Demenz: Mehr als zwei Drittel werden zuhause gepflegt

Von: ran
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Ein Schild mit der Aufschrift Nicht vergessen soll einen Alzheimer Patienten mit Demenz erinnern. Nur rund 2500 der 8000 an Demenz erkrankte Menschen leben in der Städteregion in Heimen. Foto: Stock
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Informierte über den angemessenen Umgang mit an Demenz erkrankten Menschen: Pflegewissenschaftler Joachim Lennefer, Einrichtungsleiter eines Seniorenwohnsitzes in Monschau. Foto: A. Röchter

Eschweiler. Es ist eine Diagnose, vor der sich wohl Jeder fürchtet: Alzheimer! Die häufigste Art der Demenz bringt die Menschen im wahrsten Sinne des Wortes um den Verstand. Doch wo verläuft eigentlich die Grenze zwischen der „normalen“, womöglich altersbedingten, Vergesslichkeit und einer beginnenden Demenz?

Im Rahmen der „Alzheimertage 2014“ der Städteregion Aachen referierte nun Lotta Hülsmeier, Ärztin des „Demenznetzes der Städteregion Aachen“, unter der Überschrift „Wo ist nur meine Brille? Ist das nur Vergesslichkeit oder schon Demenz?“ im Städtischen Seniorenzentrum Marienstraße zum Thema. Im Anschluss informierte Pflegewissenschaftler Joachim Lennefer, Einrichtungsleiter des Seniorenwohnsitzes Lambertz in Monschau, über den „angemessenen Umgang mit an Demenz erkrankten Menschen“.

„Dieses Thema geht jeden Menschen an. Denn die Wahrscheinlichkeit, dass auch im eigenen Umfeld, sei es in der Familie oder im Freundeskreis, Demenz vorhanden ist, ist groß“, startete Lotta Hülsmeier ihren Vortrag. Doch wo beginnt Demenz? Ist das Vergessen eines Namens oder die Frage „Was wollte ich jetzt eigentlich tun?“ schon ein Alarmzeichen? „Solche Dinge können auch in jungen Jahren geschehen. Schließlich funktionieren die Gedächtnisse von Menschen unterschiedlich. Tatsache ist, dass das Gedächtnis trainierbar und Bewegung gut für das Gedächtnis ist“, so die Medizinerin. Wichtig sei aber auch, sich bewusst zu sein, dass das Vergessen auch einen Teil des Gedächtnisses ausmache. „Wir müssen im Gehirn aussortieren, um Platz für das Wesentliche zu schaffen!“ Lernen bedeute auch, die Übertragung von neuem Wissen vom Kurzzeit- in das Langzeitgedächtnis. Und dazu sei Konzentrationsfähigkeit unabdingbar. Aber: „Jede unsere Zellen hat nur eine bestimmte Lebenszeit. Und die Tendenz lautet, dass die Gesamtsituation mit zunehmendem Alter nicht besser wird“, sprach Lotta Hülsmeier eine unangenehme Wahrheit aus. Leichte kognitive Einschränkungen als Vorstufe der Demenz beeinträchtigten das Denkvermögen. „Der Betroffene beklagt seine zunehmende Vergesslichkeit, merkt aber sonst noch nichts“, beschrieb die Mitarbeiterin des Demenznetzes der Städteregion Aachen die Situation. Bei einem Drittel der Personen mit leichten kognitiven Einschränkungen entwickele sich innerhalb von drei Jahren eine Demenz. „Das heißt aber auch, bei zwei Dritteln passiert dies nicht!“

Bei der Alzheimer-Demenz werde der Teil des Gehirns, in dem lange zurückliegende Dinge gespeichert sind, kaum angegriffen. „Doch neue Dinge hinterlassen keine Spuren mehr. Und dies betrifft auch die Lernfähigkeit“, so die Referentin. Warnhinweise und Frühsymptome seien wechselhafte Stimmungen, Antriebslosigkeit, das häufige Benutzen von Floskeln, ausweichende Antworten, Orientierungslosigkeit in Sachen Zeit und Ort, aber auch unangemessene Kleidung oder eine plötzlich unaufgeräumte Wohnung. Zunehmendes Alter sei ein genereller Risikofaktor. „Jeder dritte Mensch in Deutschland, der über 90 Jahre alt ist, ist betroffen.“ Bei einer primären Demenz sei die Veränderung von Nervenzellen zu beobachten, bei einer sekundären Demenz behinderten zum Beispiel Gefäßerkrankungen die Versorgung des Gehirns.

„Die Diagnose Alzheimer wirkt sich definitiv auf den Alltag der Betroffenen und ihrer Angehörigen aus. Sicher ist, dass Alzheimer momentan nicht heilbar ist. Deshalb muss bei der Therapie immer die Verbesserung oder der Erhalt der Lebensqualität im Mittelpunkt stehen“, machte Lotta Hülsmeier deutlich. Deshalb seien die Methoden unterschiedlich und individuell. Positiv auf den Betroffenen wirke sich körperliche Aktivität, etwa Spazieren gehen oder Sitzgymnastik, Ergotherapie und der Verbleib im vertrauten Umfeld aus. „Von den rund 8000 an Demenz erkrankten Menschen innerhalb der Städteregion werden etwa 5500, also mehr als zwei Drittel, zu Hause gepflegt“, nannte die Ärztin Zahlen. Doch dies birge auch Probleme für alle Beteiligten. „Die Begriffe Demenz und Alzheimer sind stigmatisiert. Zu oft kommen zum Beispiel Freunde nicht mehr zu Besuch.“ Deshalb: „Angehörige benötigen Beratung. Grundsätzlich ist zu sagen, dass Untätigkeit und sich zurückziehen nach der Diagnose die Probleme sowohl der direkt Betroffenen als auch der Angehörigen verstärkt“, schloss Lotta Hülsmeier ihre Ausführungen.

Genau dort setzte wenig später Joachim Lennefer an: „Zu wenige Angehörige holen sich Hilfe. Nicht zuletzt, weil sie sich schämen!“ Die Diagnose Alzheimer sei auch für alle Personen im Umfeld des Erkrankten mit Sicherheit ein Schockerlebnis. Von nun an seien Experten gefragt. „Wenden sie sich an eine Fachklinik“, so der Rat des Pflegewissenschaftlers. Fakt sei, dass die Menschen heutzutage so alt würden wie nie zuvor. Tendenz weiterhin steigend. Und somit werde in Zukunft auch die Zahl der an Alzheimer leidenden Menschen weiter zunehmen. Dabei sei das Frühstadium der Krankheit für den Patienten oft die schlimmste Phase. „Wir nennen das Stadium der leichten Demenz auch die unglückliche Verwirrung´, denn die Personen spüren innerlich, dass sich bei ihnen etwas zum Schlechten verändert“, so Joachim Lennefer. „Die Folge ist, dass diese Menschen häufig keine Berührungen ertragen, nicht über Gefühle reden möchten und sich an die Wirklichkeit klammern. Dabei verschleiern und leugnen sie die Realität und können auch aggressiv auftreten.“

In Sachen Therapie sei es erforderlich, diesen Personen ein straffes Korsett als Orientierung zu bieten. „Möglichst wenige Veränderungen in den Tagesabläufen, die bestehende Grundordnung nicht antasten, Pünktlichkeit und Ordnung. Dies sind Aspekte, die dementen Menschen Sicherheit bieten.“ Anders könne es bei Menschen aussehen, deren Demenz sich im mittleren Stadium befinde: „Es gibt durchaus glückliche Demenzkranke, bei denen zum Beispiel Berührungen eine Therapieform darstellen.“ Zur Strategie im Umgang mit Demenzkranken müsse zählen, nicht auf seiner Meinung zu bestehen, auch wenn diese, objektiv gesehen, richtig sei. „Wir bemühen uns, alles über den Verstand zu regeln. Dieser ist aber bei im fortgeschrittenen Stadium dementen Menschen nicht mehr wirklich vorhanden. Deshalb gilt es, sich in der Realität des Verwirrten zu bewegen“, verdeutlichte Joachim Lennefer. Keinen Sinn mache es, Alzheimerpatienten permanent zu „bespaßen“. Während im Frühstadium Konzentrationsaufgaben sinnvoll seien und oftmals positive Konsequenzen mit sich brächten, seien für Demenzkranke im fortgeschrittenen Stadium mehrfache Sinnesstimulierungen kaum zu ertragen. Auch der Umgang mit Medikamenten sei individuell zu gestalten. „Menschen mit schwerer Demenz verlieren ihre Kommunikationsfähigkeit, das Denken wird praktisch aufgegeben. Hier ist viel Nähe vertrauter Personen zu empfehen. Der Patient darf auf keinen Fall überfordert werden. Auch hier ist Individualität gefragt. Eine gezielte Musiktherapie kann ebenso nützlich sein wie sehr viel Ruhe“, betonte der Einrichtungsleiter abschließend.

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