Der Chef der Inspektion setzt auf Menschlichkeit

Von: Patrick Nowicki
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Seine Inspektion ist für die Kontrolle von über 200 Kilometer Grenze zuständig: Polizeioberrat Martin Hartmann. Foto: Patrick Nowicki

Eschweiler. Die Flüchtlingswelle stellt die Bundespolizei vor große Herausforderungen. Die Inspektion Aachen mit Sitz auch in Eschweiler setzt auf Kooperationen, auch wegen des niedrigen Personalstands. Ihr Leiter Martin Hartmann erläutert im Interview, wie man als Chef „ticken“ muss, um eine solche Behörde zu leiten.

 

War es schon immer ihr Wunsch Polizist zu werden?

Hartmann: Der Wunsch hat sich mit dem 14. Lebensjahr entwickelt, als ich eine Spezialeinheit vom Bundesgrenzschutz getroffen habe. Und da wusste ich: Das willst du werden! Vorerst habe ich allerdings eine andere Berufsausbildung absolviert. Ich bin in einem kleinen Dorf großgeworden und „richtiges Arbeiten“ hieß da, auch einem „ordentlichen Beruf“ nachzugehen. So hat mein Vater das jedenfalls immer ausgedrückt.

Welche Ausbildung haben Sie absolviert?

Hartmann: Nach der Hauptschule zunächst eine Elektrikerlehre. Dann habe ich mich beim damaligen Bundesgrenzschutz beworben und im mittleren Dienst meine Ausbildung begonnen. Bis zum Jahr 2009, also über 20 Jahre lang, war ich in Spezialdienststellen und -einheiten tätig und habe dort Spezialausbildungen durchlaufen. Seit 2009 bin ich jetzt als „normaler“ Polizist in Inspektionen tätig.

Was habe ich mir unter „Spezialeinheit“ vorzustellen?

Hartmann: Ich war in einer Spezialeinheit tätig, die für die Bekämpfung der Schwerstkriminalität zuständig war. Über ein Diplomstudium in Lübeck bin ich in den gehobenen Dienst aufgestiegen. Im Jahr 2005 habe ich dann den Masterstudiengang an der deutschen Polizeihochschule besucht. Zwischendurch war ich immer wieder mit Leitungen betraut.

Wenn Sie Ihre heutige und damalige Tätigkeit vergleichen – wo liegen die Unterschiede?

Hartmann: Damals hat mich beeindruckt, dass man als junger Mensch körperlich die Voraussetzungen hat, Extremsituationen zu bewältigen. Ich hatte immer das Gefühl, für Menschen da zu sein und auch Menschenleben zu retten. Und ich habe in einem hochprofessionellen Team gearbeitet. Heute beeindruckt mich, dass ich eher für die Menschen innerhalb der Organisation tätig bin. Mir bereitet es unheimlich viel Freude die Mitarbeiter sozial zu begleiten. Es ist natürlich ein ganz anderes Arbeiten als in Spezialeinheiten. In Spezialeinheiten hat man ja nur mit professionell ausgebildeten, gesunden, jungen und dynamischen Mitarbeiter zu tun. In einer Inspektion arbeitet man mit dem Querschnitt der Gesellschaft. Da gibt es Kranke, Ältere, Menschen die soziale Hilfe brauchen. Es ist also ganz anders als früher. Früher war ich eher der junge Wilde, heute der behutsame, älter werdende Dienststellenleiter.

Früher Schwerstkriminelle, heute Flüchtlinge – gibt es auch Verbindungen zwischen den Aufgaben für die Polizei?

Hartmann: Wir haben es mit Menschen zu tun. Egal, ob es jetzt ein Krimineller ist oder jemand der Hilfe sucht. Das hat für mich oberste Priorität. Keiner ist so schlecht, dass er es nicht verdient hätte, als Mensch behandelt zu werden. Und dann gibt es da natürlich die fachliche Unterscheidung, um zu sagen, ja, das ist der Mensch, der kriminell geworden ist, da gibt es Gründe für, und das ist der Mensch, der Hilfe braucht. Rein menschlich gibt es für mich da keinen Unterschied. Aber was ich weiß, ist, dass viele Menschen, die Hilfe brauchen, die Polizei aufsuchen. Und die, die kriminell geworden sind, werden eben von uns aufgesucht.

Welche Erfahrungen haben Sie bisher mit illegal Einreisenden gemacht?

Hartmann: Es spricht sich rum, wenn man menschlich und sozial arbeitet. Der Flüchtling sieht uns erst einmal als Behörde. Und ich glaube, wir müssen es schaffen, dass wir so auftreten, dass der Flüchtling direkt merkt, dass wir ihn als Mensch behandeln und ihm helfen wollen. Nach Gesprächen mit Flüchtlingen kann ich schon sagen: Es gelingt uns zu vermitteln, dass sie in allererster Linie als Mensch gesehen und behandelt werden.

Wachsende Aufgaben, schrumpfende Mitarbeiterzahlen – fühlen Sie sich nicht manchmal von der Politik alleine gelassen?

Hartmann: Ich arbeite seit fast drei Jahren hier. Bei meiner Vorstellung in der Dienststelle habe ich immer gesagt, oberste Priorität haben für mich die Liegenschaften und die Personalentwicklung. Natürlich habe ich da auch mit der Politik und mit meinen Vorgesetzten drüber gesprochen. Wir haben jetzt zwei Liegenschaften auf höchstem polizeilichen Standard, das Ziel ist erreicht. Und wir haben jetzt erstmalig Stellen ausschreiben dürfen, deswegen denke ich dass wir in naher Zukunft auch mit Personalzuwachs rechnen können. Das war aber ein Prozess über drei Jahre.

Können Sie selbst mit mehr Personal dem Flüchtlingsstrom gerecht werden?

Hartmann: Es wäre für uns kein Problem, unsere polizeilichen Aufgaben mit dem Personalstand zu bewältigen, der vor drei Jahren mal errechnet wurde. Ich denke, das wäre ein Arbeiten im mittleren grünen Bereich.

Wie schalten Sie als Behördenleiter ab?

Hartmann: Ich treibe seit meinem 19. Lebensjahr Sport. Früher habe ich Handball gespielt. Jetzt gehe ich meistens joggen oder ins Fitnessstudio, und das mindestens fünfmal die Woche. Die Geräte stehen bei mir zu Hause und der Wald ist direkt vor der Tür. Am Wochenende ist das deswegen alles kein Problem. Unter der Woche gehe ich dann vor Dienstbeginn um 6 Uhr morgens laufen, da ich es sonst nicht schaffen würde. Auch wenn ich dann zweimal die Woche im Hotel in Aachen übernachte, geh ich morgens in Aachen laufen. Um 8 Uhr abends mache ich dann gerne auch noch mal Krafttraining. Ja, und natürlich meine Familie. Ansonsten schreibe ich an einer Dissertation im Bereich Psychologie und bin einmal die Woche an der RWTH zum Forschungskolloquium. Das mache ich seit zwei Jahren.

Worum geht es bei der Dissertation?

Hartmann: Um Arbeitsleistung, und was Menschen davon abhält, ihre Leistung im täglichen Dienst zu erbringen. Ich habe eine große Studie dazu in verschieden Inspektionen vorgenommen, um einfach mal festzustellen, wo Gründe liegen, dass Menschen ihre Leistung nicht voll entfalten können.

Gerade ein Behördenapparat lebt ja von Uniformität und von klaren Richtlinien. Können Sie da individuell beurteilen?

Hartmann: Ja, wir beurteilen individuell, weil ich denke, dass jeder Mensch ein Recht darauf hat. Ich möchte, dass der Mensch sich selbst klar und deutlich in den einzelnen Kriterien wiedererkennt, mal unabhängig davon, wie die Endnote ist. Er soll aber wissen: Okay, meine Stärke ist Kommunikation, meine Schwäche die Fachlichkeit, und da muss ich an mir arbeiten. Das soll er für sich erkennen. Unabhängig davon, welche Note rauskommt.

In einer Spezialeinheit wird eine gewisse Leistung erwartet und wenn die nicht erbracht wird, ist man raus. Wie kommt es, dass jetzt auch andere Aspekte für Sie eine Rolle spielen?

Hartmann: Ich glaube, das hat damit zu tun, dass ich unheimlich dankbar bin. Ich bin jetzt 50 und körperlich topfit. Ich empfinde das als unheimlichen Reichtum, der nicht jedem gegönnt ist. Trotzdem bin ich mir bewusst, dass es auch Menschen gibt, die nicht so leistungsfähig sind, vielleicht mehr geben müssen für das, was sie bringen, als ich in Teilen. Und das ist für mich einfach der Auslöser zu sagen, ja wenn ich auch den noch gewinnen kann, der in sich selbst schon gar nicht mehr die Kraft sieht, gewisse Sachen zu schaffen, dann hab ich als Dienststellenleiter was Gutes getan.

Ist das in der jetzigen enormen Belastungslage, in der sich die Bundespolizei befindet, überhaupt machbar für Ihre Mitarbeiter?

Hartmann: Ich bin jetzt sehr häufig in den Dienstgruppen, weil ich eben auch zeigen will, wie wichtig die Einzelleistung für die Gesamtleistung ist. Wir haben hier verschiedene Bereiche eingerichtet, speziell für Menschen, die einen Angehörigen pflegen oder teilzeitbeschäftigt sind oder temporär nicht im Schichtdienst arbeiten können und die dort ihre Kompetenzen einbringen.

Klingt nach einem 24-Stunden-Job. Bleibt noch Zeit für Ihre Kinder?

Hartmann: Meine zwei Töchter sind eigentlich keine Kinder mehr mit 17 und 18. Die Große hat ihr Abitur gemacht und absolviert jetzt ein freiwilliges soziales Jahr, und die Kleine macht nächstes Jahr ihr Abitur. Meine Frau ist bei der Bundespolizei am Flughafen im Kontroll- und Streifendienst.

Haben Sie sich bei der Polizei auch kennengelernt?

Hartmann: Nein, wir haben uns privat auf einem Geburtstag kennengelernt und dann festgestellt, dass wir beide bei der Bundespolizei sind.

Inwieweit ist Ihre polizeiliche Tätigkeit eine Herausforderung für die Familie?

Hartmann: Ja, ich bin immer viel unterwegs. Auch wenn ich mit der Spezialeinheit früher weg war, durfte meine Familie und auch sonst niemand wissen, wo ich war. Meine Kinder sagen heute, ich wäre zwar viel weg gewesen, aber wenn ich da war, dann war ich auch voll und ganz für sie da. Dadurch, dass meine Frau im Schichtdienst arbeitet, haben meine Töchter auch fast mehr Erinnerungen an gemeinsame Unternehmungen mit mir als mit meiner Frau. Wenn ich zu Hause bin, dann steht meine Familie im Vordergrund. Wenn ich Aachen bin, dann bin ich ganz für Aachen da. An Tagen wo ich zu Hause bin und meine Töchter unterwegs sind, arbeite ich auch mal zwei Tage an meiner Dissertation.

Wo sehen Sie sich in zehn Jahren?

Hartmann: Also ich gehe davon aus, dass ich in den nächsten zehn Jahren sicherlich noch andere Funktionen erfüllen werde. Ich fühle mich hier in Aachen sehr wohl und möchte dies noch eine Zeit lang genießen. Ich möchte das, was wir gemeinsam in den letzten drei Jahren erreicht haben, jetzt mit den Mitarbeitern in einem normalen Dienst erleben.

Das heißt, Sie empfinden die Situation die von außen als sehr belastend beschrieben wird, immer noch gewisserweise als normalen Dienst?

Hartmann: Wer 20 Jahre in Spezialeinheiten gearbeitet hat, kennt dies nicht anders. Wenn ich einen normalen Arbeitstag habe, dann ist das für mich unnormal. Ich empfinde Aachen als sehr spannend. Wir müssen optimieren, ohne den Einzelnen zu überfordern. Da schließt sich ja auch letztendlich der Kreis. Wenn ich die Leistung des Einzelnen nicht kenne, weiß ich nicht, wann ich ihn überfordere. Sowas schafft man nur über Gespräche und Kommunikation. Und das macht mir sehr viel Spaß. Mit Menschen zu arbeiten und Probleme zu lösen. Wo wir wieder bei meinem Dissertationsthema wären. Ich musste mir anhören, Leistungen in der Polizei kann man nicht messen. Ich sage aber: doch, kann man.

Klingt wie ein Verhältnis zwischen Fußballtrainer und -mannschaft. Gab es mal einen Punkt als Trainer, an dem sie hinschmeißen wollten?

Hartmann: Da sind schon mal Situationen, wo man sich fragt, wo packt man jetzt an? Da wird es dann echt viel. Dann kann man nicht alles bewältigen. Und wenn ich es trotzdem versuche, passieren Fehler. Da gilt es dann, sich mit den Führungskräften hinzusetzten und Prioritäten zu setzen. Das war vor allem in diesem Jahr manchmal extrem.

Und dann kam der Umzug nach Eschweiler und es wurde leichter?

Hartmann: Ja, so ungefähr. Auf jeden Fall für die Mitarbeiter.

Wie haben Sie die Situation konkret bewältigt?

Hartmann: Wir haben uns überlegt, was ist für uns und die Bevölkerung wichtig, was können wir mit dem Personal leisten, und was ist unser Beitrag an die Gemeinschaft. Wir engagieren uns stark in der Stadt, im Flüchtlingsbereich, aber eben auch im Kriminalitätsbereich. Wie sind im Dreiländereck sehr eng vernetzt. Und ich lege auch sehr viel Wert darauf, dass wir mit Amnesty International zusammenarbeiten Ich bin vermutlich auch der einzige Inspektionsleiter, der eine Kerze vom Amnesty auf dem Schreibtisch stehen hat. Ich bin auch ein Stück weit stolz darauf, dass es uns gelungen ist, unsere Dienststelle sauber innerhalb der Stadt und innerhalb der Bundespolizei zu positionieren. Ich war jetzt das erste Mal seit langer Zeit drei Wochen in Urlaub, und hab gesagt, ich will euch so viel Vertrauen schenken, dass ihr mich nicht anrufen müsst. Es hat nicht so ganz geklappt.

Wo haben Sie Ihren Urlaub verbracht?

Hartmann: Ich hab mein Holzhaus gestrichen. Ich komme ja vom Land, aus einem kleinen Ort, und da haben wir vor 15 Jahren ein Holzhaus gebaut. Das habe ich auch von innen mehr oder weniger selbst ausgebaut. Das gehört auch noch so zu meinem Ausgleich. Mein Nachbar ist Handwerker, und der versteht gar nicht, dass Rasenmähen, Autoputzen und Hausstreichen mir so viel Spaß machen. In meinem Urlaub bin ich wirklich drei Wochen lang auf dem Gerüst rumgeturnt. Ich bin froh, dass ich das nicht mein ganzes Leben machen muss. Sowas zeigt einem ja auch, wie man die Handwerker sehen muss, denn die haben echt einen knüppelharten Job. Aber Handwerksarbeiten sind für mich einfach entspannend. Ich habe ja Elektro-Installateur gelernt und kann mir selbst helfen.

Wenn Sie Ihre Arbeit mit einem Leitsatz beschreiben würden, wie würde der Satz lauten?

Hartmann: Hm, ich denke, dass ich hart in der Sache und weich zum Menschen bin. Das passt ja auch zu meinem Namen.

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