Stolberg/Eschweiler - Das Murmeltier muss im Auenland dran glauben

Das Murmeltier muss im Auenland dran glauben

Von: Tim Griese
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Thomas Olejnik nimmt Maß: Die Leidenschaft, mit dem Bogen zu schießen, hat ihn schon vor Jahren gepackt. Jetzt will er seine Technik verbessern. Foto: Tim Griese

Stolberg/Eschweiler. Das Murmeltier hat keine Chance. Heute wird es erlegt. Seine Jäger haben sich in der Nähe versammelt, überprüfen noch ein-mal die Waffen. Dann geht es los. Einer der Schützen, der 16-jährige Oliver Bree aus Münsterbusch, geht an die markierte Stelle, greift in Ruhe zum ersten Pfeil und positioniert ihn mit Bedacht auf der Pfeilauflage. Er konzentriert sich, spannt seinen Bogen, fixiert sein Ziel, das bewegungslos dastehende Murmeltier – und lässt los.

Die anderen johlen. Dann überprüft Oliver Bree seine Schussgenauigkeit: Das auf einem Plakat abgedruckte Murmeltier hat er in der sogenannten Killzone erwischt. Dies ist der Bereich, der in der Realität einen tödlichen Treffer bedeuten würde.

Dr. Liebau leitet den Kursus

Neben Oliver Bree sind noch fünf weitere Bogenschützen ins Mulartshütter Auenland gekommen. Auf dem Gelände des Familien- und Bildungshofs, der vom Eschweiler Zoran Medic betrieben wird, veranstaltet das Helene-Weber-Haus einen Kurs im traditionellen Bogenschießen unter der Leitung von Dr. Peter Liebau. Das Mehrgenerationenhaus bietet zum ersten Mal drei Kurse an: einen für Männer, einen für Frauen und einen gemischten. Rund 30 Anmeldungen gab es insgesamt. Aufgrund des Erfolgs sind schon neue Kurse geplant, in diesem und kommendem Jahr.

„Wir wollen ein Miteinander schaffen, das Zusammensein fördern. Das Bogenschießen muss man einfach mal erleben“, schwärmt Monika Thome vom Mehrgenerationenhaus. Jetzt war für die Männer der letzte Kurstag gekommen. Auf dem Programm steht ein Abschlussturnier.

Vier unterschiedliche Ziele müssen aus verschiedenen Entfernungen mit je drei Pfeilen anvisiert werden. Aber um die Plätze auf dem Siegertreppchen geht es gar nicht. Im Mittelpunkt soll die Möglichkeit stehen, den Kopf frei zu bekommen und Abstand vom Alltag zu nehmen. „Ziel“, so Liebau, „ist es, die Ruhe und Konzentration ins tägliche Leben zu übernehmen.“

Jetzt ist Horst Maus an der Reihe. Schnell zeigt sich, dass er das gewisse Händchen im Umgang mit dem Bogen hat. Der Pfeil zischt zielgenau aufs Murmeltier-Abbild. Kein Wunder eigentlich, kennt sich der 43-jährige Breiniger schon ein wenig im Umgang mit Pfeil und Bogen aus. Zwei Bögen hat er einmal vom Sperrmüll besorgt, ein entspanntes Schießen war damit aber nicht möglich. Das Faible am Bogenschießen hat Maus in der Kindheit gewonnen: „Da haben wir uns aus Haselstöcken Bögen gebaut und sind raus auf die Wiese“, berichtet er.

Mittlerweile ist die Entfernung zum bereits mehrfach durchlöcherten Murmeltier-Konterfei erheblich geworden. Eine weitere Schwierigkeit kommt hinzu: Die Teilnehmer müssen zwischen zwei Bäumen hindurch schießen. Stefan Höhnel ist skeptisch: „Ich bin mal gespannt, wer da noch trifft“, meint der 16-jährige Schüler aus Münsterbusch. Genauso wie Frank Scholl: „Hoffentlich komme ich überhaupt bis dahinten“, lacht der 49-jährige Gressenicher. Die Teilnahme am Kursus hat der Familienvater seinen Kindern zu verdanken, die ihm ein ganz besonderes Vatertagsgeschenk machen wollten. „Wenn ich nach Hause komme, werde ich immer gleich gefragt, ob ich mich geschickt angestellt oder Schande über die Familie gebracht habe.“ Den Dreh aber hatte er schnell raus: „Das ging mir eigentlich ganz leicht von der Hand.“ Vom Handwerk sei er immer gleichförmige Bewegungen gewohnt. Das sei beim Bogenschießen ähnlich.

Wie Frank Scholl spricht auch Oliver Basan von einem „schönen Ausgleichssport“. Dem 42-Jährigen ging es beim Kurs anfangs nur um Entspannung: „Da gibt es keinen Erfolgsdruck, keinen Stress.“ Mittlerweile hat sich der gebürtige Berliner einen eigenen Bogen gekauft und eine Zielscheibe ausge-liehen, um sich am neuen Hobby im eigenen Garten in Münsterbusch zu versuchen.

Für Thomas Olejnik dagegen stand das Schießen von Anfang an im Mittelpunkt. Als Wikinger verkleidet ist er regelmäßig auf Mittelaltermärkten unter-wegs. Und der Bogen ist dabei sein treuer Begleiter. Der 46-jährige Stolberger will seine Technik verfeinern, das gleichmäßigere Schießen lernen und den richtigen Rhythmus finden. Vom Kurs ist er nur begeistert: „Das macht einfach süchtig.“

Und so flitzen die Pfeile in Mulartshütte nur so um die Wette. Neben dem Murmeltier ist eine große Zielscheibe aus Holz und eine weitere mit bunten Trefferflächen aufgebaut. Außerdem sitzt da ein höl-zerner Fuchs in der Nähe des Bachlaufs und wartet auf Treffer.

Am Ende sammelt Horst Maus die meisten Punkte und sichert sich den Sieg. Pokale gibt es nicht. Stattdessen tauschen die Teilnehmer Adressen aus, melden sich für neue Kurse an und nehmen Kataloge mit nach Hause. Spätestens jetzt hat sie alle das Bogenschieß-Fieber erwischt.

So wie es vor rund 15 Jahren Dr. Peter Liebau ereilt hat. Damals habe ein Freund ihm einen Bogen in die Hand gedrückt und der Pfeil sei irgendwohin geflogen. „Aber die Kraft, die dahinter steckte, hat mich so sehr beeindruckt, dass sich seitdem mein Leben geändert hat. Da hat es mich im Innersten erwischt. Davon bin ich nicht mehr losgekommen.“

Seit drei Jahren hat der 55-jährige Berliner seinen Platz auf dem Familien- und Bildungshof gefunden und dort die Bogenschießanlage aufgebaut. Seitdem gibt er in Mulartshütte als lizensierter Trainer Kurse für Schulklassen, Kinder mit Behinderungen und viele andere Gruppen.

Für Interessierte gibt es an jedem ersten Sonntag im Monat einen Tag der offenen Tür. Auch das Helene-Weber-Haus bietet neue Gruppen an, darunter auch welche zum Bogenbau.

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