Eschweiler - Dort kann sich jeder eine Couch leisten

Dort kann sich jeder eine Couch leisten

Von: Christina Handschuhmacher
Letzte Aktualisierung:
5892046.jpg
Möbel schleppen ist für sie Alltag: Der Sammelleiter des Awo-Möbellagers, Jörg Krahe (l.), und Mitarbeiter Tanjef Schäfer sind nahezu täglich mit ihrem weißen Van unterwegs, um Spenden für das Awo-Möbellager einzusammeln. Foto: Handschuhmacher
5892290.jpg
Drei Kinderhosen zum Preis von einem Euro: Conny Ceyhan, Koordinatorin des Möbellagers, faltet in der Kleiderkammer neue Ware. Foto: Handschuhmacher

Eschweiler. Ein Bild zeigt eine malerische Sommerlandschaft mit leuchtend roten Mohnblumen. Daneben steht eine massive Kommode in einem dunkelbraunen Holzton. Von der Decke strahlen Neonröhren, nur ein kleines mehrfach verglastes Fenster wirft Licht in die Lagerhalle.

 Im nächsten Gang wartet eine ausgemusterte Ledercouch mit zwei dazugehörigen Sesseln auf einen neuen Besitzer. Einblicke in das Möbellager und die Kleiderkammer der Arbeiterwohlfahrt (Awo). In diesen Tagen feiert die Einrichtung ihr 25-jähriges Bestehen.

Für die Menschen, die hier hinkommen, sind die Preise in gewöhnlichen Möbelhäusern und Geschäften einfach unerschwinglich. Mal eben eine neue Couch für 300 Euro kaufen? Das können sich viele schlicht nicht leisten. Im Möbellager der Awo bezahlen sie einen Bruchteil dieses Betrags. Denn dort heißt das Credo: weiterverwenden statt wegschmeißen! Denn was der eine vielleicht auf den Sperrmüll entsorgen würde, können andere Menschen oft noch ein paar Jahre benutzen. Deshalb reihen sich im Awo-Möbellager und der Kleiderkammer auf 500 Quadratmetern Fläche, Sitzgarnituren, Schränke, Lattenroste, Betten, aber auch Dekoration, Bücher, Fernseher, Geschirr, Kinderspielzeug, Ranzen und Kleidung aneinander.

Rund 1000 Menschen kommen nach Angaben der Awo monatlich in das Lager, das in einem Hinterhof an der Talstraße 70 liegt und von montags bis freitags geöffnet ist. „Unsere Kundenzahl wächst“, erzählt Conny Ceyhan, die die Arbeit in der gemeinnützigen Einrichtung koordiniert. „Anfang 2012 haben wir noch 600 Klienten monatlich gezählt, nun sind wir bei 1000 pro Monat.“ Richtig erklären kann sie sich diesen Anstieg nicht. Ceyhan sagt: „Naja, die Renten werden nicht angepasst und es gibt eben immer mehr Hilfsbedürftige.“ Und dazu zählen nicht nur Menschen, die von Hartz IV leben und mit einem Bewilligungsbescheid der Arbeitsagentur ins Möbellager geschickt werden.

Zu den Kunden des Möbellagers und der angeschlossenen Kleiderkammer zählen Geringverdiener, Auszubildende und Studenten, aber auch Rentner, die von dem, was sie monatlich erhalten, nicht leben können.

Einer von ihnen ist Peter F., 68 Jahre alt. Er schämt sich dafür, dass er und seine Ehefrau mit der monatlichen Rente nur sehr knapp über die Runden kommen. Deshalb will er seinen richtigen Namen in diesem Zusammenhang nicht in der Zeitung lesen. „Kürzlich habe ich eine Rentenerhöhung bekommen. Da war die Briefmarke, die da drauf geklebt hat, teurer als die Anhebung“, sagt er und lacht. Es ist ein bitteres Lachen.

Peter F. ist seit fünf Jahren Kunde im Möbellager. „Wir kaufen hier alles, was wir benötigen“, erzählt er. „Hosen und Hemden, wir haben aber hier zum Beispiel auch schon einen Schrank für unseren Sohn gekauft.“ Gewöhnliche Geschäfte betritt das Seniorenehepaar nur noch, um Lebensmittel zu kaufen; aber Kleidung, neue Einrichtungsgegenstände oder Elektrogeräte schaffen sie sich nur noch gebraucht an. „Kaufen wir hier ein, können wir uns viel mehr leisten, als wenn wir in ein gewöhnliches Geschäft gehen“, sagt der Rentner. „Wenn wir da ein Teil einkaufen, wird das Geld für den Rest des Monats schon knapp.“

Auch im Möbellager und der Kleiderkammer bezahlen die Kunden für die gebrauchten Gegenstände und Kleidung. „Auch wenn die Dinge, die wir hier verkaufen, Spenden sind, müssen wir einen kleinen Obolus nehmen, um unsere Kosten decken zu können“, sagt Ceyhan. Der kleine Obolus sieht so aus: Drei Jeans für Kinder sind zum Preis von einem Euro zu haben, eine Couchgarnitur ab 50 Euro aufwärts.

Und das Awo-Möbellager bietet nicht nur positive Aspekte für bedürftige Menschen. Es schafft auch Perspektiven für Langzeitarbeitslose, die dort nun eine Beschäftigung gefunden haben. „Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen waren damals im Juli 1988 auch einer der Gründe für die Gründung des Möbellagers“, erzählt der Vorsitzende des Awo-Kreisverbandes Aachen Land, Hans-Peter Göbbels. Derzeit sind zehn Menschen – ehemalige Langzeitarbeitslose und Ein-Euro-Jobber – in der Einrichtung beschäftigt. Sie sortieren die eingegangene Ware, holen Möbelspenden in den einzelnen Haushalten ab, bauen sie im Lager auf und liefern sie anschließend auch wieder aus.

Angefangen hatte 1986 alles mit einer Kleiderkammer, zwei Jahre später kam das Möbellager hinzu. Zuerst in Kellerräumen unter der Schwimmhalle an der Jahnstraße, seit 2006 nun in der Talstraße.

Eine Einrichtung, die für viele Menschen in Eschweiler nicht mehr wegzudenken ist. Auch nicht für die junge türkische Mutter, die fast täglich in der Talstraße vorbeischaut. „Ich bin sehr froh, dass es diese Einrichtung gibt“, sagt sie in gebrochenem Deutsch. Heute hat sie ein Reisebügeleisen und zwei Paar Schuhe gefunden. Einkaufswert: wenige Euro. Ihre Freude darüber: unbezahlbar.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert