Der Alkohol geht, aber die Sucht bleibt

Von: Annika Thee
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Zwei Millionen Menschen in Deutschland neigen zu Alkoholmissbrauch. Sie leiden nicht nur körperlich unter ihrer Sucht, sondern auch psychisch unter der gesellschaftlichen Isolation. Foto: Annika Thee

Eschweiler. Erst ist es nur ein Bier am Abend. Dann sind es zwei, drei, vier. Immer wieder gibt es auch Phasen ohne Alkohol. Doch die Probleme, die sich aufgetürmt haben und die starken Depressionen hat Manfred Hubert (Name von der Redaktion geändert) nur im Rausch ertragen. Wer einmal abhängig ist, befindet sich in einem Teufelskreis, aus dem man in den meisten Fällen aus eigener Kraft nicht mehr herauskommt.

„Das Wort Sucht kommt von siechen und das Wort siechen bedeutet krank sein“, erklärt Wolfgang Hundt, Leiter der Suchtberatung Eschweiler. Die Angst der Betroffenen vor dem Entzug ist gerechtfertigt. Neben körperlichem Leiden, ist ein Entzug und der anschließende Rehabilitationsprozess auch psychisch äußerst belastend, denn „eine Suchterkrankung ist immer auch mit dem Gefühl der Scham behaftet und wird von Schuldgefühlen begleitet“, sagt Hundt.

Manfred Hubert ist seit sieben Jahren trockener Alkoholiker. Der 65-Jährige wirkt nervös vor dem Interview. Nur zögerlich willigte er ein. Zu groß ist die Angst vor der gesellschaftlichen Stigmatisierung, die Suchtkranken entgegengebracht wird. Die Betroffenen werden aus der Mitte der Gesellschaft ausgeschlossen und an ihren Rand gedrängt. „Dabei gehören Drogen zu unserer Gesellschaft,“ sagt der Leiter der Suchtberatung. „Schließlich kennt jeder jemanden in seiner Familie oder seinem Bekanntenkreis, der ein Suchtproblem hat.“

Der Mann aus Eschweiler erzählt schließlich seine Geschichte. Bereits im Alter von 17 Jahren verfiel er einer starken Depression und begann zu trinken. Mit 22 griff er regelmäßig zur Flasche, um seine Schlafstörungen und die tägliche Angst vor der anstehenden Nacht zu überwinden. Zu Beginn bedurfte es nur einer Flasche Bier am Abend. Die reichte bald schon nicht mehr, um einschlafen zu können. Also wurde noch eine Flasche geöffnet. Und noch eine.

Auch mit Ende 30 plagten Hubert schwere Depressionen. Er fand sich vor dem Spiegel wieder und sagte zu sich: „Pass auf, sonst wirst du noch Alkoholiker“. Eine Stimme in seinem Kopf antwortete „Das bist du doch schon längst“, aber er wollte es sich nicht eingestehen. Schließlich starb Huberts Vater und seine Mutter erkrankte unheilbar an Krebs. Er nahm es auf sich, sie bis zu ihrem Tod zu pflegen und musste fortan drei Probleme mit sich tragen: Depression, Alkoholsucht und eine todkranke Mutter.

Die Sorgen bewältigte er inzwischen mit vier Flaschen Weißwein am Tag. „Ich hatte keine Freizeit, jeder Kontakt nach außen war weggebrochen“, erklärt Hubert seine damalige gesellschaftliche Isolation. „Ich war Tag und Nacht betrunken“, fügt er hinzu.

Abstinente Phasen gab es keine mehr. Die körperlichen Folgen ließen nicht lange auf sich warten. „Ich hatte Magenschmerzen, Probleme mit der Bauchspeicheldrüse und fing an stark zu zittern, wenn ich mal einige Stunden nicht trank“, erinnert sich Hubert.

Im Oktober 2009 starb die Mutter. Seine Schwester brachte ihn dazu, sich in eine Entzugsklinik einweisen zu lassen. An seinem zweiten Tag in der Klinik fasst Hubert den Beschluss: „Ich habe reinen Tisch gemacht und mir eingestanden ‚Du bist alkoholkrank. Ab jetzt gibt es keine Ausreden mehr. Ab heute lebe ich abstinent‘“. Am 4. Dezember 2009 hatte Hubert, erstmals seit Jahrzehnten, keinen Alkohol im Blut.

Die Medikamente, die er während seines stationären Entzugs erhielt, schützten ihn vor gefährlichen Krämpfen, die mit dem Entzugssyndrom einhergehen. Bei seiner Entlassung bekam er die Auflage, sich innerhalb einer Woche eine Selbsthilfegruppe und einen Einzeltherapieplatz zu suchen. Diesen fand er bei der Suchtberatung Eschweiler. „Ich hatte zuvor bereits sechs oder sieben Psychotherapien gemacht, aber nichts hat geholfen.

Mit Herrn Hundt war ich sofort auf einer Wellenlänge und ich wusste, er würde mir helfen können“, erzählt Hubert. Allerdings kamen mit dem Alkoholverzicht alle Probleme ans Tageslicht, die er zuvor im Alkohol ertränkt hatte. Diese arbeitete er Schritt für Schritt in der Therapie ab.

Wolfgang Hundt weiß, dass die größte Herausforderung nicht die Abstinenz von der Droge selbst ist: „Das süchtige Verhalten muss verändert werden. Die Betroffenen müssen an ihrem Selbstbild und an ihren Beziehungen arbeiten und wieder am gesellschaftlichen Leben teilhaben“, beschreibt er den langen und beschwerlichen Prozess, den seine Klienten durchlaufen.

Alkohol ist allgegenwärtig

Trotzdem war Hubert positiv gestimmt. „Mit meinen damals 59 Jahren hatte ich erstmals die Aussicht auf ein vernünftiges und schönes Leben“, erinnert sich Hubert. Natürlich habe es in den vergangenen sieben Jahren, in denen Hubert trocken ist, auch Krisen gegeben. Im Gegensatz zu früher, bewältige er sie aber nicht mehr mit Alkohol. Dies fiel ihm besonders am Anfang schwer, denn Alkohol ist allgegenwärtig und überall zu kaufen.

Trotzdem blieb er trocken. „Früher wollte ich meine Probleme alleine lösen, aber heute weiß ich: Hilfe holen und Hilfe annehmen ist wichtig. Ich weiß, dass ich die Sucht immer mit mir trage, auch wenn ich vorhabe, bis zu meinem Tod keine Alkohol mehr zu trinken.“ Nach der stationären Therapie zog Hubert zunächst ins Betreute Wohnen und nahm jede Woche an Einzel- und Gruppensitzungen in der Suchtberatung teil. Heute besucht Manfred Hubert nur noch alle paar Wochen die Suchtberatungsstelle.

„Vor zehn Jahren war ich ein isolierter Einzelgänger. Ein Alkoholabhängiger, der nur um sich selbst und den Alkoholkonsum gekreist ist. Heute habe ich eine eigene Wohnung, einen Job, eine Lebensgefährtin und einen großen Freundes- und Bekanntenkreis“, sagt Hubert nicht ohne Stolz. Städteregion

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