Die SPD will doch auf Brautschau gehen

Von: Rudolf Müller und Patrick Nowicki
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Der Augenblick, in dem die ganze Anspannung der zurückliegenden Wochen von ihm abfiel: Bürgermeister Rudi Bertram Sonntagabend beim Anblick der jubelnden „Fans” im Sitzungsraum der SPD. Foto: Rudolf Müller

Eschweiler. Wenn es je eine „Festung” der CDU in der Stadt Eschweiler gab, dann war dies das Gebiet Lyceum, der Wahlbezirk 3. Den hatten die Christdemokraten bislang immer direkt gewonnen. Und davon, dass dies auch in diesem Jahr so sein würde, war Wahlkreiskandidat Norbert Dondorf fest ausgegangen. So fest, dass er darauf verzichtet hatte, sich auf der Reserveliste der CDU absichern zu lassen.

Eine Fehleinschätzung mit Folgen: Der gestandene CDU-Mann, immerhin stellvertretender Fraktionsvorsitzender, verlor den Bezirk mit Pauken und Trompeten - an einen Neuling. Oliver Liebchen ist 26 Jahre alt, lebt seit drei Jahren in Dürwiß und gehört seit zwei Jahren dem Juso-Vorstand an. Und Norbert Dondorf muss im Rathaus künftig mit einem Besucherstuhl vorlieb nehmen - ohne Rede- und Stimmrecht.

Wer künftig im Rat das Sagen hat, das steht seit Sonntagabend außer Zweifel: die SPD. Sie schickt 25 Stadtverordnete in den Rat - so viele wie die vier übrigen Fraktionen zusammen (siehe Aufstellung unten). Das reicht sogar, um allein zu regieren: Immerhin hat im Rat auch der Bürgermeister als 51. Mitglied Stimmrecht. Und Rudi Bertram gehört nun mal der SPD an.

Ob sich die Genossen tatsächlich mit dieser knappen Mehrheit zufriedengeben, oder ob sie - wie gehabt - den Grünen wieder eine Koalition oder auch nur Kooperation anbieten, das bleibt abzuwarten. SPD-Fraktionschef Leo Gehlen ließ durchblicken, dass die Ehe mit den Grünen durchaus fortgesetzt werden soll. „Wir haben gemeinsam eine gute Politik gemacht, außerdem ist eine stabile Mehrheit wichtig”, so der Genosse. Allerdings wolle man nichts übers Knie brechen: „Wir haben bis zur konstituierenden Sitzung noch einige Wochen Zeit.”

Am Montagabend tagten die Fraktionen, um die Wahlergebnisse zu analysieren, mögliche Konsequenzen zu ziehen und zu beraten, wie´s nun weitergeht. Insbesondere die CDU wird einiges aufzuarbeiten haben: wie es kommt, dass die einstige „Volkspartei” immer mehr Gefahr läuft, bei künftigen Wahlen unter „Sonstige” abgehakt zu werden? Wieso die heutige Partei- und Fraktionsspitze eher bürgerfern als bürgernah zu sein scheint? Und wieso die Themen, mit denen die Christdemokraten punkten wollten, offenbar nicht die sind, die die Bürger berühren? Die CDU von heute ist nicht mehr die eines Christian Nießen, Günter Jacquorie und Franz-Josef Dittrich. Auch die haben Reizpunkte gesetzt und intern wie extern für Auseinandersetzungen gesorgt, hatten dabei aber stets das Ohr am Bürger. Ein Kontakt, den die Wähler offensichtlich bei der heutigen CDU-Spitze vermissen.

An Imageproblemen braucht Rudi Bertram nicht zu arbeiten: Im Wahlbezirk Stadtzentrum kassierte er sein schlechtestes Wahlergebnis - satte 63,10 Prozent. Nebenan, in der einstigen CDU-Hochburg Lyceum, setzen 64,17 Prozent der Wähler auf Bertram, der in gerade mal sechs von 25 Bezirken unter 70 Prozent blieb: Neben den genannten sind dies Kinzweiler/St. Jöris, KinzweilerII/Hehlrath, Dürwiß I und Röthgen-Ost. Sein beste Ergebnis fuhr Bertram im heimatlichen Bergrath-Nord ein: 78,63 Prozent.

Ungebrochene Popularität

Wer erwartet hatte, dass sich Rudi Bertrams Beliebtheit nach dem „Erdrutsch-Sieg” von 2004 verschlissen habe, der sieht sich enttäuscht: Bertrams Popularität ist ungebrochen - und so groß, dass die Fraktionsgenossen wie eine Meute Kormorane in Pfeilformation hinter dem Alphatier herfliegen, um dabei das eine oder andere Prozentpünktchen mit abzustauben, wie Fraktionschef Leo Gehlen es formulierte.

Ein solches Alphatier sucht man in den Reihen der Christdemokraten vergeblich: Allenfalls Willi Bündgens hielt die Fahne der CDU aufrecht, indem er als einziger Eschweiler Unionskandidat seinen Wahlkreis gewann. Allerdings für den Städteregionstag. Über seinen Sieg konnte sich der gestandene Christdemokrat jedoch keineswegs freuen: „Das Ergebnis für die CDU in Eschweiler ist sicherlich sehr schwerwiegend und lässt nicht den Schluss zu, dass die Talsohle durchschritten ist”, befürchtet Willi Bündgens. Allerdings sehe er nach wie vor das Potenzial für die Eschweiler CDU. „Bei allen trennenden Vorstellungen gilt es nun, Gemeinsamkeiten für unsere Stadt zu finden, die von einer großen Mehrheit der Bevölkerung toleriert wird”, fordert er.

Ein neues Gesicht wird die Ratsarbeit in Zukunft prägen: Albert Borchardt trat für die Linke als Bürgermeisterkandidat an und zieht in den Stadtrat. Mit dem Ergebnis von 2,97 Prozent der Stimmen war er durchaus zufrieden. „Wir befinden uns im Aufbau. Das war eine sehr anstrengende Zeit im Wahlkampf”, räumt er ein. Der Neuling konnte bei den Veranstaltungen mit seiner unbekümmerten Art durchaus punkten. Jetzt gilt es, sich im Rat als Einzelkämpfer zu bewähren.

Neu im Rat ist auch Volker Willms, Liberaler aus Hehlrath. Er bewies mit seinem herausragenden Ergebnis von 16,24 Prozent im Wahlkreis Hehlrath/Kinzweiler, dass sich die ständige Arbeit an der Basis, also bei den Bürgern durchaus in Wählerstimmen bemerkbar macht. Gleiches gilt auch für Walter Rauchenberger von der UWG in Röthgen-Ost, der dort einen Bürgertreff initiierte, allerdings nicht in den Stadtrat einzieht. Im Gegenteil: Die UWG musste den Status als drittstärkste Kraft an die FDP weiterreichen. Die Liberalen besetzen nun vier Ratssitze, die „Unabhängigen” nur noch drei.

Grüne mit besten Karten

Um die Geschicke der Stadt entscheidend zu beeinflussen, reicht diese Zahl angesichts des deutlichen Sieges der SPD nicht. Die Grünen haben nach den vergangenen fünf Jahren die besten Karten. Der Christdemokrat Norbert Dondorf hingegen durfte am Wahlabend wenigstens etwas feiern: den 18. Geburtstag seiner Tochter. Kein Wunder, dass er kurz nach dem Bekanntwerden seines Wahlergebnisses das CDU-Fraktionszimmer schnurstracks verließ.
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