Demenz-Forscher: „Die wenigsten denken an ein gesundheitliches Problem“

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Neuropsychologe Alfred Wilbertz beschäftigt sich mit den Symptomen und dem Verlauf der Demenzerkrankung. Foto: Jan Grüger

Eschweiler. Geht man davon aus, dass in Deutschland etwa zwei Prozent der Menschen mit Demenz leben, sind es in Eschweiler mehr als 1000, die von der Krankheit betroffen sind. Diplom-Psychologe und Mitglied der Alzheimergesellschaft der Städteregion, Alfred Wilbertz, erklärt im Gespräch mit unserer Zeitung, welche Symptome die Krankheit aufweist und wie man den Verlauf beeinflussen kann.

Wie merken Menschen, dass sie an Demenz leiden?

Wilbertz: Betroffene bemerken anfangs eher Veränderungen, wie man sie bei einem Infekt oder in belastenden Lebensphasen spürt. Man fühlt sich müde, unkonzentriert oder lustlos. Abrufschwächen für Namen oder das Vergessen von Vorhaben scheinen sich gelegentlich zu häufen, ohne dass man eine plausible Erklärung dafür findet. Darauf kann man – je nach Persönlichkeit oder Reaktion des Umfeldes – beschämt oder ärgerlich reagieren. Missgeschicke in Gesellschaft können einen besonders treffen, zum Beispiel wenn man bei der Ansprache den roten Faden verliert oder durch einen heftigen Gefühlsausbruch nur noch Kopfschütteln seiner Freunde erntet. In der Folge können Betroffene nachlassendes Interesse an gewohnten Beschäftigungen empfinden. In dieser Phase denken die wenigsten an ein gesundheitliches Problem. Auch die Angehörige können verunsichert reagieren. Spürt der Betroffene Trost und Unterstützung, kann er seine Veränderungen eher annehmen.

Gibt es besondere Anzeichen, die auf eine Demenz hindeuten?

Wilbertz: Frühsymptome sind meist Gedächtnisstörungen, häufig in Verbindung mit einer Verschlechterung von Stimmung, Antrieb und Belastbarkeit. Anders als bei einer Depression treten bei einer Demenz weitere Störungen geistiger Funktionen auf. So kann es zu Störungen von Aufmerksamkeit, Auffassung oder Sprache kommen, die anfangs nur die Umsicht bei komplexeren Tätigkeiten wie Reiseplanung, Autofahren oder Orientierung in der Stadt behindern. Später kann auch die Übersicht beim Umgang mit Herd, Geld und Medikamenten fehlen. Häufig führt erst ein Krankenhausaufenthalt – etwa nach einem Sturz oder dem plötzlichen Tod des Partners dazu, dass der Betroffene seinen Anforderungen nicht mehr gerecht wird.

Kann man das Ausbrechen der Krankheit verhindern?

Wilbertz: Die häufigste Demenz ist die Alzheimer Demenz. Ihr Auftreten scheint in hohem Maße durch unsere Gene bestimmt und insofern schlecht beeinflussbar. Dennoch gehen Fachleute heute davon aus, dass verschiedene Faktoren Zeitpunkt und Voranschreiten auch dieser Demenzform beeinflussen: Wissenschaftler haben viele Belege dafür gesammelt, dass alle Maßnahmen, die unser Herz-Kreislauf-System schützen und stärken, auch unserem Gehirn nutzen. Dies gilt vor allem für die vaskulären Demenzen, die durch entzündliche Gefäßveränderungen oder Schlaganfälle entstehen. Wer ab dem mittleren Lebensalter die allseits bekannten Empfehlungen zur Vermeidung von Übergewicht, Bluthochdruck, Diabetes und Nikotin einhält, tut viel gegen das Entstehen einer vaskulären Demenz.

Gibt es Möglichkeiten, den Verlauf der Krankheit zu beeinflussen?

Wilbertz: Nach dem heutigen Stand der Wissenschaft trägt eine konsequente Vermeidung der Risikofaktoren dazu bei, das Voranschreiten der Krankheit zu verlangsamen. Die Behandlung der Risikofaktoren liegt beim Hausarzt in guten Händen. Dieser kann bei Risikopatienten auch weiterführende Untersuchungen bei Fachärzten veranlassen. Medikamente können Aufmerksamkeit und Gedächtnis fördern und belastende Verhaltens- und Befindlichkeitsstörungen dämpfen. Wenn Symptome stärker werden, ist das Umfeld gefordert. Selbstständigkeit, Teilhabe und Zufriedenheit der Betroffenen hängen davon ab, ob ihre Fähigkeiten, Interessen und Bedürfnisse vom Umfeld des Erkrankten wahrgenommen und gefördert werden.

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