Zeit“, heißt es dort zwar. Doch noch wesentlich bestimmter, klarer und deutlicher: „Ich will euch noch nicht verlassen!“

Mit der wehmütigen Erinnerung an einen Abend in Irland, die er in „Folksingers Rest“ festhielt, bog Hannes Wader auf die Zielgeraden ein. Nicht ohne mit „Leben einzeln und frei“ noch einmal den Kampf gegen Dummheit, Hass und Gewalt zu beschwören. Stürmischer Applaus forderte Hannes Wader zu gleich drei Zugaben auf.

Dem resigniert-wütenden „Schon so lang“ ließ der Liedermacher dann zwei etwas unerwartete Hommagen an zwei „Musikhelden“ seiner Kindheit und Jugend folgen: Dean Martins „Memories are made of this“ und Roger Millers „King of the road“. Eine große Gestalt der deutschen Liedermacher-Szene weiß eben zu überraschen. Und ein Ende des Weges ist nicht in Sicht.

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