Das große Ringen um den Wert der Musik

Von: Udo Kals
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Eschweiler/Stolberg. Kurz vor 21 Uhr brandet an diesem Abend dann doch kurz Applaus für Lorenz Schmid auf. Das überrascht schon nach einem Vortrag, in dem Begriffe wie zweidimensionale Tarifmatrix, Vergütungssätze U-VK und Härtefallnachlassregelung gefallen sind.

Die Mienen der rund 90 Vereinsvertreter im Stolberger „Angies” haben sich nicht merklich erhellt während der vorangegangenen 70 Minuten. Die ab April 2013 geltende neue Gema-Tarifstruktur ist ein komplexes Thema, und nicht wenige befürchten explodierende Kosten für ihre Königsbälle, Sportfeste, Gardesitzungen. Aber nach dem Applaus, das wissen sie, können sie Fragen stellen. Die Unsicherheit ist groß.

Die Gema ist die Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische Vervielfältigungsrechte. Sie erhebt Gebühren, um damit die Urheber etwa von Musikstücken zu vergüten. Und Gema-Mann Schmid nutzt jetzt den Applaus, um ein weiteres Glas Wasser zu leeren. Schmid trinkt viel Wasser an diesem Tag, denn er redet viel, muss viel erklären, seinen Arbeitgeber verteidigen, die Vorzüge der neuen Tarife herausstellen. Das alles hört sich nach E-Musik an, für so manchen ganz in Moll gespielt. Vor allem für die Disco- und Clubszene.

Nachmittags steht Schmid in der Eschweiler Großraum-Disco Klejbors und muss sich, das muss man so sagen, mit 20 Discobetreibern und Gastronomen auseinandersetzen. Denn erfreut sind sie nicht. Verständnislos wird der eine oder andere Kopf geschüttelt. Der Hausherr ist da, Kollegen aus der Region, auch der Verband Dehoga. Abends ist Schmid bei „Angies”, bei den Schützen, den Karnevalisten, den Sportlern. Und irgendwo zwischen den beiden Veranstaltungen, zu denen der Alsdorfer CDU-Bundestagsabgeordnete Helmut Brandt eingeladen hatte, verläuft auch die Demarkationslinie zwischen Gewinnern und Verlierern. Da spielt die Musik.

Den Kern zeigt Schmid auf Folie 21 seiner Power-Point-Präsentation auf. Darauf ist ein Vorher-Nachher-Vergleich zu sehen, wer von der Tarifreform profitiert, wer verliert. Grün unterlegt, und das sind nicht wenige Veranstaltungsformate, sind die Gewinner. „Bei 60 Prozent der Veranstaltungen fallen künftig weniger Gema-Gebühren an”, sagt Schmid. Vor allem bei den kleinen bis mittleren Veranstaltungen mit einem Eintrittspreis von bis zu acht Euro und einer Raumgröße von bis zu 800 Quadratmetern.

Schmid rechnet vor: Eine Karnevalsveranstaltung auf 500 Quadratmetern mit fünf Euro Eintrittsgeld kostet bislang 323,10 Euro, bald aber nur noch 250 Euro. Wird auf 1500 Quadratmetern für 40 Euro pro Pappnase geschwoft, wird´s teurer: 3750 statt bislang 1260,60 Euro. Warum? „Das liegt daran, dass der neue Tarif linear aufgebaut ist”, sagt Schmid. Will heißen: Die Gema-Gebühren verändern sich bald sukzessive mit Raumgröße und Eintrittspreis - je größer der Saal und je teurer die Tickets, desto mehr muss an die Gema überwiesen werden. Zehn Prozent des Eintrittspreises müssen abgeführt werden. Dabei gibt Schmid einen Tipp: „Wir gehen als Pauschale von 100 Gästen auf 100 Quadratmetern aus. Wenn es aber weniger Gäste sind, sollte man uns die reale Zahl per Kassenbeleg melden.” Da dürfte sich bei so mancher Veranstaltung der Kauf einer Registrierkasse lohnen. Schmid: „Das Geld hat man schnell wieder raus.”

Dass seine Disco niemals grün unterlegt sein wird, weiß Marc Klejbor als Kaufmann, der mit Menschen, die zu Musik tanzen wollen, sein Geld verdient. Und das wohl auch nicht schlecht. Dass die Künstler honoriert werden müssen, unterschreibt er. Natürlich. Doch dass er demnächst statt wie bisher 36.000 Euro wohl ein Vielfaches überweisen wird, das bereitet ihm Sorgen. „Je nachdem, wie viel Geld man nun mehr zahlen muss, kann das schon existenziell werden”, meint er. Doch ein Problem der Debatte ist auch, dass mit vielen unterschiedlichen Zahlen operiert wird. Im Kleinen: Klejbor hat gerechnet, Schmid hat gerechnet. Im Großen: Die Dehoga hat Zahlen, die Gema auch. Und da sind wir noch nicht bei den Karnevalisten und Schützen.

Discos nicht mehr privilegiert

Schmid sagt, „dass der Anstieg mal erträglicher, mal unerträglicher” sein werde. Und für viele im Klejbors erhobene Einwände hat er Verständnis. Doch er macht auch unmissverständlich klar: „Es war nie das Ziel der Reform, Discos zu entlasten und bürgerschaftliches Engagement zu belasten. Unser Ziel war eine angemessene, einfache und transparente Struktur. Und bisher waren Discotheken durch Pauschaltarife privilegiert.” Diese Zeiten sind vorbei.

Dabei wird der Tarifstreit erbittert geführt - etwa auf den Tanzflächen, wo an einem Samstag Ende Juni kurz vor Mitternacht auch in unserer Region aus Protest für fünf Minuten die Musik verstummte. Kritiker sagen, die Gema will mit der neuen Struktur die Einbrüche durch die Online-Downloads kompensieren. Und ohnehin versickerten zu viele Euro im Verwaltungsapparat statt in die Geldbörsen der Kreativen zu fließen. Das weist Schmid von sich. Er betont: „Mir fehlt in der Diskussion die Frage, was uns die Musik wert ist.” Die Gema-Antwort steht: zehn Prozent der Ticketeinnahmen.

Seit 2007 verhandelt die Gema mit der Bundesvereinigung der Musikveranstalter. Die Gespräche sind geplatzt, ein Schiedsverfahren läuft. Während daher ein Mantelvertrag aussteht, hat sich die Gema im Juli mit dem Bund Deutscher Karneval (BDK) auf einen Vertrag geeinigt. Für die Gema war dies ein großer Erfolg, wurde die Zehn-Prozent-Regelung so salonfähig. Der Abschluss dient als Grundlage für Gespräche mit anderen Verbänden. Schmid hofft indes, dass die Schiedsstelle Anfang 2013 eine Entscheidung fällt. Noch besser fände aber nicht nur er, wenn sich die Beteiligten wie im Klejbore_SSRqs, wie bei „Angies” an einen Tisch setzen würden. Schmid: „Wenn man miteinander redet, kann man Probleme viel besser lösen und individuelle Wege finden.”
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