„Bundesweiter Vorlesetag“: Schauspielerin nennt Dinge klar beim Namen

Von: ran
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Schauspielerin Petra Welteroth las vor zahlreichen Zuhörern aus bemerkenswerten Gedichten Mascha Kalékos, die es wie kaum eine Lyrikerin verstand, mit schnörkellosen, aber kunstvollen Worten die Dinge zu benennen. Foto: Andreas Röchter

Eschweiler. Es war ein Abend des Zuhörens. Ein Abend, der einlud, in Texte einzutauchen und Worte auf sich wirken zu lassen. Begleitet von Pianist Stefan Michalke las die Aachener Schauspielerin Petra Welteroth am Freitagabend vor zahlreichen Gästen in der Stadtbücherei aus Werken der deutsch-jüdischen Schriftstellerin Mascha Kaléko (1907-1975).

Die musikalische Lesung wurde vom Förderverein der Stadtbücherei Eschweiler zum zehnten „Bundesweiten Vorlesetag“ präsentiert. Und so begrüßte neben Bücherei-Leiterin Michaele Schmülling-Kosel auch Horst Schmidt als Vorsitzender des Fördervereins und Initiator der Ausstellung „Juden in Eschweiler“, zu deren Rahmenprogramm die Lesung mit dem Titel „...gestern warst du noch Herr Schmidt für mich...“ gehörte, das Publikum.

„Neue Sachlichkeit“

Ohne Umschweife ging Petra Welteroth, die bis 2005 Mitglied des Ensembles am Aachener Stadttheater war, in „medias res“. Kein Schnickschnack und keine langatmigen Erläuterungen sollten von der Kraft der Worte Mascha Kalékos ablenken. Und diese zeigten dem aufmerksam lauschenden Publikum, warum die Schriftstellerin zu den bedeutendsten Vertretern der „Neuen Sachlichkeit“ gehörte. Denn trotz melancholischer Zwischentöne nannte Mascha Kaléko die Dinge des alltäglichen Lebens, nicht selten ironisch, stets beim Namen. Etwa im Gedicht „Damen unter sich“, in dem „werte Hyänen“ sich ihrer Vergänglichkeit bewusst werden. Schnörkellos auch die Wortwahl in „Reisebekanntschaft“: „Gestern warst du noch Herr Schmidt für mich, aber heute liebe ich dich. Lohnt sich das, nichts anderes mehr zu denken? Schwindel ist´s, dass wir das Herz verschenken. Uns verschenkt es. Und wir sehen zu!“

Auch die Selbstreflexion ihres (heimatlosen) Lebens spielte in ihren Werken eine große Rolle. So betonte Mascha Kaléko, bereits „als Immigrantin geboren“ worden zu sein. „Mein meistgesprochenes Wort als Kind war Nein´. Ich war kein Elternglück. Meine Oberlehrer fanden mich zwar begabt. Doch im Büro tat ich meine schlecht bezahlte Pflicht. Abends schrieb ich ein Gedicht. Und Vater meinte, das fehlte noch´. Nun habe ich selbst ein Immigrantenkind, das lernt, das Wort Alian´ zu buchstabieren.“

Faszinierende Persönlichkeit

Und auch das Schicksal der jüdischen Menschen brannte in ihrer Seele, wie Auszüge aus dem Gedicht „Enkel Hiobs“ unterstreichen: „Tief entbrannte über uns der Zorn. Wo bleibt die Stimme, da der Dornbusch brennt? Wo der Stab, für uns das Meer zu teilen? Ist die letzte Arche schon enteilt? Keine Liebe mehr auf dieser Welt? Was willst du, Herr, noch über Hiob schütten?“

Beinahe atemlos saugten die Zuhörer die von Petra Welteroth gekonnt vorgetragenen Worte, Sätze, Gedichte, Werke Mascha Kalékos auf. Völlige Ruhe herrschte in den kurzen Pausen zwischen zwei Gedichten, die stets eine Geschichte erzählten, und den von Stefan Michalke interpretierten Chansons, für die Mascha Kaléko die Texte verfasst hatte.

Erst nach dem letzten Vers durchbrach lautstarker und langanhaltender Applaus die Stille. Eine bemerkenswerte Reise durch ein Leben einer faszinierenden Persönlichkeit, die mit ihrem Gesamtwerk ein unauslöschlicher Bestandteil deutscher und europäischer Literaturgeschichte ist und bleiben wird.

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