Eschweiler - Den Metzgern droht der Wurst Case

Den Metzgern droht der Wurst Case

Von: Katrin Fuhrmann
Letzte Aktualisierung:
14153858.jpg
Einer der letzten vier verbliebenen Metzger in Eschweiler: Günter Schlenter. Foto: Katrin Fuhrmann
14153862.jpg
Einer der letzten vier verbliebenen Metzger in Eschweiler: Gerd Bardenheuer. Foto: Katrin Fuhrmann
14153871.jpg
Einer der letzten vier verbliebenen Metzger in Eschweiler: Frank Breuer mit Fleischereifachverkäuferin Melitta Lang. Foto: Katrin Fuhrmann
14153873.jpg
Einer der letzten vier verbliebenen Metzger in Eschweiler: Gerhard Boshof. Foto: Katrin Fuhrmann

Eschweiler. Noch gibt es sie in Eschweiler. Die Metzger, die das Handwerk aus Tradition, Überzeugung und Leidenschaft ausüben. Die Metzger, die sich mit kritischen Fragen zum Thema Tierhaltung auseinandersetzen. Metzger, die mit Fachwissen und vielfältigen Produkten überzeugen. Noch gibt es sie. Doch es werden immer weniger.

2006 gab es in der Städteregion Aachen noch 70 Fleischereien, 2011 waren es gerade einmal 56, 2016 nur noch 43. Tendenz fallend. In Eschweiler sind die Zahlen noch eindeutiger: Während es 1985 noch 17 Fleischereien gab, sind es heute gerade einmal vier.

Die Gründe dafür liegen auf der Hand, wie Frank Breuer (57), seit 1985 Inhaber einer Eschweiler Fleischerei, weiß. „Die Einkaufsstadt Eschweiler hat an Attraktivität verloren. Die Menschen fahren lieber in große Einkaufszentren als zur Metzgerei vor Ort. Das Einkaufsverhalten hat sich insgesamt einfach verändert“, sagt er.

Das bestätigt auch Gerhard Boshof (47), der die Fleischerei seines Vaters im Jahr 2000 übernommen hat. „Wir spüren den gesellschaftlichen Wandel. Früher hat die Familie häufiger zusammen gegessen. Dementsprechend wurde auch oft und viel Fleisch eingekauft. Das ist heute anders“, ist er sich sicher.

Fleischer Gerd Bardenheuer (46) beobachtet außerdem einen Rückgang der Vielfalt. „Heute kaufen die Menschen nur noch Schnitzel und Gehacktes. Die Nachfrage nach anderen Fleischsorten ist verhältnismäßig gering.“ Aber sie ist da.

Betrieben geht es gut

Der Fleischverzehr pro Kopf der deutschen Bevölkerung lag im Jahr 2015 bei 59,9 Kilogramm (29,4 Kilogramm Fleischerzeugnisse). Eine Zahl, die wenig darüber aussagt, wie dramatisch die Situation der Branche tatsächlich ist.

Aber: Den meisten Betrieben geht es wirtschaftlich gut. Das veränderte Einkaufsverhalten könne zwar spürbar sein, ist aber nicht der Hauptgrund für den Niedergang der Fleischereien, sagt ein Sprecher des Fleischerverbands.

„Wir beobachten, dass es eine zunehmende Anzahl von Menschen gibt, die auf Qualität achtet. Die Aufmerksamkeit für Herkunft und Zusammensetzung der Produkte steigt“. Viele Kunden wüssten es zu schätzen, dass sie beim Metzger vor Ort, Vertrauen und gute Beratung entgegengebracht bekämen. Generell sei das Bewusstsein für nachhaltige Lebensmittel gestiegen.

Der Grund für die sinkende Zahl von Betrieben ist ein ganz anderer. Nachwuchssorgen sind das Problem der Branche, wie sich auch in der Indestadt zeigt. Mitte Februar musste die Metzgerei Schlenter ihre Filiale in Dürwiß schließen, weil sie keinen qualifizierten Mitarbeiter für den Betrieb finden konnte. Dem waren viele Überstunden vorausgegangen.

Letztlich sei es aber die einzig logische Konsequenz gewesen, sagt Inhaber Günter Schlenter (57). Irgendwann hätte man die Reißleine ziehen müssen. Er sagt: „In den vergangenen zehn Jahren hat die Ausbildung bei uns keiner mehr aus Leidenschaft gemacht“. Die meisten hätten sich nur aus der Not heraus für die Ausbildung zum Metzger oder Fleischereifachverkäufer entschieden, um nicht auf der Straße zu stehen. Klare Worte von jemandem, der die Branche gut kennt. Seit 1986 führt Schlenter die Fleischerei.

Metzger Boshof weiß ganz genau, was viele Auszubildende, wenn es sie denn überhaupt gibt, abschreckt: „In den vergangenen zwölf Jahren hatte ich insgesamt nur drei Wochen Urlaub“, sagt er. Hinzu kämen die Arbeitszeiten. Boshof arbeitet sechs Tage die Woche von sieben bis 20 Uhr – genau wie seine Kollegen. Die Freizeit bleibt da oft auf der Strecke.

„Es ist schwer, Auszubildende im Betrieb zu halten oder die eigenen Kinder für den Beruf zu begeistern. Sie sehen, was das für ein Knochenjob ist“, sagt Boshof. Bardenheuer geht sogar noch einen Schritt weiter. Er sagt: „Wer sich das heute noch ans Bein bindet, muss echt jeck sein“.

Zurzeit gibt es in Eschweiler keinen Fleischer in Ausbildung und nur fünf angehende Fleischereifachverkäufer. Die sinkende Zahl von Auszubildenden ist aber nicht nur in der Fleischverarbeitungsbranche ein Problem, wie die Handwerkskammer Aachen auf Anfrage mitteilt. Das sei ein generelles Problem in der Lebensmittelherstellung und im Verkauf.

In der Städteregion Aachen waren zum 30. September 2016 im Bereich des Lebensmittelverkaufs 18 Lehrstellen unbesetzt, in der Lebensmittelherstellung waren 13 Stellen unbesetzt. Es gibt derzeit also mehr Lehrstellen, als interessierte Bewerber.

Die Metzger versuchen sich das mangelnde Interesse mit dem veralteten Bild des Metzgers, der nur Tiere tötet und jeden Tag ganz viel Blut sehen muss, zu erklären. Aber ist das wirklich so? „Es gibt Metzger, die haben noch kein einziges Tier getötet“, heißt es von Seiten des Fleischerverbands, was auch die lokalen Fleischer bestätigen. In der Ausbildung könne man zwar den Schwerpunkt „Schlachten“ setzen, müsse das aber nicht zwangsläufig.

Wer also keine Lust auf die blutige Angelegenheit hat, kann auch andere Schwerpunkte legen. Doch so weit kommen die meisten gedanklich erst gar nicht: Die Arbeitszeiten und die Bezahlung während der Ausbildung schreckten viele schon vorher ab, heißt es von der Handwerkskammer. Und das, obwohl gerade die Aufstiegsmöglichkeiten in der Branche sehr gut seien.

Mit der sogenannten „Hygiene-Ampel“, die die NRW-Landesregierung jetzt auf den Weg bringen will, kämen, da sind sich die Metzger einig, weitere bürokratische Hürden auf sie zu. Das sogenannte Kontrollergebnis-Transparenz-Gesetz umfasst 32 Prüfkriterien. Wer die Anforderungen erfüllt, erhält „grünes“ Licht. Wie bei einer Ampel gibt es noch die Bewertungen „gelb“ und „rot“. „Ich bin jetzt schon manchmal mehr mit der Dokumentation beschäftigt, als mit dem Handwerk“, kritisiert Boshof.

Kaum Arbeitslose

„Von Seiten der Politik werden uns nur Steine und Knüppel in den Weg gelegt.“ Dabei spricht zum Beispiel die Arbeitslosenquote eigentlich für sich: Derzeit gibt es in Eschweiler fünf arbeitslose Fleischer bzw. Fleischereifachverkäufer, wie ein Sprecher der Arbeitsagentur Aachen-Düren mitteilt. Dennoch scheint der Beruf bei jungen Menschen auf kein Interesse zu stoßen.

War‘s das also mit dem Metzger? Fakt ist: Finden die Metzgereien in den kommenden Jahren keinen Nachfolger, müssen sie dicht machen. Die Chance, dass sich diese Entwicklung noch umkehren wird, ist angesichts der sinkenden Zahl an Betrieben und dem mangelnden Interesse des Nachwuchses unrealistisch.

Leserkommentare

Leserkommentare (2)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert