Camp Astrid: Wald hinter Gittern ist lebensgefährlich

Von: Rudolf Müller
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Einsturzgefährdet: Diese mit hochgiftigem Asbest gedeckte Baracke – eine von vielen im Propsteier Wald – ist ein beliebter Abenteuerspielplatz für Kinder, die die Lebensgefahr im einstigen Camp ignorieren. Foto: Rudolf Müller

Eschweiler. Appell: Draußenbleiben! Nicht nur Munitionsreste und Blindgänger bringen Besucher des einstigen Camps Astrid in Lebensgefahr.

Der Wald hat die Seuche. Die Altlastenseuche. Nicht nur die Reste in vielen Jahrzehnten dort gelagerter Munition machen den Propsteier Wald zu einem Gefahrengebiet schlimmster Kategorie. Auch die dort einst errichteten Gebäude, die längst dem Zerfall preisgegeben sind, bergen ihre Tücken: Asbesthaltiges Eternit kann fatale Gesundheitsschäden verursachen.

Allein 350 Munitionsbunker mit erheblichen Eternitanteilen sind über das Gelände verstreut. Schon zu Wehrmachtszeiten gab es hier Munitionslager, das änderte sich auch nicht, als nach dem Zweiten Weltkrieg erst Briten, dann Belgier sich hier niederließen. Hochbauten mit bis zu drei Stockwerken zeigen eingestürzte Dächer, frei pendelnde Wände.

Metalldiebe haben die Treppengeländer längst abgeschraubt und zudem Gullideckel mitgehen lassen: Bis zu vier Meter tief kann man da in Schächte stürzen. Was Metalldiebe nicht mitnehmen, das ist S-Draht, auch Nato-Draht genannt: Der liegt überall im Gelände herum. Wer einmal in die Rollen mit den scharfkantigen Metallplättchen gerät, wird sich wünschen, die Gegend nie betreten zu haben.

Und genau das sollte auch niemand tun. Darauf besteht die zuständige Bundesforstverwaltung. Florian Zieseniß ist Leiter des Betriebsbereichs Wahner Heide des Bundesforstbetriebs Rhein-Weser, zu dem auch der Propsteier Wald gehört. Er macht unmissverständlich darauf aufmerksam, dass Bundesförster Guido Blömacher, der das Revier seit 2012 betreut, nicht länger nur freundliche Hinweise an unbefugte Nutzer des Geländes aussprechen kann, sondern rigoros durchgreifen muss und Anzeigen wegen Hausfriedensbruchs erstatten muss. „Im Zweifel nämlich, wenn ein Kind oder ein anderer illegaler Besucher hier zu Schaden kommt, steht Guido Blömacher allein vor dem Staatsanwalt.“

Gerade in jüngster Zeit stelle er verstärkt fest, dass Erwachsene Löcher in den Schutzzaun schneiden, um auf dem einstigen Camp-Areal ihre Hunde oder Mountainbikes auszuführen oder spazieren zu gehen. Und immer mehr Kinder greifen das schlechte Beispiel auf und nutzen die verfallenen Bauten als Abenteuerspielplatz.

Ehe die Gefahren nicht aufgespürt und beseitigt sind, wird es mit dem erhofften „Bürgerwald“ nichts werden, weiß auch Eberhard Büttgen, Vorsitzender des inzwischen 160 Mitglieder zählenden Fördervereins Propsteier Wald. Derzeit untersucht die Leitstelle des Bundes für Boden- und Grundwasserschutz/Kampfmittelräumung, deren Recherchen einen „begründeten Hinweis auf eine nicht unerhebliche Belastungssituation“ im ehemaligen Camp Astrid ergeben hatten, das Areal.

Wie lange das dauern wird, ist völlig offenen. Hermann Gödde, Eschweilers Technischer Beigeordneter: „Es ist derzeit unmöglich zu sagen, in welchem Jahr das sein wird.“ Dafür, das gesamte 37 Hektar große Areal vom Kampfmittelräumdienst Meter für Meter untersuchen lassen, fehlt das Geld. Also wird anhand historischer Quellen, alter Luftaufnahmen, Erkenntnisse über Bombenabwürfe (das Gelände war im Zweiten Weltkrieg heftigem Bombardement ausgesetzt) und Blindgänger nach möglichen Relikten im Boden recherchiert.

Sicher ist, dass allein die Beseitigung der 350 Munitionsbunker einiges an Zeit und Geld verschlingen wird, das der Bund aufbringen muss. „Mehrere tausend Euro“, so Bundesförster Florian Zieseniß vorsichtig, koste die Beseitigung jedes einzelnen Munitionsbunkers. „Wir denken darüber nach, je nach Fortgang der Arbeiten Teilöffnungen des Geländes vorzunehmen oder mit Wegegeboten zu arbeiten.“

Eberhard Büttgen: „Unter unseren Mitgliedern sind viele ältere Mitbürger, die den Propsteier Wald schon seit Jahrzehnten – seit die Belgier hier 1995 abgerückt sind – wie ihre Westentasche kennen. Gerade denen klarzumachen, dass hier ein absolutes Betretungsverbot herrscht und sie mit gutem Beispiel vorangehen sollten, war nicht einfach.“

Damit die Bürger aber doch nicht ganz und gar auf das seit Jahrzehnten erhoffte Naherholungsgebiet im Westen Eschweilers an der Grenze zu Stolberg verzichten müssen, bieten Stadt und Bundesforst gemeinsam mit dem Förderverein allein in diesem Jahr vier Führungen durch den Propsteier Wald an. Am 28. März heißt das Thema Konversion, weitere Touren befassen sich mit Natur- und Artenschutz, mit Fledermausvorkommen und der langen (Besiedlungs-)Geschichte des Waldes. Näheres dazu im Internet unter www.propsteierwald.de.

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