Das Zauberwort lautet jetzt „Inklusion”

Von: Kathrin Brocker
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Integrierender Unterricht: Ein
Integrierender Unterricht: Ein Schüler, mit Sehbehinderung geboren, nimmt am regulären Grundschulunterricht der 3. Klasse in Undenheim teil und lernt den Umgang mit dem Blindencomputer. Foto: imago/Sämmer

Eschweiler. „Inklusion” lautet das Zauberwort: Laut Konvention der Vereinten Nationen sollen möglichst alle verhaltensauffälligen, lern- oder körperbehinderten Kinder eine Regelschule besuchen dürfen. Dort können sie gemeinsam mit nicht behinderten Schülern lernen und arbeiten.

Daher ist bis 2020 eine starke Ausdünnung der Förderschulen geplant. Soweit die Theorie. Doch noch ist nicht klar, was das im Einzelnen für die Eschweiler Schulen bedeutet.

Wenn man sich allerdings an den meisten Regelschulen einmal umsieht, fällt auf: Hier werden bereits Schüler mit Behinderung unterrichtet. So auch an der Realschule Patternhof. Dort gehen momentan neun Jungen und Mädchen mit den unterschiedlichen Förderschwerpunkten „Sehen”, „Emotionale und soziale Entwicklung”, „Sprache” und „Lernen” in verschiedene Klassen. Sie werden drei Stunden pro Woche von Sonderschulpädagogen betreut.

Vierbeinige Begleiter

Auch am Städtischen Gymnasium existiert seit langem das Modell des Gemeinsamen Unterrichts. Hier gehören zusätzlich zu drei Sehbehinderten auch wenige Autisten zum Schulalltag, die von speziellen Schulbegleitern unterstützt und ab und zu von Sonderschulpädagogen besucht werden. „Zwar fällt es ihnen schwer mit den anderen Kindern zu kommunizieren, aber die meisten sind sehr intelligent. Sonst könnten sie ja auch kein Gymnasium besuchen”, erklärt die für Integration zuständige Gisela Schnitzler.

Auch Sehbehinderte haben natürlich besondere Bedürfnisse, das heißt, sie brauchen Computer, mit denen sie Texte sehr stark vergrößert lesen können, oder sogar Arbeitsblätter in Blindenschrift. „Wir haben eine Kollegin, die extra, auch für Klassenarbeiten und Klausuren, solche Texte vorbereitet.”, sagt Gisela Schnitzler. Für die Lehrer sei es allerdings manchmal schwierig, sich auf diese Schüler einzustellen. Oder, wie vor einigen Jahren, auf ihre vierbeinigen Begleiter. „Damals hatten zwei blinde Schüler ihre Blindenhunde mit zur Abiturprüfung gebracht. Und die mussten dann zwischendurch von den Lehrern ausgeführt werden”, erzählt sie schmunzelnd.

Auch sonst im Unterricht gelte es, kleinere und größere Schwierigkeiten zu überwinden. „Ich hatte ebenfalls schon solche Schüler in meinem Kurs. Sie konnten mir dabei helfen, die Stunden für sie anzupassen, da sie das ja schon gewohnt waren”, berichtet die Pädagogin. Sie ist zudem stolz auf die anderen Kinder. Die meisten verhalten sich tolerant und lernen, Rücksicht zu nehmen. „Dieser gemeinsame Unterricht bringt uns eine Menge, und die Schüler können ihre sozialen Fähigkeiten stärken”, ergänzt Schnitzler. Der neuen Inklusionswelle kann sich das Städtische Gymnasium allerdings nicht anschließen. Die Klassen würden im kommenden Schuljahr zu groß, zudem fehle die Unterstützung von weiteren Sonderschulkräften, bedauert die Unterstufenkoordinatorin.

Individuelle Beurteilung

Denn für eine so genannte Integrative Lerngruppe bräuchte man ein Klassenlehrerteam, das sich aus einem Regelschullehrer und einem Sonderschullehrer zusammensetzt, wie Michaela Silbernagel, Schulleiterin der Realschule Patternhof, erläutert. Sie würden dann gemeinsam in einer Klasse sowohl Kinder ohne besonderen Förderbedarf, als auch Förderkinder unterrichten, wobei die Förderkinder eine individuelle Beurteilung erhielten. „Ich sehe darin eine größere Chance”, meint Silbernagel. Doch es müsse im Einzelfall entschieden werden, ob für die Kinder eine Regelschule oder eine Förderschule sinnvoller sei. „Das Wichtigste ist das Wohl des Kindes”, betont die Schulleiterin. Daher soll ihrer Meinung nach der Bestand der Förderschulen gesichert bleiben.

Orientierung an den Stärken

Das bekräftigt auch Karlmartin Eßer, Kommissarischer Schulleiter der Willi-Fährmann-Schule, eine Förderschule mit den Schwerpunkten „Lernen” und „Emotionale und Soziale Entwicklung”. Dort werden unter dem Motto „Wir finden Wege” 170 Schüler aus den Stufen eins bis zehn von Sonderpädagogen, Fachkräften und zwei Sozialarbeiterinnen betreut. „Ein wichtiges Konzept unserer Schule ist die Orientierung an den Stärken. Tagestrukturen und tägliche Rituale sind ebenfalls sehr wichtig”, so Eßer. Es existiere viel fächerübergreifender Unterricht und kleinschrittiges Lernen, darüber hinaus gebe es eine große Bandbreite an weiteren Angeboten. „Der Stundenplan muss passend auf das jeweilige Kind abgestimmt werden”, fügt der Schulleiter hinzu. Halbjährlich findet daher eine Schülerberatung statt, bei der die Kinder gemeinsam mit ihren Lehrern die wichtigsten Entwicklungsziele für das nächste halbe Jahr festlegen.

Ebenfalls ein wichtiger Schwerpunkt der Schule ist Berufsorientierung und -vorbereitung. Zu diesem Zweck machen die Schüler mindestens fünf Blockpraktika, sowie ab Klasse acht ein Tagespraktikum pro Woche in einem bestimmten Betrieb. „Die Betriebe unterstützen die Willi-Fährmann-Schule herausragend”, freut sich Eßer. „Darauf sind wir angewiesen.” Zusätzlich sichern viele andere außerschulische Projekte den Kontakt zu anderen Kindern. „Leider gibt es an unserer Schule nicht die Möglichkeit Nachmittagsunterricht anzubieten”, räumt Schulleiter Eßer ein. Aber Grundschüler, die Bedarf haben, könnten die offene Ganztagsschule einer Regelgrundschule besuchen. Nach Abschluss der Willi-Fährmann-Schule (Hauptschul- oder Förderschulabschluss) gehen viele Jugendliche auf das Berufskolleg Eschweiler. „Das BKE gibt uns immer wieder eine positive Rückmeldung über die weitere Entwicklung unser ehemaligen Schüler. Sie sind sehr motiviert und lernwillig und zeichnen sich meist durch ein gutes Sozialverhalten aus”, berichtet Karlmartin Eßer stolz.

Ganz im Sinne der Inklusion steht die Erich-Kästner-Schule mit dem Förderschwerpunkt „Sprache”. Konrektorin Karin Assmann bezeichnet sie als „Durchgangsschule”, da ihr Ziel die baldige Rückführung der Kinder in Regelschulen ist. Hier wird zusätzlich zu den normalen vier Grundschuljahren eine Eingangsklasse angeboten. Die Kinder, die unterschiedliche Sprachprobleme haben, werden hier durch ganz spezielle Methoden gefördert. Dazu gehören auch das Ertasten von Buchstaben in einer Erbsentonne, beziehungsweise in warmem Wasser und Höreinheiten am Computer. „Das ist wie Training in der Muckibude. Und für diese Dinge brauchen wir einfach viel mehr Zeit”, stellt Direktorin Brigitte Kaltwasser fest.

Im Unterricht wird außerdem mit phonomimischen Zeichen gearbeitet, das sind Sichtzeichen, die das Gesagte unterstreichen und den Kindern somit helfen, Gesprochenes zu verstehen. Die Schulleiterin findet die UN-Konvention gut, denn „das Problem kommt in die Köpfe der Menschen, jeder diskutiert das.” Konrektorin Assmann gibt jedoch zu bedenken, dass „es sehr schwierig wird, das zeitlich so schnell umzusetzen. Der qualitative Standard der Förderung muss unbedingt erhalten bleiben.” Sprache sei auch wichtig für alle anderen Fächer. „Daher ist nichts so wichtig, wie früh bei der Sprachförderung einzugreifen”, folgert Brigitte Kaltwasser.

Frühzeitig Gedanken machen

Wer sein Kind auf die Förderschule schicken möchte, sollte sich allerdings frühzeitig Gedanken machen. Denn nach dem gestellten Antrag erfolgt noch ein zeitintensives Gutachten durch einen Sonderschullehrer. Schließlich entscheidet der Schulrat, ob das Kind sonderpädagogischen Förderbedarf hat oder nicht.

Insgesamt, da sind sich alle Verantwortlichen einig, sollte bei der Inklusion das pädagogische Wohl des Kindes immer im Mittelpunkt stehen. Doch wie Michaela Silbernagel abschließend hinzufügt: „Alle weiteren Entwicklungen bleiben abzuwarten.”
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