Eschweiler - Dr. Heinrich Claes: Der Indestädter, der Leverkusen erfand

Dr. Heinrich Claes: Der Indestädter, der Leverkusen erfand

Von: Friedhelm Ebbecke-Bückendorf
Letzte Aktualisierung:
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Die Fabrik des Apothekers Carl Leverkus, hier ein Stich aus dem Jahr 1876, war Namenspate der 1930 gegründeten Stadt Leverkusen.
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Es schlug Konrad Adenauer ein Schnippchen: Dr. Heinrich Claes, Bürgermeister von Leverkusen und gebürtiger Eschweiler. Foto: Stadt Leverkusen
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Zwischen Feldern und Viehweiden ein mächtiges Rathaus, dahinter ein Park mit Dienstvilla. Hier residierte Dr. Heinrich Claes als Bürgermeister von Wiesdorf und später Leverkusen. Foto: Privatarchiv Ebbecke-Bückendorf

Eschweiler. Die Stadt Leverkusen, Nachbarstadt von Köln am Rhein, entstand 1930. Ihr erster Bürgermeister war Dr. Heinrich Claes. Ein Eschweiler. Man kann Claes auch den Gründer von Leverkusen nennen. Er hatte als Bürgermeister der Stadt Wiesdorf jahrelang den Zusammenschluss mehrerer Orte im Kölner Norden betrieben.

Von ihm kam auch der Vorschlag, diese neue Stadt Leverkusen zu nennen. Claes kam am 13. Januar 1885 in Eschweiler zur Welt. Sein Vater war der Oberlehrer am Gymnasium Professor Dr. Ferdinand Claes, ein sehr frommer Mann. Seine vier Kinder eiferten ihm in ihrer Frömmigkeit nach. Sohn Karl Thomas wurde Priester, die beiden Töchter wurden Nonnen. Und auch das Leben von Heinrich Claes wurde sehr durch seinen sittenstrengen Katholizismus bestimmt, auch wenn das auf sein Bürgermeister-Amt wenig Einfluss hatte.

Jura-Student und Leutnant

1909, beim Tod seines Vaters, war Heinrich Claes Gerichtsreferendar in Aachen. Ein Jahr später, im März 1910, promovierte er: „Den juristischen Doktorhut erwarb sich Herr Referendar Heinrich Claes, ein Sohn des verstorbenen Herrn Professors Dr. Claes hierselbst“ meldete der „Bote an der Inde“. Vier Jahre später war er Gerichtsassessor in Köln. Seine Frau Anna Margareta Kindt war Eschweilerin, ihr Vater Wilhelm Heinrich Kindt ein Kaufmann und Ratsherr.

Im Ersten Weltkrieg wurde Heinrich Claes Ende 1915 zum Leutnant befördert. 1916 starb seine Mutter, 69 Jahre alt, an einer Lungenentzündung. Sie war wenige Monate zuvor Großmutter geworden. Die kleine Hildegard, erste von vier Töchtern von Anna und Heinrich Claes, kam im Juli 1915 zur Welt. Hildegard blieb lange Einzelkind. Ihre drei Schwestern wurden erst 1926, 1928 und 1929 geboren.

Zusammenarbeit mit Adenauer

Nach dem Ersten Weltkrieg ging der Jurist Dr. Heinrich Claes in die Verwaltung. Er wurde Stadtdirektor in Köln. Sein Chef dort hieß Konrad Adenauer. Der war 1917 mit 41 Jahren zum jüngsten Oberbürgermeister einer deutschen Großstadt gewählt worden. Adenauer versammelte junge, ehrgeizige und brillante Leute um sich. Heinrich Claes, neun Jahre jünger als Adenauer, war einer davon, und wie Adenauer gehörte er der Zentrumspartei an. Dass er, Claes, von dem politischen Fuchs Adenauer gelernt hat, bewies er Jahre später. Denn mit der Gründung der Stadt Leverkusen trickste er Adenauer aus.

Der Apotheker Carl Leverkus hatte 1834 in Wermelskirchen eine Fabrik gegründet, die künstliches Ultramarin herstellte. Einige Jahre später verlegte er die Firma an den Rhein. Sein Firmengelände auf dem Kahlberg bei Wiesdorf und die bald entstehende Arbeiter-Siedlung nannte er Leverkusen. Die Fabrik gibt es heute noch an der gleichen Stelle. Es ist die Bayer AG.

Ein riesiges Fabrikgelände mit rauchenden Schloten, ein Stück weit nördlich davon ein Dorf mit Fachwerkhäusern und Bauernhöfen – so präsentierte sich Wiesdorf am Anfang des 20. Jahrhunderts.

Wo zuvor Kühe grasten, bauten die Wiesdorfer ein monumentales Rathaus, 1910 war es fertig. Am 12. Februar 1921 wurden Wiesdorf die Stadtrechte verliehen.

Rathaus mit Park und Villa

Bürgermeister dieser frisch ernannten Stadt mit nun knapp 27.000 Einwohnern wurde Claes. Der gerade erst 36 Jahre alte Jurist erwies sich als Glücksgriff für den aufstrebenden Industriestandort. Mit Carl Duisberg, dem Generaldirektor der Bayer-Werke, arbeitete Claes eng zusammen, „wie mit einem Freund“, berichtete Astrid Gehlhoff-Claes, die 1928 geborene dritte der vier Claes-Töchter, in ihrem Lebensbericht „Inseln der Erinnerung“.

Eine Dienstvilla im Park hinter dem Rathaus wurde das Wohnhaus der Familie Claes. Ein Idyll, erinnert sich Tochter Astrid: „Wie herrlich fand ich den vier Morgen großen Park mit der Wiese in der Mitte, den hellen Wegen ringsum, den rosa Magnolien, den Rhododendren und den weißen Fliederbüschen am Tor. Das Paradies meines frühen Lebens.“

Claes strebte schon bald eine Vergrößerung der Stadt Wiesdorf an. Allerdings wollte auch der große Nachbar im Süden wachsen, die Stadt Köln. „Die Eingemeindungsgelüste des Kölner Oberbürgermeisters Konrad Adenauer“, der gerne die Gemeinde Schlebusch zu einem Kölner Stadtteil gemacht hätte, seien Ansporn für Wiesdorf gewesen, berichtete im Jahr 2000 der Leverkusener Oberbürgermeister Paul Hebbel.

Heute gilt Claes als der „Vater des Zusammenschlusses“. Bei der Stadt-Fusion brachte Dr. Claes auch den Vorschlag ins Spiel, die Stadt Wiesdorf künftig Wiesdorf-Leverkusen oder gleich nur noch Leverkusen zu nennen, nach der Bezeichnung für den Standort des Bayer-Werks: „Das Letztere ist empfehlenswerter, da Leverkusen weltbekannt ist und somit die Stadt ohne weiteres populär wäre“, schrieb er bereits 1925 in einem Brief an Geheimrat Carl Duisberg.

Leverkusen wird gegründet

1930 war es so weit. Wiesdorf schloss sich mit den Nachbarorten Schlebusch, Steinbüchel und Rheindorf zusammen und gab sich den Namen Leverkusen. Bürgermeister blieb Dr. Heinrich Claes.

Im Eschweiler Stadtarchiv existiert ein Brief von Heinrich Claes aus dieser Zeit. Nach dem Grubenunglück vom 21. Februar 1931, bei dem 32 Bergleute starben, kondolierte der Leverkusener Bürgermeister den Hinterbliebenen und teilte mit, der Stadtrat von Leverkusen habe eine Spende von 500 Mark für die Angehörigen der Opfer bewilligt. Der Brief zeigt auf nur einem Blatt Papier Großzügigkeit und Sparsamkeit zugleich. Großzügigkeit, denn 500 Mark waren damals auch für eine reiche Gemeinde viel Geld. Und Sparsamkeit, denn im Kopf des gedruckten Briefpapiers steht noch „Der Bürgermeister der Stadt Wiesdorf“. Das „Wiesdorf“ ist durchgestrichen und „Leverkusen“ drüber getippt – der Bürgermeister brauchte noch das alte Briefpapier auf.

Zerstörtes Paradies

1933, nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten, wurde Heinrich Claes abgesetzt. In die Dienstvilla zog sein NS-Nachfolger Wilhelm Tödtmann ein. Astrid Gehlhoff-Claes erinnerte sich an diese Vertreibung so: „Das Paradies war zerstört, seit die drei Jungen des Nazi-Bürgermeisters 1933 unseren Park besetzt, uns Spieltiere und Sandkasten weggenommen und jeden Versuch, dahin zurückzukehren, uns mit Schlägen und Tritten verwehrt hatten. Wir lebten, vier Schwestern mit den Eltern, in den Dachzimmern.“ Und auch das nicht mehr lange. Die Familie zog nach Köln.

Von den Nazis gedemütigt und seines beruflichen Erfolgs beraubt, setzte der moralisch überstrenge Katholik Claes seine Zukunftshoffnung in die Erziehung seiner Kinder. Tochter Astrid, die später Schriftstellerin wurde, schrieb von täglichem Kirchgang und von einer „Kontrolle auf Schritt und Tritt“. Als sie in der Nachkriegszeit unverheiratet schwanger wurde, zwang man sie, ihr Kind gleich nach der Geburt in ein Waisenhaus zu geben.

Wie Konrad Adenauer war auch Heinrich Claes aus der Zentrumspartei ausgetreten, nachdem diese für Hitlers Ermächtigungsgesetz gestimmt hatte. Wie Adenauer trat Claes nach dem Ende der NS-Zeit in die CDU ein. Er wurde wieder Bürgermeister und dann Stadtdirektor von Leverkusen. 1951 schickte die Stadt ihn in Pension, weil er die Altersgrenze von 65 Jahren schon überschritten hatte.

Wenig bekannt ist heute sein Engagement für Sitte und Moral in Deutschland. Claes war von 1937 bis September 1959, also 22 Jahre lang, Vorsitzender des Volkswartbundes.

In der Zeit der Weimarer Republik kämpfte diese private katholische Organisation vor allem gegen Freikörperkultur. In den 50er und 60er Jahren wurden die Sittenwächter des Volkswartbundes durch ihre Kampagnen gegen „Schmutz und Schund“ bekannt. Hunderte Anzeigen bei Staatsanwaltschaften wurden gestellt, viele Indizierungen von Büchern und Filmen durch die „Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften“ gehen auf Anträge dieses Bundes zurück. Nicht nur halb bedeckte Busen, sondern auch Comics wie „Micky Maus“ fanden die Volkswartbündler jugendverderbend.

Straße als Andenken

Dr. Heinrich Claes starb am 6. Mai 1963, seine Frau Anna im November 1976. Ihre Tochter Astrid, die am Sterbebett saß, versicherte, ihre Mutter sei „der gütigste Mensch“ gewesen. Das Rathaus von Leverkusen und die geliebte Villa im Park wurden 1971 abgerissen. An das Wirken des ersten Leverkusener Bürgermeisters erinnert die Heinrich-Claes-Straße im Wiesdorfer Teil der Stadt.

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