Der kleine Leo und das große Glück

Von: Manfred Kutsch
Letzte Aktualisierung:
eschweiler/Leopold
Der zweijährige Leopold wurde zweimal von einem VW Golf überrollt und überlebte fast unverletzt. Mutter Suna Teriete (r.) hörte den Schrei einer Zeugin. Foto: Irmgard Röhseler

Eschweiler. Wie kann das möglich sein? Das fragten sich auch die Ärzte in der Notaufnahme des Aachener Klinikums, die am Mittwoch einen kleinen „Wunderpatienten” wieder entließen. Der zweijährige Leopold aus Düsseldorf wurde zweimal von einem VW Golf überrollt und überlebte nahezu unverletzt.

Mit ein paar blauen Flecken und einer Schürfwunde auf dem zarten, nur 15 Kilo wiegenden Körper, über den der linke Hinterreifen eines 1,3 Tonnen schweren Golfes gleich zweimal gerollt war - und zwar mittig, in Höhe Leiste, Hüfte, Unterbauch. Ort des Geschehens: der Parkplatz eines Supermarktes in Eschweiler.

Suna Teriete wirkt demütig, mit leiser Stimme, immer noch „mit Vorwürfen gegen mich selber” kämpfend. „Dabei ist sie der Typ übervorsichtige Mutter”, sagt ihre Schwester Neriman Unger, deren Einfamilienhaus im Neubaugebiet Eschweiler-Hastenrath am vergangenen Samstag Ziel der kleinen Familie aus Düsseldorf war. Minutiös versuchen wir gemeinsam das Drama mit dem Happy-End, diesen schicksalhaften Ausschnitt puren Alltagslebens, zu ergründen.

Ehemann Jürgen Teriete, ein Immobilienkaufmann, war daheim geblieben. „Und ich wollte noch ein paar Kleinigkeiten, Käsefondue und einen Beutel Zitronen fürs Wochenende bei meiner Schwester besorgen”, sagt die zierliche Frau. Also hinein in den Supermarkt, Leo und Bruder Elias (4) nutzen die Gunst der Stunde: Der Kleine erbettelte sich eine heiß geliebte Kiwi, der Größere ein Wickie-Buch. Ohne Einkaufswagen geht es zurück zu ihrem BMW, auf dessen Kühlerhaube die Mutter die Ware ablegt und nach dem Schlüssel kramt.

Es sind jene Sekundenbruchteile, in denen sie Leo in seinem rosa Hemdchen und den blauen Jeans aus den Augen verliert. An den Rest erinnert sich Suna Teriete „nur noch fragmenthaft”. Ja, sie hört den grellen Schrei „halt, halt, halt” einer Zeugin, fährt in sich zusammen, erkennt im Seitenblick hinter sich einen rückwärts aus der Parklücke fahrenden silberfarbenen Golf, sieht den weinenden Kleinen zwischen den Reifen liegen, und dann bricht die Welt der Mutter endgültig zusammen: Der Fahrer setzt wieder vor, der linke Hinterreifen des Autos überrollt Leo vor ihren Augen ein zweites Mal.

Der Rest ist Filmriss, Lähmung, Entsetzen, aber auch mütterliche Intuition: Der Kleine steht heulend sogar auf, sie nimmt ihn sofort auf den Arm, drückt das Kind und schluchzt immer aufs Neue: „Es wird alles wieder gut.” Ja, Suna Teriete funktioniert nach den Schrecksekunden wieder: „Ich habe sein Hemd hoch- und die Hose runtergezogen und nach Verletzungen geguckt.” Doch es gab keine. „Das hat mich nicht beruhigt.

Im Gegenteil: Ich war von inneren Verletzungen überzeugt.” Aus dem Golf klettert eine vierköpfige Familie - Eltern und ihre erwachsenen Söhne. „Die waren total schockiert und genauso gelähmt wie ich”, sagt sie. Menschen laufen zusammen. Der Rettungswagen kommt, die Polizei ist noch nicht da. Sie will Leo natürlich in die Ambulanz begleiten. Aber was ist mit Elias, der stumm das Tohuwabohu verfolgt?

Der darf nicht mitfahren. Eine Frau bietet ihre Hilfe an, nimmt den Kleinen in ihre Obhut, Suna Teriete gibt ihr ihren Ausweis und die Telefonnummer der Schwester - und schon geht es mit Blaulicht los. Derweil beruhigt die Zeugin den Vierjährigen, kauft im Supermarkt das Buch „Bob, der Baumeister” und liest es dem Jungen im Auto vor, bis Neriman Unger auftaucht.

Derweil wird Leo im Klinikum auf Herz und Nieren untersucht. Kein Befund! Kein Organ verletzt! Die Ärzte können es kaum fassen: „Sind Sie sicher, dass er von einem Auto überfahren wurde?”, wird die Mutter ungläubig gefragt. „Haben Sie das wirklich mit eigenen Augen gesehen?” Immer wieder nickt Suna Teriete. Eine Schürfung, die blauen Flecke. Das war´s.

Vier Tage bleibt Leo vorsichtshalber im Krankenhaus - die Zeit nutzt der Kleine überwiegend in den langen Klinikfluren zum Bobby-Car-Fahren im tollkühnen Tempo. Am Montag besucht ihn auch die Familie, der das Unheil widerfahren ist - mit Geschenken für Leo und Elias und mit vielen einfühlsamen Worten, die ihre Gefühle vermutlich nur begrenzt wiedergegeben haben dürften.
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