Clueso kehrt zurück zu den Wurzeln

Von: Patrick Nowicki und Laura Laermann
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Stimmung auf dem Eschweiler Markt: Clueso präsentierte Songs seines neuen Albums und Klassiker bei einem kostenlosen Kurzkonzert. Trotz der Kälte rockten Clueso und sein Gitarrist Tim die Bühne. Das Publikum war begeistert. Foto: Patrick Nowicki

Eschweiler. Am Mittwochabend rockte Clueso den Eschweiler Marktplatz und gab ein Kurzkonzert. Der 36-Jährige engagiert sich nicht nur für NRW-Projekte wie die Aktion Lichtblicke, sondern auch für Non-Profit-Organisationen wie Viva con Aqua. Im Interview hat er uns verraten, wie sein Neuanfang aussieht und welche Erfahrungen sein Leben und seine Musik verändert haben.

Beginnen wir mit deiner neuen Single. Was bedeutet „Neuanfang“ für dich?

Clueso: Inzwischen eine ganze Menge. Ich hab den Song in einer Zeit geschrieben, in der ich noch nicht begriffen habe, was eigentlich passiert. Ich habe viele Sachen in meinem Leben geändert und gemerkt, dass alles, was ich schreibe, sich um das Thema Neuanfang dreht. Eigentlich wollte ich ein Reisealbum aufnehmen und einfach mal für eine Weile wegfahren. Sowohl die Band und alle Menschen, die am Clueso-Projekt beteiligt waren, wollten wissen, ob und wie sie dabei sind und was sie in der Zwischenzeit machen sollen, wenn ich nicht da bin. Ich habe dann gemerkt, dass es für mich nicht so weiter geht und ich mich lösen möchte. Daher habe ich alles hinter mir gelassen, mich von meiner Band, meinem Management und meinem Label getrennt.

Und jetzt machst du alleine Musik?

Clueso: Es gibt eine neue Band. Und die ist erstmal frei. Ich habe Leute gesucht, die quasi auch was eigenes haben. In meiner Band spielen nur Leute, die noch andere Bands haben.

Hört man die Veränderung in deinem neuen Album?

Clueso: Man hört diese Anfänger-Euphorie bei den Proben. Auf dem Album hört man es nicht, weil ich es zusammen mit Tim, der schon lange dabei ist, aufgenommen habe. Wir haben das Album quasi zu dritt eingespielt mit Tobias Kuhn, dem Produzenten. Als ich ihn in Berlin besucht habe, wollte ich ihm meine ersten Reiseskizzen zeigen und da war auch Neuanfang dabei. Dann meinte er: Das ist eine geile Richtung. Kannst du mehr solcher Sachen schreiben? So ist das neue Album dann sehr schnell entstanden.

Du hast dich ganz bewusst dazu entschieden, bei der Tour mit kleinen Clubs anzufangen, quasi zurück zu den Wurzeln...

Clueso: Ja das war ein Wunsch von mir. Ich fand diese großen Hallen bedingt gut. Es ist zum einen eine Soundsache und es kommen viele andere Faktoren zusammen, die man beachten muss. Ich weiß was es bedeutet, eine große Show zu spielen: Man muss ein halbes Jahr lang nur für die große Bühne trainieren. Die Songs sind zwar nicht unwichtig, aber der Fokus liegt auf der Planung für großes Entertainment. Dazu gehört, dass man eine Video-Wall hat, dass man Sachen hoch und runter fahren kann und die Show perfekt durchgetimet ist. Und ich hatte keine Lust auf Timing. Ich will einfach spielen und wenn ich Lust habe, im Club die Setlist ändern, die Band kennenlernen und auf Zuruf ein bisschen Rock‘n‘Roll-Stimmung machen. Deswegen musste ich dahin, wo ich eigentlich herkomme: aus dem Club. Wir haben jahrelang auch mit der ersten Band nur in Clubs gespielt, da lernt man sich am besten kennen, da man nonverbal miteinander kommunizieren muss.

Was haben die Fans gesagt, die vielleicht keine Karte bekommen?

Clueso: Die Fans haben witzige Sachen gesagt. Die einen haben sich geärgert. Es gab viele Fans, die wollten, dass ich in Clubs spiele, haben aber nicht bedacht, dass sie dann vielleicht selber nicht reinkommen. Ich habe aber keinen Lust, eine Las-Vegas-Show zu spielen: zehn Tage in einer Stadt. Andere Fans meinten: ,Ich hab das Album noch gar nicht richtig gehört, jetzt soll ich schon Karten kaufen. Das ist alles Kommerz.‘ Das ist aber Quatsch. Wenn man weniger verdient, ist das kein Kommerz. Oder anders betrachtet: Ich bin Kommerz, seitdem ich mein erstes Album mache. Es haben sich aber auch viele Fans gefreut, vor allem die, die Karten gekriegt haben. Letztlich halte ich es für die beste Lösung, weil ich den Leuten eine gute Show bieten und kein Pflichtprogramm abliefern will wie in einer großen Halle.

Deine Musik ist ja eher unpolitisch. Aber du gehst in Erfurt, wo du herkommst, auf die Straße und demonstrierst gegen Pegida. Wie passt das zusammen, warum trennst du das so klar?

Clueso: Mir gefällt es nicht, wenn jemand bei einem Konzert ewige Reden über Politik hält. Ich finde es zwar gut, wenn ich meine Berühmtheit als Währung einsetze, aber lieber für eine gute Sache, statt gegen eine schlechte Sache. Der politischste Satz auf meinem Album ist: ,Alle wollen am Leben sein oder am Meer.‘ Damit reicht‘s mir auch schon mit Politik. Ich will meine Musik noch in zehn Jahren hören, ohne dass sie politisch eingefärbt ist. Es ist auch nicht so einfach wie früher zu Zeiten von Rio Reiser, als man Sachen wie ,der Traum ist aus‘ sagen konnte und es auch funktionierte. Heute ist das viel filigraner und differenzierter. Meine politische Meinung schwingt in den Songs zwar mit, aber wenn ich versuchen würde alles reinzubringen, würde ich verrückt werden. Die Schönheit der Songs würden verloren gehen, wenn man versucht, alles so zu schreiben, dass nicht irgendein Klugscheißer kommt und dir den Song auseinander baut

Dir ist Authentizität also wichtiger, als eine Message rüber zu bringen?

Clueso: Ich habe eine Message. Ich denke, dass man alles Politische im Kleinen leben muss und dann aufs Große übertragen sollte. In meinen Songs geht es in erster Linie darum, mit sich selbst auszukommen, statt auf andere zu zeigen. Im Album „Anders sein“ will ich zeigen, dass zwischenmenschliche Beziehungen in Zukunft eine viel größere Rolle spielen als Karrierewege oder materialistische Dinge.

Das ist eine sehr klare Message, so wie dein Konzert in Eschweiler. Warum bist du bei der Aktion Lichtblicke dabei?

Clueso: Ich gucke mir vor jedem Projekt an, was ist das. Lichtblicke gibt es schon seit 20 Jahren: Mir gefällt, dass es von Menschen für Menschen aus NRW gemacht wird. Ich finde, es ist eine tolle Idee, dass Leute ihre Probleme mitteilen können und Hilfe bekommen. Auch bei meinem Projekt mit Viva con Aqua habe ich den Leuten vorher genau in die Augen geschaut.

Du warst in Äthiopien, richtig ?

Clueso: Ja, ich hätte viel eher Projektreisen machen sollen, um zu sehen, was das mit mir macht. Es verändert meine Texte und mein Leben. Wir waren da, wo es wirklich brennt in einem sehr armen Land. Die Menschen dort haben mir ihre Lebenssituation geschildert. Wenn man dann zurückkommt und so etwas wie bei der Mittwochsdemo sieht, denkt man: Ich hab nicht einen in Äthiopien gesehen, der so auf andere zeigt, obwohl er wirklich das Recht dazu hätte, weil es an ans Essenzielle geht. Teilweise beschweren wir uns hier über Sachen, mit denen wir gar keine Berührung haben, weil wir Angst vor etwas haben, was wir noch nicht einmal kennen. Es gibt da so ein Sprichwort: Lass uns die Brücke bauen, wenn der Fluss kommt

Was willst du unbedingt mal machen?

Clueso: Ich habe immer nur einen Halbjahres-Traum. Es ist nicht so, dass ich denke: Das muss ich unbedingt mal machen. Die meisten Träume habe ich mir erfüllt. Ich möchte jetzt erstmal die kleinen Clubs rocken, vielleicht wieder ein Bandalbum aufnehmen, weil die Energie sehr gut ist. Langfristig möchte ich auf jeden Fall reisen, egal ob man es mit einem Projekt verbindet oder nicht.

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