Deutschland als Fluchtziel

Von: Friedhelm Ebbecke-Bückendorf
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Nach Vortrag des Quartiersmanagers Raphael Kamp (vorne links) danken die anwesenden Flüchtlinge für die in Deutschland erfahrene Hilfe. Foto: Ebbecke-Bückendorf

Eschweiler. Die Veranstaltung war bereits beendet, die meisten Besucher gegangen, als Muhamad Aldiban sich noch einmal zu Wort meldete. Er müsse noch etwas sagen, es sei für ihn der wichtigste Satz des Abends: „Ich danke allen Menschen hier, in Deutschland, in Nordrhein-Westfalen und in Eschweiler, für die Hilfe, die ich als Flüchtling bekommen habe. Ich danke Ihnen!“

„Warum Deutschland – wie suchen sich Flüchtlinge ihren Zielstaat aus?“ hieß das Thema eines Vortrags am Donnerstag im Quartiersbüro Eschweiler-West in der Gutenbergstraße. Kaum jemand in Eschweiler wird die Frage besser beantworten können als Quartiersmanager Raphael Kamp, schließlich hat er Migrationswissenschaft studiert.

Drei in Eschweiler ansässige Flüchtlinge trugen mit ihren Erfahrungen zu dem Thema bei. Es waren der aus Syrien stammende Fotograf Muhamad Aldiban, der Übersetzer Hasan Othman, ebenfalls Syrer und aus Aleppo geflohen, und der Algerier Abdarrazak Ambarji. Alle drei engagieren sich ehrenamtlich in ihrer neuen zweiten Heimat, um etwas von der Hilfe, die sie erfahren haben, zurückzugeben. Aldiban zum Beispiel gibt kostenlos Arabisch-Unterricht für Kinder, die zweisprachig aufwachsen, damit diese Kinder nicht nur Deutsch und Arabisch reden, sondern auch schreiben und lesen können. Ambarji brachte es für sich auf den Punkt: „Ich bin hier in Deutschland, um zu helfen.“

Warum kommen Menschen aus fernen Ländern, die auf der Flucht vor Krieg und Verfolgung sind, nach Deutschland? Etwa um hier Sozialleistungen abzugreifen, wie die Bild-Zeitung und Rechtsaußen-Politiker es behaupteten? Weil sie hier von der Bundeskanzlerin und vielen Bürgern so herzlich willkommen geheißen wurden? Weil die gut funktionierende deutsche Wirtschaft Hoffnung auf Arbeitsplätze und beruflichen Erfolg macht? Kamp zerpflückte alle diese Vorschläge. Zwar könnten sie in manchen Fällen zutreffen oder ein Argument unter mehreren anderen sein.

Aber viele Zahlen sprechen dagegen. Die Sozialleistungen zum Beispiel sind in den Niederlanden und in Luxemburg deutlich höher als in Deutschland. Die „Refugees welcome“-Plakate im Herbst 2015 sind keine ausreichende Erklärung für den Anstieg der Flüchtlingszahlen kurz darauf – zum einen gab es gleichzeitig auch Bilder brennender Flüchtlingsheime und grölender Ausländerfeinde, zum anderen dauert es üblicherweise viele Monate, bis das Geld für die Flucht zusammengespart, die Existenz in einem Bürgerkriegsland aufgelöst und die gefahrvolle Reise über das Mittelmeer oder den Balkan bewältigt war.

Sicher fließen viele Überlegungen und Argumente zusammen, wenn Menschen sich entschließen, ihre Heimat zu verlassen, weil sie dort in Lebensgefahr sind. In diesem Bündel von Argumenten gibt es aber einen Strang, der wichtiger ist als alle anderen zusammen. Menschen fliehen bevorzugt dort hin, wo bereits Verwandte, Freunde, Bekannte sind.

Wo es Netzwerke von Menschen aus der gleichen Gegend gibt, vielleicht auch nur Netzwerke von Menschen, die sich über das Internet kennen.

Raphael Kamp fasste diese Begründung unter dem Stichwort „Diaspora“ zusammen: Kleine Gemeinschaften sind in der Fremde gemeinsam stärker und überlebensfähiger als ein einzelner einsamer Mensch. Nicht nur, weil es finanziell billiger ist. Die Aufnahme in solche Diaspora-Gruppen federt auch die sozialen und psychologischen Folgen der Flucht ab.

Dieses Diaspora-Argument wird von Statistiken gestützt. So gibt es beispielsweise in Deutschland nur wenige Flüchtlinge aus Palästina; in der Statistik der Asylanträge 2015 tauchen sie erst ganz am Schluss unter „Andere Länder“ auf. Dabei sind die Palästinenser die weltweit betrachtet größte Gruppe von Flüchtlingen. Mit 5,2 Millionen Menschen machen sie fast ein Viertel aller Flüchtlinge weltweit aus.

Die meisten Asylanträge in Deutschland wurden 2015 hingegen von Syrern gestellt. Mit weitem Abstand folgen Menschen aus Albanien und dem Kosovo. Asylbewerber aus Afghanistan, die innerhalb der Europäischen Union auf Platz zwei in der Statistik liegen, kommen in Deutschland erst auf dem vierten Platz.

In der Diskussion nach dem Vortrag wurden vor allem die bürokratischen Hürden für Flüchtlinge in Deutschland beklagt. Die Besucher der Veranstaltung waren überwiegend Menschen, die sich in der Flüchtlingsbetreuung ehrenamtlich engagieren.

Sie wiesen unter anderem auf die viel zu lange dauernden und mühseligen Verfahren bei Familienzusammenführungen hin. Durch das Verteilen der Asylbewerber auf unterschiedliche Gemeinden quer durch die Bundesrepublik sind viele Familien getrennt worden. Sie wieder zusammen zu bringen dauert oft Monate, sogar Jahre: „Warum gibt es so etwas? Die Leute verstehen das nicht!“

Der Vortrag am Donnerstag war der erste einer Reihe, die Quartiersmanager Raphael Kamp zu Themen rund um Flucht und Migration anbieten möchte. Der nächste wird am 23. März sein, wieder um 18 Uhr im Quartiersbüro Gutenbergstraße 52.

Über das Thema wurde am Donnerstag abgestimmt, es wird „Migrationsrouten“ heißen.

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