Eschweiler/Stolberg - Dr. Elke Ahlers: Bildung ist „Credo der nächsten Jahre“

Dr. Elke Ahlers: Bildung ist „Credo der nächsten Jahre“

Von: cheb
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Dr. Elke Ahlers gab interessante Einblicke in die Welt der „Industrie 4.0“. Foto: Christian Ebener

Eschweiler/Stolberg. Einblicke in die Zukunft der Industrie gab es jetzt beim Donnerberger Gesprächskreis. Dr. Elke Ahlers, Leiterin des Referats „Qualität der Arbeit“ des Wirtschafts- und sozialwissenschaftlichen Instituts in der Hans-Böckler-Stiftung, war auf Einladung des Europavereins GPB in das Offiziersheim der Donnerberger Kaserne gekommen, um über das Thema „Industrie 4.0 – Chancen und Risiken“ zu referieren und mit den zahlreichen Gästen direkt in die Diskussion zu gehen, was auch vielfach angenommen wurde. Ein heiß diskutiertes Thema also, mit dem der Europaverein wieder einmal genau den Nerv des Zeitgeistes traf.

Nachdem Peter Schöner, Präsident des Europavereins, die Gäste begrüßt hatte und kurz auf die psychischen Belastungen auf Grund der digitalisierten Arbeitswelt eingegangen war, widmete sich Ahlers der Erklärung von Industrie 4.0. Diese definierte sie als „cyber-physische Systeme“, die unsere Arbeitswelt zunehmend beeinflussen. Erklärend dazu merkte sie an, dass „wir uns in allen Lebensbereichen in einer dauerhaften Digitalisierung befinden“ – Smartphones, Laptops und Tablets sind ständige Begleiter und verknüpfen damit auch Arbeits- und Privatleben mehr als je zuvor.

Zudem zeigte Ahlers anschaulich, dass der Dienstleistungssektor immer weiter wächst – heute macht er bereits über 70 Prozent des Arbeitsmarktes aus – und dass man sich daher auch auf eine zunehmende Verschmelzung von Industrie und Dienstleistung einstellen muss.

Ahlers Maxime: „Wo müssen wir handeln?“ So wollte sie nicht nur den Prozess erläutern, der sich abspielt, sondern auch konkrete Vorschläge geben, wie die Chancen genutzt und die Risiken minimiert werden können. Dies war ihr umso wichtiger, da sie einen immer stärker werdenden Trend „Europäisierung und Globalisierung“ feststellte. Allgemein treten alle Firmen deutlich mehr als „Global Player“ auf, die Arbeitnehmer müssen immer flexibler und dauerhaft erreichbar werden. Weniger kritisch äußerte sie sich gegenüber den Ängsten, besonders aus Amerika, dass Maschinen zunehmend für den Verlust von Arbeitsplätzen sorgen.

So sieht sie auch auf Basis von Berechnungen namhafter Institute keinen massiven Verlust von Arbeitsplätzen, da die neuen Maschinen auch neue Bereiche schaffen. Allerdings, so merkte sie an, gilt dies meistens nur für gut ausgebildete Arbeitskräfte. Besonders für Geringverdiener müssen demnach neue Konzepte her, um den sozialen Frieden durch die „unglaubliche Leistungssteigerung in der Technik“ nicht zu gefährden.

„Das ist sozialer Brennstoff“, gab sie zu und verwies darauf, dass Deutschland einen der größten Niedriglohnsektoren Europas hat. Hier müsse gezielt angesetzt werden, um nicht die Zukunft von kommenden Generationen zu verspielen. Sie machte auch darauf aufmerksam, dass die fortschreitende Technisierung neue Berufsfelder schaffen werde, die heute noch gar nicht im Fokus lägen.

Gestiegene Arbeitsintensität als Problem

„Die Aufmerksamkeit sollte auf Dienstleistung gelegt werden“, sagte sie und verwies dabei auf die vielen Serviceleistungen im Web: Amazon, Uber und Airbnb haben mit ihren Konzepten alte Konkurrenten – Einzelhandel, Taxis und Hotelvermittlung – erheblich in Bedrängnis gebracht. Dabei wurde klar, dass nur die Firmen überleben können, die sich der „Industrie 4.0“ öffnen und bereit sind, den Betrieb ständig zu modernisieren. „Nur dort, wo Technik und menschliche Arbeitskraft zusammenarbeiten, kann langfristig ein Erfolg feststellbar sein.

Kritisch äußerte sich Ahlers allerdings gegenüber den Möglichkeiten der Firmen, die Arbeit ihrer Mitarbeiter zu kontrollieren. In vielen Betrieben ist es Usus geworden, Telefonanrufe und Browserhistorien zu vermerken. Zudem können Arbeitsplätze nach ihrer Ansicht einfacher ausgelagert und damit auch Tarifverträge umgangen werden. Ein Problem stellt nach ihrer Meinung die gestiegene Arbeitsintensität dar.

Trotz des Kostendrucks müssen die Firmen laut Ahlers mehr Stellen schaffen. Eine Hilfe könnten dabei dynamische Modelle sein: Sind Projekte vorhanden, werden neue Stellen geschaffen und, falls nötig, Überstunden geleistet. Bei einer ruhigeren Lage, sollen die Mitarbeiter dafür aber auch mehr entlastet werden.

Besonders appellierte sie an die großen Gewerkschaften, wie Verdi und IG Metall, diesen Prozess zu moderieren und für faire Arbeitsbedingungen zu sorgen. Mit flexibleren Arbeitsmodellen, gestiegener Produktivität und körperlich weniger schwerer Arbeit, locken nach ihrer Ansicht auch viele Vorteile. Davon unabhängig hielt sie zudem fest: Globalisierung und Digitalisierung können nicht verlangsamt und schon gar nicht gestoppt werden. „Es liegt an der Politik und den Gewerkschaften, die Auswüchse in die richtigen Bahnen zu lenken.“

Besorgte Nachfragen gab es mehrfach: Ob uns menschenleere Fabriken bevorstehen? Wie können wir Maschinen – physisch und als Software – kontrollieren? „Nein“, sagte Ahlers, die Maschinen werden nicht alles übernehmen in den Fabriken. Aber, und das galt auch der Beantwortung der zweiten Frage: „Bildung wird das Credo der nächsten Jahre sein“, hob sie nachhaltig hervor. Und eine gute Bildung müsse zwingend gewährleistet sein, denn die Fähigkeiten von Ingenieuren und gut ausgebildeten Arbeiters sind noch auf lange Sicht nicht von Maschinen übernehm- und automatisierbar.

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