Dilemma Analphabetismus: Den Schlüssel zur Welt erwerben

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Buchstabensalat? Die Volkshochschule hilft Erwachsenen, für die Wörter nichts als „Böhmische Dörfer“ sind. Foto: Stock/Caro

Eschweiler. Weltweit können 755 Millionen Erwachsene nicht richtig lesen und schreiben, darunter 7,5 Millionen Deutsche. Die Volkshochschule Eschweiler verspricht: „Wir helfen, denn so etwas darf in Deutschland nicht sein.“

Ist das weiße Paket im Regal jetzt Zucker oder Salz? Von welchem Bahnsteig fährt mein Zug? Was für die meisten Menschen mit einem Blick auf die Verpackung oder den Fahrplan beantwortet ist, stellt viele Menschen vor große Probleme: Jeder siebte Erwachsene in Deutschland kann nicht richtig lesen und schreiben, sagen Eingeweihte.

Angst und Abgeschiedenheit

Viele Betroffene ziehen sich aus dem Alltag zurück. Ihr Berufsleben ist geprägt von Ängsten und dem Zwang, zu täuschen und zu vertuschen. Denn wer das Schild mit der Warnung vor Gefahr nicht entziffern kann, darf diesen oder jenen Arbeitsplatz eigentlich gar nicht betreten. Insofern muss man bedenken: Nur gut ausgebildete Schulabsolventen finden einen sicheren Arbeitsplatz und tragen zum Wachstum der Wirtschaft und zur Finanzierung der Renten bei. Millionen von Menschen verlassen die Schule aber ohne Abschluss und haben damit kaum eine Chance auf dem Arbeitsmarkt. Und davon scheitern eine Reihe wiederum an Speisekarten, Hinweistafeln, am Fahrscheinautomaten oder an Klingelschildern – denn im täglichen Leben sind wir umgeben von vielen Dingen, die man lesen können muss.

Mechthild Lüneborg, Stellvertretende VHS-Leiterin und für „Alpha-Kurse“ in der Volkshochschule zuständig: „Es fällt den Betroffenen schwer, eine E-Mail oder SMS zu schreiben oder sich an fremden Orten zurecht zu finden. Sie können deshalb nur eingeschränkt am gesellschaftlichen Leben teilnehmen.“

Um ihren Alltag meistern zu können, bauen sich viele ein regelrechtes „Schutzsystem“ auf oder setzen beispielsweise verstärkt auf die Hilfe ihrer Partner und ihrer Familien. Sie leben auch nicht alle schlecht damit; manche haben ja durchaus einen Job und eine Familie. Aber es gibt mindestens genauso viele, die darunter leiden und den Ausweg nicht finden. Betroffene gibt es dabei in jeder Altersgruppe und unter Männern wie Frauen. Aus diesem Grunde gibt es spezielle Kurse in den deutschen Volkshochschulen – und auch die VHS Eschweiler führt zwei Kurse dieser Art durch, wo deutsche Erwachsene noch lesen und schreiben lernen. „Ich berate gern. Denn wer an einem Alpha-Kurs teilnimmt, verändert sich - schon nach kurzer Zeit hat man einen anderen Menschen vor sich, der wieder aufrecht geht und an Selbstbewusstsein gewinnt“, schildert Mechthild Lüneborg ihre Erfahrungen.

Nur 20 Euro zahlen Deutsche, die einfache Texte nicht lesen und schreiben können, für ein ganzes Semester Unterricht – das ist natürlich bei weitem nicht kostendeckend. VHS-Leiter Hans-Werner Schmidt: „Hier entstehen rote Zahlen – na klar. Aber als Volkshochschule stehen wir zu unserer Verantwortung für die Menschen in unserer Stadt.“

Raus aus der Tabu-Ecke

Ein großes Problem bestehe jedoch darin, dass Analphabetismus erst langsam aus der Tabu-Ecke herauskomme. Betroffene würden häufig Unverständnis ernten und bekämen die Schuld für ihr Unvermögen zugeschoben, obwohl vieles an den Schulen und vor allem am früheren familiären Milieu liege. Hans-Werner Schmidt war derjenige, der in seinem Büro vor Jahrzehnten von einem jungen Mann angesprochen wurde und dem Problem auf die Spur kam. Mechthild Lüneborg, die diese Arbeit von ihm übernahm: „Wegen des Unverständnisses würde ich nie pauschal allen Betroffenen raten, ihr komplettes Umfeld einzuweihen. Darüber reden wir auch in meinen persönlichen Beratungen.“ Umgekehrt empfiehlt sie aber auch, Menschen bei einem entsprechenden Verdacht darauf anzusprechen und ihnen Hilfe anzubieten – etwa wenn der Kollege immer gerade dann seine Brille nicht zur Hand hat oder dringend weg muss, wenn es darum geht, ein Formular auszufüllen.

Ihr ist wichtig, welche privaten und beruflichen Perspektiven das Lesen und Schreiben eröffnet und warum es nie zu spät ist, diesen „Schlüssel zur Welt“ selbst in die Hand zu nehmen. Seit bald 30 Jahren bietet die Volkshochschule Kurse zum Lesen und Schreiben an - vormittags wie nachmittags.

Vor einer Anmeldung findet eine vertrauliche Beratung mit Mechthild Lüneborg statt. Solche Beratungstermine kann man mit ihr vereinbaren unter Telefon 702770. Und übrigens: Das Problem ist nicht auf Deutsche beschränkt. Deshalb gibt es entsprechende Angebote auch für Migranten. Hier ist Ansprechpartnerin: Malgorzata Müller, Telefon 702750.

Mehr dazu im neuen VHS-Programmheft, das ab 15. Januar kostenlos zu allen Eschweiler Haushalten gebracht wird.

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