Eschweiler - Die Pressefreiheit ist meist eines der ersten Opfer im Krieg

Die Pressefreiheit ist meist eines der ersten Opfer im Krieg

Von: ran
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Andreas Düspohl, Leiter des Internationalen Zeitungsmuseums Aachen, warf während des Donnerberger Gesprächskreises am Beispiel des Ersten Weltkriegs einen kritischen Blick auf die Arbeit der Medien im Krieg. Foto: Andreas Röchter

Eschweiler. Der historische Anlass liegt 100 Jahre zurück, angesichts der Entwicklungen in Syrien, im gesamten Nahen Osten sowie der Ukraine könnte das Thema jedoch aktueller nicht sein: „Der Krieg und die Medien - Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs in der deutschen und internationalen Presse“ lautete die Überschrift des ersten Donnerberger Gesprächskreises des Winterhalbjahres 2014/2015.

Vor zahlreichen Zuhörern referierte im Offiziersheim der Donnerberg-Kaserne mit Andreas Düspohl der Leiter des Internationalen Zeitungsmuseums Aachen, der zunächst einen rund dreiviertelstündigen Blick zurück zum Beginn des 20. Jahrhunderts warf, um in der anschließenden Diskussionsrunde auch Parallelen zur Gegenwart zu ziehen.

„Der Erste Weltkrieg ist derzeit in aller Munde. Und das ist gut so!“, startete Andreas Düspohl seinen Vortrag mit einer deutlichen Feststellung. „Es ist wichtig, unseren Nachbarn zu zeigen, dass auch in Deutschland, wo aus nachvollziehbaren Gründen der Zweite Weltkrieg wesentlich mehr im Fokus steht, der Erste Weltkrieg nicht in Vergessenheit geraten ist. Nicht umsonst heißt dieser Krieg in Frankreich le grand guerre´ und in Großbritannien Great War´. Zudem hatte Großbritannien im Ersten Weltkrieg mehr Opfer zu beklagen als im Zweiten“, begründete der Referent. Generell seien Kriege bereits seit der Antike auch als Medien- und Propagandakriege geführt worden.

In Zeiten der heutigen digitalen Revolution trete dieses Phänomen natürlich so stark wie nie zuvor in Erscheinung. „Durch die Manipulation von Bildern sowie der Einschränkung der Pressefreiheit ist es möglich, die Deutungshoheit über Ereignisse oder angebliche Ereignisse zu erlangen“, so Andreas Düspohl, der als Beispiel das Handeln des sogenannten Islamischen Staates nannte. In zahlreichen Kriegen zählten Journalisten sowie die Pressefreiheit zu den ersten Opfern! Und zwar in vielfacher Hinsicht. So hätten Bilder des Vietnam-Krieges immer stärkere Proteste in den Vereinigten Staaten ausgelöst, die letztlich zur militärischen Niederlage der USA beitrugen. „In den Golf-Kriegen gab es dann keine freie Berichterstattung mehr“, nannte der Museumsleiter Folgen.

Zu Beginn des Ersten Weltkrieges sei die Zeitungslandschaft in Deutschland äußerst lebhaft gewesen. „Es existierten etwa zehnmal so viele Zeitungen wie heute. In Berlin tobte sogar ein so genannter Zeitungskrieg´, in dem um jeden Leser erbittert gekämpft wurde. Auch wenn es uns heute vielleicht überrascht, herrschte im Kaiserreich durchaus Meinungspluralismus“, erklärte der gebürtige Westfale. Das journalistische Niveau sei hoch gewesen und bei weitem nicht alle Journalisten seien von Kriegsbegeisterung mitgerissen worden. „Die Stimmung vieler damaliger Journalisten kann als gespalten beschrieben werden. Einerseits durchaus kritisch, andererseits wollten viele Schreiber aber nicht, dass ihre Kritik die Soldaten negativ beeinflusst.“

Als Beispiel nannte Andreas Düspohl einen im Juli 1914 von Dr. Arthur Bernstein für die Berliner Morgenpost verfassten Artikel, in der der Journalist „geradezu prophetisch“ die fatalen Folgen eines Weltkriegs für Deutschland beschreibe, der aber mit Einwilligung des Autors niemals in der Zeitung veröffentlicht worden sei. „Dabei muss betont werden, dass der Artikel nicht von oben´ verboten wurde. Überhaupt ist während des Ersten Weltkriegs keine Zeitung verboten worden.“ Dennoch müsse konstatiert werden: „Zu keiner Zeit werden Zeitungen mehr benötigt als im Krieg. Und zu keiner Zeit ist die Arbeit von Zeitungen schwieriger!“

Die immer distanzlosere Berichterstattung im Bezug auf die Entscheidungen der Armeeführung habe in Deutschland dazu geführt, dass die Menschen begannen, der Presse zu misstrauen. Unmittelbar nach dem Attentat von Sarajevo auf den österreichischen Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand am 28. Juni 1914 habe in der öffentlichen Meinung in Österreich und Deutschland nichts auf eine politische Aktion gegen Serbien hingewiesen. Doch bereits kurz darauf sei die Presse instrumentalisiert worden, woraufhin der Begriff „Großserbische Verschwörung“ die Runde gemacht habe. „Die Vorwärts mit Gott´-Rhetorik Kaiser Wilhelms wurde von den Medien übernommen“, so Andreas Düspohl.

Mit Kriegsbeginn hätten sich dann die Rahmenbedingungen für die Presse dramatisch verändert: „Man war von Nachrichten aus dem Ausland abgeschnitten. Ein Notstandsparagraph verbot auch Meldungen zur Wirtschaftslage in Deutschland. Es gab eine Vorzensur. Berichte, die dem Feind die Möglichkeit zur Propaganda eröffneten, wurden grundsätzlich untersagt. Die Zahl der Journalisten im Kriegsgebiet wurde begrenzt, die Berichterstatter unterstanden den Anweisungen des Generalstabs.

Die bildliche Darstellung militärischer Art unterlag immer der Vorprüfung, große Teile des Bildmaterials stammten vom Militär selbst“, unterstrich der Referent. Nicht selten hätten suggestive Zeichnungen, die frei erfunden sein konnten, Fotos ersetzt. Allerdings habe die deutsche Armeeführung im Jahr 1917 eine realistischere Schilderung der Lage angeordnet, da die Abweichung zu den Schilderungen in den Feldpostbriefen der Soldaten, von denen im Ersten Weltkrieg insgesamt 18 Milliarden (!) anfielen, zu groß waren. Die Ermordung von rund 7000 belgischen Zivilisten in den ersten Wochen des Krieges sei jedoch in den deutschen Zeitungen als Kampf gegen Freischärler dargestellt worden.

„Propaganda, die an Urängste vor Deutschland und den Deutschen appellierte, gab es auch auf der Gegenseite. Das Ziel lautete natürlich, die Meinungshoheit zu gewinnen“, erläuterte der Museumsleiter, der an der RWTH Aachen Geschichte, Anglistik und Philosophie studierte. So präsentierte Andreas Düspohl Zeichnungen und Karikaturen, in denen sich die deutsche „Germania“ lasziv in die Arme des Todes wirft.

Auch die Gegenüberstellung der Begriffe „Deutschland“ und „Kultur“ sei durchgehend negativ besetzt worden. Als Beispiel für die unterschiedliche Nutzung von Propaganda führte der Referent die Versenkung des britischen Passagierschiffes „Lusitania“ durch ein deutsches U-Boot an, der im Jahr 1915 rund 1200 Menschen, darunter 128 US-Amerikaner, zum Opfer fielen und die ihren Teil zum Kriegseintritt der USA beitrug. „Obwohl verboten, wurden auf der Lusitania Waffen transportiert. Dies wurde von Deutschland nicht dargestellt.

Großbritannien und die USA hatten also die Meinungshoheit über ein Ereignis, das den Tod zahlreicher Zivilisten herbeigeführt hatte, und nutzten diese.“ Interessant sei auch, zu erwähnen, dass Zeitungen neutraler Länder in Deutschland verfügbar waren und keiner Zensur unterlagen. „Es war also durchaus möglich, unvoreingenommene Informationen zu erhalten“, erklärte Andreas Düspohl, der im letzten Teil seines Vortrags auch auf „Soldatenzeitungen“, die durchaus authentische Bilder von den Kriegsschauplätzen geliefert hätten und historisch relevant seien, und „Gefangenenzeitungen“ hinwies.

Und das Fazit? „Zensur, Propaganda und der Kampf um die Meinungshoheit bestimmten und bestimmen damals wie heute die Berichterstattung im Krieg!“ Parallelen in den politischen Entwicklungen der Jahre 1914 und 2014 seien durchaus zu bemerken. „Damals war ein nur geringes Bewusstsein für die Konsequenzen des Handelns vorhanden. So herrschten in Deutschland, wo die Menschen seit 1871 im Frieden lebten, romantische Vorstellungen in Sachen Krieg. Heute blicken wir in Westeuropa ebenfalls auf eine lange Friedensperiode zurück. Gewisse Vergleiche sind also möglich!“

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