Eschweiler - Bürgermeister Rudi Bertram: Mehr Platz für Autos am Bahnhof

Bürgermeister Rudi Bertram: Mehr Platz für Autos am Bahnhof

Von: Rudolf Müller und Patrick Nowicki
Letzte Aktualisierung:
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Blickt vor allem dank der Entwicklung im Rathausquartier optimistisch auf die Zukunft Eschweilers: Bürgermeister Rudi Bertram. Foto: Patrick Nowicki

Eschweiler. Hertie-Gelände, AfD-Abschneiden bei den Landtags- und Bundestagswahlen – Bürgermeister Rudi Bertram sieht darin die Extreme des Jahres 2017, wie er im Interview verrät. Aber er berichtet auch Neuigkeiten.

Welche positiven Dinge bleiben Ihnen aus 2017 in Erinnerung?

Bertram: Die Entwicklung des ehemaligen Hertie-Komplexes und des City Centers. Der Beginn der Abbrucharbeiten war das Startsignal für die weitere nördliche Innenstadtentwicklung. Der jahrelange Leerstand hat das Innenstadtbild sehr belastet. Die Ohnmacht, dort nicht eingreifen und handeln zu können, war auch für mich persönlich frustrierend.

Welche Baustelle muss in 2018 vorrangig angepackt werden?

Bertram: Der Strukturwandel muss weiterhin sehr intensiv begleitet und vorangetrieben werden. Wir müssen die etwa 1500 Arbeitsplätze, die im Kraftwerk und im Tagebau jetzt noch vorhanden sind und zukünftig wegfallen, bis 2030 neu schaffen und kompensieren. Ich werbe in der Stadt, aber auch regional und überregional dafür, dass Eschweiler durch diesen Strukturwandel eine Sonderstellung in der Region einnimmt. Die Unterstützung von Land und Bund ist unabdingbar, sonst kann dieser Strukturwandel in Eschweiler und im gesamten Rheinischen Revier nicht gelingen. Vom Land ist die Marke Industriedrehkreuz Weisweiler–Stolberg gesetzt worden…

Ist dies der große Wurf?

Bertram: Ich sehe dies nicht als großen Wurf. Es ist natürlich eine Riesenchance, in den nächsten Jahrzehnten Industrie-, Gewerbe- und Dienstleistungsbetriebe dort anzusiedeln. Diese Chance müssen wir bereits jetzt und in den nächsten Jahren nutzen. Bei der Ermittlung der Grundlagen für das Industriekreuz Weisweiler wurden etwa 400 Hektar Flächen identifiziert, die zur Entwicklung zur Verfügung stehen. Diese gesamte Fläche wird nicht Eins zu Eins zu entwickeln sein. Potenzial ist vorhanden und muss genutzt werden. Natürlich haben die Betroffenen im Kraftwerk und im Tagebau Sorgen, dass sie ihren Arbeitsplatz verlieren werden. Die Chance zur Schaffung neuer Arbeitsplätze muss positiv zusammen mit den Beschäftigten in die Hand genommen werden.

Stolberg setzt beim Thema Industriedrehkreuz auf einen großen Investor. Birgt dies nicht Gefahren?

Bertram: Es besteht immer die Gefahr, dass ein Investor abspringen kann. Deswegen setze ich auf einen Industrie- und Gewerbemix. Hier gilt für mich der Ausspruch: Lieber zehn Betriebe mit 250 Mitarbeitern, als einen großen mit 2500. Die Flächenpotenziale in Stolberg sind mit der Eschweiler Situation nicht zu vergleichen. Im Moment diskutieren wir darüber, wie sich die Logistikbranche entwickelt, die mit ihren Warenströmen aus den Häfen in Belgien und Holland in unsere Region kommen. Selbstverständlich muss man auch auf den Schienenverkehr setzen.

Es kommt darauf an, wie die Warenströme gebrochen werden und sich in Eschweiler sowie in Stolberg für die Logistikbranche neue Chancen ergeben, die neue Arbeitsplätze zur Folge haben. Vielleicht darf ich eine Vision äußern: Warum denken wir in einigen Jahrzehnten nicht über die Schaffung von Wasserwegen nach. Vor vielen, vielen Jahren hat man dies im Ruhrgebiet gemacht. Im Moment weiß niemand, wie sich das Mobilitätsverhalten in den nächsten Jahrzehnten entwickelt.

Sie sprechen die Schiene an: Das dritte Gleis auf der Hauptstrecke Köln-Aachen ist kein Thema mehr?

Bertram: Das Thema würde ich nicht zu den Akten legen, sondern immer wieder politisch auf die Tagesordnung setzen.

Im Moment deutet aber nichts darauf hin, dass es gebaut wird…

Bertram: Im Moment steht es nicht im Bundesverkehrswegeplan. Aber die Region muss auf das dritte Gleis drängen, da es für die Entwicklung von Handel und Industrie in unserer Region enorm wichtig ist.

Wie sich der Verkehr entwickeln wird, ist Bestandteil des Mobilitätskonzepts, dass die Stadt in Auftrag gegeben hat. Welche Erkenntnisse versprechen Sie sich davon?

Bertram: Vom Grundsatz her erwarte ich, dass die Menschen durch dieses Konzept für das Zukunftsthema Mobilität sensibilisiert werden. Nach meiner Einschätzung wird ein Umdenken erforderlich werden. Es werden in Zukunft mehr Menschen den Öffentlichen Personennahverkehr nutzen. Auch der Umstieg auf die E-Mobilität wird prägendes Thema sein. Im Moment schwer vorstellen kann ich mir den Ausbau von Fahrradwegen bis hin zu Fahrradautobahnen.

Dieser Prozess wird intensiv zu begleiten sein und nicht nur die Mobilität der Menschen verändern, sondern auch Auswirkungen auf Industrie, Handel und Gesellschaft haben. Vor Ort müssen wir auch kurzfristig handeln: Wie uns vor wenigen Tagen die Vertreter der Bundesbahn erläutert haben, wird in 2020 der Hauptbahnhof barrierefrei umgebaut. Der Umbau wird die Attraktivität des Bahnfahrens steigern. Gleichzeitig müssen wir das Parkplatzangebot für Pendler verbessern. Das Angebot für Pkw sowie Fahrrad kann den Schienenverkehr attraktiver machen. Hier sehe ich den Bau einer Parkpalette am Bahnhof, der in den nächsten Jahren aufgegriffen werden sollte. Wir werden dazu Gespräche mit dem Verkehrsverbund aufnehmen.

Die Fahrspur-Reduzierung auf der Indestraße ist keine heilige Kuh?

Bertram: Das war sie für mich noch nie. Dies muss natürlich auch im Rahmen der Entwicklung des Mobilitätskonzeptes mit betrachtet werden. Es bestehen ja schon seit Jahrzehnten Ideen, eine Indeüberbauung oder eine Untertunnelung der Indestraße vorzunehmen. Als wir, bedingt durch einen Unfall vor einigen Monaten, teilweise den Verkehr auf der Indestraße in Höhe der Brücke Bergrather Straße nur einspurig fahren lassen konnten, gab es bereits Stimmen, diese Verkehrsführung so zu belassen.

Die geplante Verkehrsführung am Ringofengelände wird kritisiert…

Bertram: Zu diesem Thema lagen sehr viele Erhebungen, also Zahlen und Daten auf dem Tisch. Wir müssen schauen, wie sich der Verkehr dort entwickelt.

Viele fürchten ein Chaos, wenn der Sticher Tunnel schließt…

Bertram: Die Befürchtung kann ich nachvollziehen. Darum müssen wir versuchen, die Verkehrslenkung so zu gestalten, dass möglichst wenig an Belastung auf die Anwohner zukommt. Wichtig ist der Hinweis, dass wir, besonders für die Bauzeiten am Sticher Tunnel, für die Feuerwehr eine Lösung schaffen, die ihre Einsatzmöglichkeiten nicht einschränkt. Die Möglichkeit einer Dependance der Feuerwache am Krankenhaus muss dann aufgegriffen werden.

Einigen bleibt die Ratssitzung im Mai in Erinnerung, als Sie keine Wortmeldungen mehr zuließen. Was hat Sie dazu bewogen?

Bertram: Mich hat maßlos geärgert, dass man dem Technischen Beigeordneten Hermann Gödde und mir in der Diskussion zur Entwicklung des Hertie-Geländes indirekt vorgeworfen hat, falsche Abbruchkosten kalkuliert zu haben. Man kann mir vorwerfen, dass ich eine falsche Politik betreibe. Diesem Vorwurf kann ich mich politisch stellen, aber in diesem Fall war bei mir eine Schmerzgrenze erreicht. Es wurde versucht zu suggerieren, dass die Abbruchkosten bewusst hoch angesetzt wurden, um einen möglichst hohen Förderbetrag zu erhalten. Natürlich war mein Verhalten in dieser Ratssitzung formal falsch, dafür habe ich mich entschuldigt. Das war ein emotionaler Ausbruch, der mir nicht passieren darf.

Welcher negative Aspekt bleibt noch von 2017 haften?

Bertram: Natürlich das Abschneiden der AfD in Eschweiler bei den Landtags- und Bundestagswahlen. Ich blicke mit Sorge auf die Europawahl in 2019. Ich fürchte, dass durch die aktuelle Stimmungslage in Europa unsere jahrzehntelange Arbeit mit unseren Partnerstädten in Wattrelos und Reigate & Banstead vor Ort in Frage gestellt werden kann. Hierzu sind im Moment keine Anzeichen da, da sich in den letzten Jahrzehnten tiefe Freundschaften auf der persönlichen Ebene entwickelt haben.

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