Die Lupe wird nur noch im Notfall genutzt

Von: Christina Handschuhmacher
Letzte Aktualisierung:
5663179.jpg
Von Christina Handschuhmacher Eschweiler. „Pfeffer“, sagt die auf Tonband aufgenommene Stimme von Hannelore Stolz und es klingt ein wenig blechern. Einige wenige Sekunden später: „Koriander.“ Hannelore Stolz steht vor dem Gewürzregal in ihrer Küche un Foto: Christina Handschuhmacher
5663183.jpg
Fotos: Christina Handschuhmacher Foto: chh
5663180.jpg
Fotos: Christina Handschuhmacher Foto: chh

Eschweiler. „Pfeffer“, sagt die auf Tonband aufgenommene Stimme von Hannelore Stolz und es klingt ein wenig blechern. Einige wenige Sekunden später: „Koriander.“ Hannelore Stolz steht vor dem Gewürzregal in ihrer Küche und bereitet für sich und ihren Mann Bernhard das Mittagessen zu. Und das längliche silberne Gerät, das sie währenddessen in der Hand hält, hilft ihr dabei.

Hannelore Stolz ist sehbehindert und das Gerät in ihrer Hand ist ein Lesestift. Mit durchnummerierten, kleinen blauen Aufklebern hat Hannelore Stolz unter anderem alle Gewürze in ihrer Küche markiert und wenn sie nun den Stift auf ein Etikett drückt, verrät ihr das Gerät, was sie da gerade in der Hand hält.

Hannelore Stolz ist schwerst sehbehindert. Sie wurde mit einem Sehfehler geboren und hat in den vergangenen Jahren aufgrund einer Netzhautablösung immer mehr an Sehkraft verloren. Selbst mit Sehhilfen wie Kontaktlinsen oder Brille erreicht sie nur noch eine Restsehkraft, die bei drei Prozent dessen liegt, was ein gesundes Auge sehen kann.

Wie viele Menschen in Deutschland sehbehindert beziehungsweise blind sind, lässt sich nicht genau beziffern. Nach Berechnungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) gibt es über 1,2 Millionen sehbehinderte Menschen in Deutschland. Der Deutsche Blinden- und Sehbehindertenverband (DSBV) hat deshalb 1998 den Sehbehindertentag ins Leben gerufen, um jährlich am 6. Juni auf die Anliegen sehbehinderter Menschen aufmerksam zu machen – diesmal zum Thema Sehen in Alterseinrichtungen.

Hannelore Stolz findet es gut, dass am Donnerstag auf die Bedürfnisse von sehbehinderten und blinden Menschen aufmerksam gemacht wird. „Viele Menschen kennen sich viel zu wenig mit dem Thema Sehbehinderung aus und wissen nicht, wie sie uns im Fall der Fälle weiterhelfen können“, sagt die 72-Jährige.

In ihrer Wohnung ist Stolz trotz Sehbehinderung kaum auf fremde Hilfe angewiesen – dank einiger Kniffe und Hilfsmittel. „Damit ich erkennen kann, ob mein Herd ausgeschaltet ist, habe ich kleine Gumminoppen auf die Nullmarkierung geklebt“, sagt die Rentnerin. Auch an einigen Knöpfen der Stereoanlage kleben die Gummiplättchen – ihr Tastsinn hilft der Eschweilerin dort weiter, wo ihre Augen es nicht können. „Je schlechter meine Augen geworden sind, umso besser sind meine Ohren und mein Tastsinn geworden“, sagt Hannelore Stolz. Auch eine Lupe liegt für den Notfall noch bereit. „Um damit lesen zu können, muss ich mich aber schon sehr anstrengen.“

Praktischer ist da schon das Bildschirmlesegerät. Wenn Hannelore Stolz eine Zeitung lesen möchte, legt sie diese unter das Bildschirmlesegerät in ihrem Esszimmer. Mit einer Kamera nimmt das Gerät die Zeitungsseite in Echtzeit auf und gibt sie stark vergrößert auf dem Bildschirm wieder.

„Die technischen Entwicklungen in den vergangenen zehn bis 20 Jahren haben für uns Sehbehinderte das Leben deutlich leichter gemacht“, sagt auch Herbert Sorge, der ebenfalls mit einem Sehfehler zur Welt kam. Der 62-Jährige ist Vorsitzender des Blinden- und Sehbehindertenvereins der Städteregion. Seit knapp zwei Monaten hat der Stolberger ein Smartphone und ist von den vielen Möglichkeiten, die ihm das Handy bietet, begeistert.

„Ich habe verschiedene Apps auf meinem Handy, die mir mehr Selbstständigkeit ermöglichen.“ Der Barcodeleser hilft ihm dabei, im Supermarkt die Erbensuppe von der Tomatensuppe zu unterscheiden. Auch für den Klamottenkauf hat Sorge eine App, die ihm die Farbe des Kleidungsstücks verrät. Und wenn er dann an der Kasse steht, sagt ihm eine andere App, welchen Geldschein er gerade in der Hand hält.

Aber auch auf traditionellere Hilfsmittel greift Herbert Sorge immer wieder zurück. Ein Monokular – ein Fernglas für ein Auge – hilft ihm weiter, wenn er die Straßenschilder nicht lesen kann. Und bei der Orientierung draußen ist natürlich auch der weiße Stock unersetzlich. Auch Hannelore Stolz benutzt den weißen Stock seit einem Jahr – auch wenn sie sich lange dazu durchringen musste. „Es kostet schon einige Überwindung damit rumzulaufen, aber ich bin vorher ein paar Mal gestürzt und habe dann eingesehen, dass es nun nicht mehr ohne Stock geht.“

Einige Wochen lang kam eine Mobilitätstrainerin zu Hannelore Stolz und trainierte mit ihr den Umgang mit dem weißen Stock. Stolz lernte, wie sie mit dem Stock Poller oder einen Laternenmast rechtzeitig ertastet, die Breite des Bürgersteigs ausmessen kann, wie sie Kreuzungen überquert und wie sie sich beispielsweise am Aachener Hauptbahnhof anhand der Leitlinien orientiert.

Auch wenn sie sich vor allem in ihrer gewohnten Umgebung mittlerweile gut auskennen, gibt es einige Dinge, bei denen sich Hannelore Stolz und Herbert Sorge Veränderungen wünschen. „Eine farbliche Markierung der Treppenstufen in öffentlichen Gebäuden wäre hilfreich“, sagt Sorge. „Gerade von oben sieht ein Treppe für einen Sehbehinderten wie eine glatte Fläche aus.“ Hannelore Stolz würde sich Noppenplatten in öffentlichen Gebäuden wünschen, die Sehbehinderten die Orientierung erleichtern. „Das ist leider noch nicht Vorschrift.“

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert