Eschweiler - Drei Genies tarnen sich mit Wahnsinn

Drei Genies tarnen sich mit Wahnsinn

Von: Andreas Röchter
Letzte Aktualisierung:
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Schließen einen Pakt, der sich jedoch als nutzlos erweist: die Physiker Herbert Georg Beutler alias Newton (Jonas Schleypen), Johann Wilhelm Möbius (Jonas Wintz) und Ernst Heinrich Ernesti alias Einstein (Ilja Zakharov, v. l.). Foto: Andreas Röchter

Eschweiler. „Wollen sie mich verhaften, weil ich die Krankenschwester erdrosselt oder die Atombombe ermöglicht habe?” Die Frage, die Alec Jasper Kilton alias Herbert Georg Beutler alias Isaac Newton alias Albert Einstein zu Beginn des 1. Aktes von Friedrich Dürrenmatts Komödie „Die Physiker” Kriminalinspektor Richard Voß stellt, zieht sich wie ein roter Faden durch das gesamte Werk.

Was darf die Wissenschaft und wie sehr steht sie in der Verantwortung gegenüber ihren Erkenntnissen? Am Dienstagabend brillierten nun unter der Leitung von Herbert Thomé die Schüler des Literaturkurses I der Bischöflichen Liebfrauenschule, die das 1961 entstandene Theaterstück mit ansteckender Spielfreude auf die Bühne ihrer Aula brachten und nach zwei Stunden voller Dramatik, Irrwitz, Humor und Nachdenklichkeit wohlverdienten, langanhaltenden Applaus ernteten.

In der Nervenheilanstalt „Les Céresiers” hat sich der zweite „Unglücksfall” binnen drei Monaten ereignet. Ernst Heinrich Ernesti (Ilja Zakharov), der sich für Albert Einstein hält, hat eine Krankenschwester erdrosselt. Kriminalinspektor Richard Voß (Thomas Weber) ist genauso ratlos wie einige Wochen zuvor, als Herbert Georg Beutler (Jonas Schleypen), der glaubt, Isaac Newton zu sein, eine Pflegerin tötete. Irrenärztin Dr. Mathilde von Zahnd (Rebecca Lövenich) klärt ihn auf, dass es sich bei den Wissenschaftlern keinesfalls um Mörder, sondern höchstens um Täter handelt, die auf Grund ihrer Geisteskrankheit für ihr Handeln nicht verantwortlich seien.

Dritter im Bunde der Physiker ist Johann Wilhelm Möbius (Jonas Wintz), der seit 15 Jahren Insasse der Anstalt ist, da ihm König Salomo erscheint. Doch schnell wird deutlich, dass keiner der Physiker irre ist. Vielmehr hat Möbius die „Weltformel” entdeckt, die, wenn sie in falsche Hände gerät, zur Vernichtung allen Lebens führen kann. Um sein Wissen vor der Welt zu verbergen, spielt er den Verrückten. „Die Vergangenheit löscht man am besten mit wahnsinnigem Betragen aus”, macht er deutlich. Als Krankenschwester Monika Stettler (Barbara Zander) ihm aber ihre Liebe gesteht und ihm offenbart, dass sie sich ein gemeinsames Leben mit ihm außerhalb der Anstalt vorstellen kann, sieht er sein Versteck in Gefahr und sich gezwungen, sie zu töten.

Da daraufhin die Krankenschwestern gegen männliche Kampfsportler ausgewechselt werden, halten Ernst Heinrich Ernesti und Herbert Georg Beutler die Zeit für gekommen, aus der Anstalt zu fliehen. Sie geben sich Möbius gegenüber als Mitarbeiter unterschiedlicher Geheimdienste zu erkennen und versuchen ihn zu überzeugen, die „Weltformel” ihrem Land zur Verfügung zu stellen. „Sie sind ein Genie und als solches Allgemeingut”, gibt Beutler zu verstehen. Möbius erklärt den Beiden jedoch, seine Aufzeichnungen vernichtet zu haben. Ernesti und Beutler sind entsetzt, doch Möbius gelingt es, sie von der Richtigkeit seines Handelns zu überzeugen. „Wir müssen versuchen, das Vernünftige zu denken.”

Die drei Physiker schließen einen Pakt. Sie beschließen, als Sühne für ihre Morde in der Irrenanstalt zu bleiben. „Verrückt, aber weise. Gefangen, aber frei. Physiker, aber unschuldig.” Doch sie haben die Rechnung ohne Dr. Mathilde von Zahnd gemacht. Die Irrenärztin hat alle Aufzeichnungen von Möbius kopiert und schickt sich an, sie für ihre Ziele zu nutzen. Sie ist die einzige Irre in der Irrenanstalt. Die wahrhaftigste, aber gefährlichste Erkenntnis von Möbius bewahrheitet sich in ihrer schlimmsten Form: „Was einmal gedacht wurde, kann nicht mehr zurückgenommen werden!”

In beeindruckender Weise gelang es den Schülern, die Kernfrage, die Friedrich Dürrenmatt mit seinem Werk aufwirft, und die heute so aktuell ist wie im Jahr 1961, herauszuarbeiten: Was darf die Wissenschaft und wo stößt sie an ihre moralischen Grenzen? Der Autor appelliert an die Wissenschaft, manches Denkbare erst gar nicht zu denken, da dies die einzige Möglichkeit sei, es zu verhindern. Dass er dafür die Darstellungsform der Komödie wählte, war für ihn selbstverständlich: „In der heutigen Zeit kommt nur noch das Komische dem Realen bei”, erklärte Friedrich Dürrenmatt.

So hatten die Zuschauer am Dienstagabend in der vollbesetzten Aula der Bischöflichen Liebfrauenschule mehr als einmal die Gelegenheit, herzhaft zu lachen. Doch wesentlich häufiger dürften sie auf Grund markanter und von den jungen Darstellern prägnant interpretierter Sätze zum Nachdenken angeregt worden sein.

Heute Abend stehen nun ein zweites und letztes Mal Ermittlungen in der Nervenheilanstalt „Les Céresiers” auf dem Programm. Um 20 Uhr nimmt Inspektor Voss erneut seine Untersuchungen auf. Eine Gelegenheit, die sich kein Theaterfreund entgehen lassen sollte.
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