Ehrenpatenschaft: Milan und der Herr Präsident

Von: Rudolf Müller
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Da strahlt er, der fünf Monate alte Milan. Kein Geringerer als Bundespräsident Joachim Gauck hat die Ehrenpatenschaft über den kleinen Bergrather übernommen. Foto: Rudolf Müller
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Seit 1949 übernimmt der Bundespräsident die Ehrenpatensrschaft für Kinder aus kinderreichen Familien - so auch Joachim Gauck für den kleinen Milan. Foto: epd-bild/JuergenxBlume
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Das sind sie, die neun Wesemanns. Nachbar und Bürgermeister Rudi Bertram überreichte ihnen im Rathaus die Urkunde des Bundespräsidenten, verbunden mit einem Geldgeschenk. Foto: Rudolf Müller

Eschweiler. Fünf Monate alt ist er, der kleine Milan Leon Wesemann. Dass er fast immer blendender Laune ist, kann daran liegen, dass er einen ganz besonders prominenten Paten hat. Und zwar keinen Geringeren als den Bundespräsidenten, Joachim Gauck. Oder daran, dass er ständig jemanden zum Spielen hat. Denn Milan hat noch sechs Geschwister, die den kleinen Mann vergöttern. Und alle sechs sind Mädchen.

Seit dieser Woche ist der kleine Star der Familie Wesemann mit dem Bundespräsidenten auf besondere Weise verbunden. Denn der hat die Ehrenpatenschaft über ihn übernommen. Das tut er auf Antrag – wenn es sich um das siebte Kind einer Familie handelt. Und solchen Kinderreichtum gibt es gar nicht so selten, wenn es bei den Wesemanns auch erst das zweite Mal in seiner 17-jährigen Amtszeit war, dass Bürgermeister Rudi Bertram einer Familie die Urkunde des Bundespräsidenten aushändigte. Seit 1949 steht dieses Angebot des Bundespräsidenten – seither unterzeichneten Joachim Gauck und seine Vorgänger rund 80.000 Ehrenpatenschaftsurkunden. Über 1200 im Jahr.

Wurde man vor wenigen Jahren noch schief angesehen, wenn man mehr als zwei Kinder in die Welt setzte, so hat sich das inzwischen geändert, konstatiert auch Bürgermeister Rudi Bertram. Wie viele „kinderreiche“ Familien es in Eschweiler gibt, weiß auch der Verwaltungschef nicht so genau, aber dass drei Kinder heute keine Ausnahme mehr sind, das weiß er. „Wir haben in Eschweiler starke Zuwächse und Zuzüge. Familien mit zwei und drei Kindern sind da keine Ausnahme mehr. Derzeit gibt es in Deutschland 4,3 Millionen Familien mit einem Kind (53 Prozent), 2,9 Millionen Familien mit zwei Kindern (36 Prozent) sowie 861.000 Familien mit drei und mehr Kindern (11 Prozent). In 80 Prozent der Mehrkindfamilien leben drei, in 20 Prozent vier und mehr Kinder. Damit wachsen rund 280.000 Kinder – oder jedes vierte Kind – in einer kinderreichen Familie auf.

Bei den Wesemanns sind es jetzt gleich sieben. Celina ist 15, Lea zwölf, Julie zehn, Finja acht, Penelope fünf und Amalia zwei Jahre alt. Und Milan hat im Juni das Licht der Welt erblickt, deren Mittelpunkt für ihn Bergrath ist. Dort bewohnen Ronny und Nicole Wesemann mit ihren Sprösslingen ein Haus an der Heibachstraße. Eines mit großem Garten. Der liegt und steht voller Spielgeräte. Und grenzt direkt an den Garten von Bürgermeister Rudi Bertram. Der hat mit dem Lärm, den spielende Kinder nun mal machen, überhaupt kein Problem: „Ich empfinde es als positiv, wenn ich bei euch Kindergeschrei höre. Denn Kindergeschrei ist Zukunftsmusik.“

„Beschwert hat sich noch keiner“, ist Ronny Wesemann stolz auf seine Nachbarn. Denn wenn die Kinder im Garten spielen, ist das selten eine familieninterne Veranstaltung: Die Kinder bringen Freunde mit – da tobt manchmal halb Bergrath durch den Wesemannschen Garten.

Seit sechs Jahren wohnt die Familie im eigenen Haus. Zurzeit wird umgebaut. Dann hat jedes der Kinder ein eigenes Zimmer. Dass es als neunköpfige Familie so gut wie aussichtslos ist, eine Mietwohnung zu finden, ist Ronny Wesemann klar. Der Mietkauf an der Heibachstraße war die optimale Lösung.

Der 34-Jährige stammt aus Sachsen-Anhalt. Seine gleichaltrige Frau wurde als Nicole Bolder in Bergrath geboren. Schon als Kind kam Ronny mit seiner Mutter nach Eschweiler, lernte Nicole kennen. „Wir haben schon als Kinder zusammen Playstation gespielt.“ Wesemann ist gelernter Karosserie- und Fahrzeugbauer, arbeitet heute aber bei der Diätbäckerei Poensgen. Ein gut bezahlter Job mit für ihn optimalen Arbeitszeiten: Um 6 Uhr früh geht‘s los, um halb drei nachmittags kommt er nach Hause. Da bleibt viel Zeit, sich mit den Sprösslingen zu beschäftigen. Was für einen männlichen „Einzelkämpfer“ unter sieben weiblichen Geschöpfen nicht immer ganz einfach ist. Ronny Wesemann nimmt‘s mit Humor: „Man hat da nicht mehr viel zu kamellen. Man muss lernen zu sagen: ,Ja Schatz, mach‘ ich!‘“

Und Ronny Wesemann macht eine ganze Menge. Zum Beispiel den Chauffeur für den Nachwuchs zu geben. Denn die Mädels sind bestens ins Stadtteilleben eingebunden und vielseitig engagiert. Alle tanzen in der Bergrather Prinzengilde, in der Julie auch stellvertretende Kinderpräsidentin ist. Julie, Finja und Lea trainieren zudem Judo, und Finja spielt bei Falke Fußball. „Wenn einige der Mädchen unterwegs und nur noch zwei oder drei Kinder im Haus sind, empfinde ich das als richtig langweilig“, sagt Ronny. „Es ist anstrengend, aber man gewöhnt sich daran“, sagt die 15-jährige Celine. Anstrengend, soviel ist klar, ist auch die Haushaltsführung. Die Waschmaschine läuft rund um die Uhr, berichtet Nicole. Sie kann sich in Sachen Haushalt auf ihre Mädels verlassen: „Klar helfen wir alle mit!“, betont Lea.

Dass sie so viele Geschwister hat, findet die Zwölfjährige toll: „Das ist richtig aufregend. Man hat immer was zu tun und zu spielen.“

Bis abends um 7. Dann heißt es Schlafenszeit. Der Abend gehört Ronny und Nicole. Wenn Oma Petra, die mit im Haus lebt, auf den Nachwuchs aufpasst, lassen die Beiden es sich nicht nehmen, auch einmal auszugehen. Ins Kino. Oder zu einem schönen Essen zu zweit. Und zwei- bis dreimal im Jahr packen Ronny und Nicole ihre Großfamilie auch in den Familienvan und Zweitwagen und fahren mit Mann und Maus in Urlaub. In Centerparcs.

Die Wesemanns strafen jedes Vorurteil über kinderreiche Familien Lügen. „Klar, man hört schon mal, das Kinderreiche als asozial gelten, und die Leute gucken schon und begutachten einen, aber damit hat es sich. Wir laufen ja nicht in Jogginganzügen rum und fahren auch keine 20 Jahre alte Rostlaube“, sagt Ronny. „Unverständnis habe ich noch nie gespürt.“

Alle sieben Sprösslinge sind Wunschkinder, betont das junge Paar. Dass Ronny Wesemann so lange weiter auf Nachwuchs gesetzt habe, bis nach sechs Mädchen endlich mal ein Junge die Männerquote in der Familie anhob, sei nicht wahr. Immerhin: „Jetzt ist das Haus voll.“ Weiterer Nachwuchs sei nicht geplant. Sagt er. Auf seinem T-Shirt steht der Satz: „Die besten Männer werden zum Papa befördert!“ Ronny Wesemann muss zu den Besten der Besten gehören. „Und wenn ich mir die Kinder so angucke, die sind ihnen allesamt gut gelungen!“, bestätigt Nachbar Rudi Bertram.

Kinder tun gut. Nicht nur der Rentenkasse. Das hat schon TV-Entertainer Harald Schmidt festgestellt: „Mehr Kinder bedeuten mehr Gelassenheit. Wenn das erste Kind vom Stuhl fällt, fliegt man mit dem Hubschrauber in die Uniklinik. Beim zweiten geht man zum Kinderarzt, das dritte kriegt ein Pflaster, beim vierten heißt es: Stell dich nicht so an.“

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