Eschweiler - „Burn-Out” ist längst kein Lehrer-Problem mehr

„Burn-Out” ist längst kein Lehrer-Problem mehr

Von: Rudolf Müller
Letzte Aktualisierung:
In der Ruhe liegt die Kraft: D
In der Ruhe liegt die Kraft: Der Park der gleichnamigen Röher Klinik von Anette und Dr. Wolfgang Hagemann bietet eine Vielzahl idyllischer Oasen der Stille.

Eschweiler. 2002 hat er ein Buch geschrieben. „Burn-Out bei Lehrern”. Seitdem hatte Dr. Wolfgang Hagemann eine Zeit lang den Ruf weg, eine Art „Burn-Out-Papst” für Pädagogen zu sein, denen Schüler auf der Nase herumtanzen. Und die deshalb Jahre vor der Zeit in den Ruhestand gehen.

Die Zeiten, in denen „Burn-Out” ein fragwürdiges „Privileg” überforderter Lehrer war, sind lange vorbei. Inzwischen kommen die weitaus meisten Patienten der Röher Parkklinik aus der Wirtschaft; viele sind junge Unternehmern oder Manager Mitte/Ende der 50, die aufgrund beruflicher Überforderung Karriere wie Privatleben aus den Fugen geraten sehen.

Burn-Out gab es immer schon, sagt Dr. Wolfgang Hagemann. Man nannte es nur anders. Jetzt aber wird es zum Flächenbrand. Globalisierung, Verdichtung der Informationsflüsse, internationale Konkurrenz oder auch die Tatsache, dass in vielen Handwerksberufen kein Meisterbrief mehr nötig ist und alteingesessene Firmen sich plötzlich eine breiten Konkurrenz gegenübersehen - all dies übt wachsenden Druck auf die Menschen aus.

Menschen, die nicht mehr - wie die Generation davor - von der Nachkriegseinstellung ihrer Eltern geprägt wurden: „Selbstverleugnung und Arbeiten bis zum Umfallen”, diese Devise gilt nicht mehr. Dafür verunsichern und überfordern wechselnde Rollenerwartungen in Beruf und Familie viele Betroffene.

„Viele haben auch gedanklich noch nicht verarbeitet, dass ihre Lebensarbeitszeit steigt”, sagt Klinikleiter Dr. Wolfgang Hagemann. Da sorge dann das Bewusstsein: „Der Staat will mir nicht die verdiente Rente zahlen, stattdessen soll ich zwei Jahre länger knechten” für eine „Ich-will-nicht-mehr-und-kann-nicht-mehr”-Notbremse.

Hilfe finden sie in der Parkklinik - und das seit Dezember 1996. Damals eröffneten Wolfgang und Anette Hagemann an der Röher Straße seine Klinik. Mit 14 Einzelzimmern und acht Tagesklinikplätzen. Inzwischen ist daraus eine Einrichtung geworden, zu der Patienten aus nahezu dem gesamten Bundesgebiet kommen. „Die meisten unserer Patienten entstammen der oberen Mittelschicht, haben einen akademischen Hintergrund. Ihre Probleme sind ähnlich - das erlaubt uns anspruchsvoller Therapien”, sagt Dr. Wolfgang Hagemann.

2001 bauten die Hagemanns ein Verwaltungsgebäude, das zudem etliche Therapieräume beherbergt; wiederum fünf Jahre später kaufte und renovierte das Ehepaar die „Röher Villa”. Die Klinik wuchs auf 19 Einzelzimmer und 20 Tagesplätze. Allein 200 ambulante Therapiestunden bietet die Klinik pro Woche. Möglich machen dies 75 Mitarbeiter: die meisten davon Therapeuten, aber auch Pflegepersonal, Verwaltung, Reinigungskräfte, Hausmeister, Küchenpersonal. „Damit ist auch unsere Obergröße erreicht”, betont Anette Hagemann.

Dennoch steht jetzt die Eröffnung des vierten Gebäudes des insgesamt rund 12000 Quadratmeter umfassenden Parkklinik-Komplexes bevor: Neben der Villa entstand ein moderner Flachbau, der künftig nicht nur die Verwaltung der Klinik aufnimmt (was im bisherigen Verwaltungsgebäude Raum für weitere Therapieangebote schafft), sondern neben der Küche (die täglich rund 60 Essen in drei unterschiedlichen Menüs liefert) auch einen 100 Quadratmeter großen Speisesaal beherbergt. Einen Saal, der auch vielfältigen anderen Zwecken dienen soll: Vortragsabende, Seminare, Kunstausstellungen, Konzerte. . .

Kunstbegeistert waren sie schon immer, die Eheleute Hagemann. Das zeigte sich in etlichen Gemäldeausstellung in ihren Häusern, aber auch in der gemeinsam mit der Galerie Art Engert erstellten Schau von Skulpturen und Installationen im weitläufigen Park der Klinik, die dem von Hagemann gestifteten Kunstpreis der Röher Parkklinik voranging und über die Landesgrenzen hinaus ein begeistertes Echo fand. Weitere Ausstellungen sind geplant.

Die Kunst spielt auch eine große Rolle in den hier angebotenen Kreativtherapien, zu denen neben der Kunsttherapie auch Musik-, Tanz- und Bewegungstherapien zählen. Sie, so Hagemann, erschließen in der Erkrankung innere Kraftquellen, die die Genesung fördern.

Ob Kunst- oder Verhaltenstherapie, Burn-Out-Prävention oder Stressreduktion: „Wir wollen künftig noch stärker an die Öffentlichkeit treten”, setzt Wolfgang Hagemann auf die Möglichkeiten des neuen Saals, der bis zu 100 Besucher fasst. „Immerhin ist es die Normalität des Lebens, mit der wir uns befassen: Wir alle müssen uns damit auseinandersetzen, dass unsere Eltern sterben, dass unsere Kinder gehen, dass unsere Kräfte nachlassen.”

Eines der Schwerpunktthemen in der zur Parkklinik gehörenden Akademie für Psychosomatik, Psychiatrie und Psychotherapie, die eine Vielzahl von Seminaren und Fortbildungsveranstaltungen vor allem für Ärzte anbietet, ist die Psychosomatik in der Arbeitswelt. Hier tun sich zum Beispiel Probleme auf, wenn es gilt, ältere Mitarbeiter mit ihrem Potenzial, ihrer Erfahrung einzubinden in eine Welt, in der junge Leute in Führungspositionen sind, die der Meinung sind, ältere Arbeitnehmer seien zu kaum noch etwas zu gebrauchen - „was völliger Quatsch ist”, unterstreicht Hagemann.

Darüber hinaus bietet die Akademie beispielsweise im November einen Tag für niedergelassene Ärzte zum Thema Depressionen an. Hagemann: „Immerhin 60 Prozent aller Patienten leiden nach einem Herzinfarkt an Depressionen.” Kaum minder bedeutend: die Psycho-Onkologie, sprich: die psychologische Betreuung bei oder nach Krebs, und die Psychotraumatologie (nach Unfall).

17 Tage noch, dann sollen die Handwerker, die derzeit noch eifrig ebenso am Innenausbau des vierten und - so Anette Hagemann - letzten Klinik-Gebäudes wie auch an der Herstellung der Außenanlagen samt Parkplätzen werkeln, abgezogen sein. Am 1. September steht die Einweihungsfeier auf dem Programm. Mit einem Sommerfest im Park der Klinik. Mit Gesang und Pianomusik. Mit der Ausstellung „Le promeneur solitaire” von André Schweers und Diana Ramaekers.

Mit Grußworten von Bürgermeister Rudi Bertram und dem Vorsitzenden der Ärztekammer Nordrhein, Dr. Ivo Grebe. Und mit Fachvorträgen: Hausherr Dr. Wolfgang Hagemann spricht zum Thema „Heilen in der Begegnung”, während der Aachener Diplom-Psychologe Micha Hilgers sich mit „Lachen verboten? Humor in the Psychotherapie” befasst.

Und Lachen, so weiß man, ist immer noch die beste Medizin.
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