Eschweiler - Das Papierberg-Wuchten ist bald passé

Das Papierberg-Wuchten ist bald passé

Von: Friedhelm Ebbecke-Bückendorf
Letzte Aktualisierung:
Auf der Suche nach historische
Auf der Suche nach historischen Personendaten ackern sich Gerd Dickmeiß, Claudia Niederhäuser und Hans-Günter Becker (von links) immer donnerstags durch betagte Urkundenbände. Hier blättern sie in einem Band aus der Franzosenzeit. Foto: Ebbecke-Bückendorf

Eschweiler. Manche Urkundenbände sehen so verrottet aus - man möchte sie nur mit Handschuhen anfassen. Und mit einer gewissen Ehrfurcht: die zerfledderten Seiten zwischen den ramponieren Deckeln sind Schätze.

Jedenfalls in den Augen der Familienforscher. Es sind Geburts-, Heirats- und Sterbeurkunden aus den Orten, die heute die Stadt Eschweiler bilden. Die ältesten dieser Urkunden sind aus dem Jahr 1798, und die Mitarbeiter des Geschichtsvereins streifen sich tatsächlich Plastikhandschuhe über, wenn sie in den alten Schwarten blättern.

In fünf Jahren soll es mit den Handschuhen und dem Blättern, mit dem Trittleitersteigen und dem Hochwuchten dicker Bücher in raumhohe Stahlregale vorbei sein. Der Arbeitskreis „Familienforschung” des Geschichtsvereins hat ein riesiges Projekt begonnen. Er digitalisiert den gesamten ihm anvertrauten Bestand der alten (überwiegend natürlich gut erhaltenen) Bände. Eine halbe Million Urkunden werden in den kommenden Jahren eingescannt oder abfotografiert, die Daten dieser Urkunden werden anschließend „verkartet”, also in Karteien erfasst. Nicht mehr wie früher auf Karteikarten, sondern als Datenbank im Computer. Zehn Damen und Herren vom Arbeitskreis „Computer-Genealogie” sind seit Monaten an der Arbeit. Ehrenamtlich. Ihr Ziel: Die Daten der alten Urkunden allen Bürgern leichter als bisher zugänglich zu machen.

Möglich gemacht hat den Zugang eine 2009 beschlossene Reform des Personenstandsgesetzes. Nach dieser Gesetzesreform sollen die Standesämter ihre Personenstandsbücher und -register nur noch eine bestimmte Zeit lang fortführen. Die Fristen: Sterbebücher 30 Jahre, Heiratsbücher 80 Jahre, Geburtenbücher 110 Jahre. Alle Bücher und Register, die älter sind, sollen an kommunale Archive abgegeben werden.

Wenn es nun kein Kommunalarchiv gibt, ist es auch möglich, die alten Urkundenbände einem fachkundigen Verein zu übergeben. Diesen Weg hat die Stadt Eschweiler beschritten. Sie schloss mit dem Eschweiler Geschichtsverein eine Kooperationsvereinbarung. Seit Jahresbeginn 2011 betreuen Claudia Niederhäuser, die Leiterin des Arbeitskreises „Familienforschung”, und ihre Mitstreiter die alten Urkunden der Stadt und geben interessierten Bürgern Auskunft. Wer sich mit Fragen zu seiner Familiengeschichte an die Stadt wendet, wird seitdem an das Team vom Geschichtsverein weiter geleitet. Vorausgesetzt, die Personen, nach denen man forscht, sind vor 1981 gestorben oder haben vor 1931 geheiratet oder ihre Geburt liegt vor 1901.

Jagdfieber grassiert

Der Vorteil der neuen Regelung für die Standesämter heißt natürlich: Weniger Arbeit. Denn vorher mussten sie sich selber um die wissbegierigen Bürger auf der Suche nach ihren Vorfahren kümmern. Das kann ganz schön aufwändig sein. Besonders, wenn jemand mit so diffusen Fragen kommt wie: „Ich suche meinen Großvater. Er hieß Johann und soll aus Eschweiler stammen.” Familienforscherin Niederhäuser muss bei so etwas zwar auch erst ein Stöhnen unterdrücken, entwickelt dann aber Jagdfieber: „Schaun wir mal. Wie hießen denn Ihre Eltern? Wann haben die geheiratet?” Und oft führt ihr detektivischer Spürsinn zum Erfolg.

Jeden Donnerstag von 9 bis 13 Uhr ist Sprechstunde im engen Archivraum des Arbeitskreises Familienforschung auf der 1. Etage des Rathauses. Claudia Niederhäuser, Gerd Dickmeiß und Hans-Günter Becker blättern dann in den alten Folianten und versuchen, Bürgern bei der Suche nach Vorfahren zu helfen. Das Interesse ist inzwischen so groß, dass die Arbeitskreis-Leiterin um Anmeldung (? 02403-801820) bitten muss.

Das Digitalisieren soll nicht nur die wertvollen Bände schonen, sondern die Suche einfacher machen. Sich durch eine Computerdatenbank zu klicken ist nun einmal weniger mühsam, als kiloschwere Jahrgänge Geburtsurkunden aus dem Regal zu wuchten und durchzublättern. In einer Präsentation ihres Projekts für Mitarbeiter der Stadt vor wenigen Wochen listete der Arbeitskreis noch ganz andere Vorteile auf. Zum Beispiel ist bei der bisherigen direkten Suche in den betagten Urkundenbänden das Entziffern alter Handschriften notwendig: mal Sütterlin, mal altdeutsche Kanzleischrift. Und Fremdsprachenkenntnis: Französisch für die Zivilregister aus der napoleonischen Zeit, Latein für alte Kirchenbücher. In der Computerdatenbank steht das dann alles wie gedruckt.

Ende 2016 soll alles fertig sein

Anfangs hatte der Geschichtsverein überlegt, was besser sei: das Digitalisieren an eine Firma zu vergeben oder die Aufgabe selber zu stemmen. Schnell war klar: „Das müssen wir selber machen - eine externe Vergabe hätte über 100.000 Euro gekostet”, versichert Niederhäuser. Im März dieses Jahres gründete sich der „Arbeitskreis 7 CG” des Geschichtsvereins. Das CG steht für Computer-Genealogie. Claudia Niederhäuser leitet die Gruppe, zu der weiterhin Gerd Dickmeiß, Hans-Günter Becker, Peter Engels, Herbert Hannen, Hans Günter Bömeke, Hubert Kreutzkamp, Heinrich Krüttgen, Hans von Reth, Reiner L.Sauer und Marianne Wetzeler gehören. Sie stürzten sich mit Eifer in die Arbeit und brachten dazu auch eigene Gerätschaften mit: Kameras, Stative, Beleuchtungsanlagen, Computer, eine selbst gebaute Buchwippe zum schonenden Abfotografieren der Urkunden. Der Geschichtsverein schaffte einen Dokumentenscanner an.

Bis Ende 2014 möchte das Team die reine Digitalisierung der Urkunden geschafft haben. Ebenfalls bis zu diesem Zeitpunkt soll die Indexierung stehen, also das Verschlagworten der Daten. Denn es reicht ja nicht, die Urkunden einzuscannen. Das, was dort steht, muss auch eingeordnet werden, um es in der Datenbank zu finden - Name: Meyer, Vorname: Hans, Sterbedatum: 20.03.1931. Die Gruppe rechnet mit zwei bis vier Millionen Datenfeldern. Für die parallel begonnene Verkartung der Daten nennt Claudia Niederhäuser die Zahl von 20 bis 30 Millionen Datenfeldern. Das soll dann bis Jahresende 2016 geschafft sein. Ehrenamtlich, natürlich.
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