Buchlesung: Krieg leider immer noch aktuell

Von: ran
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Gebannt lauschten die Schüler der Realschule den Worten Tilman Röhrigs, der aus „In 300 Jahren vielleicht“ vorlas. Foto: Andreas Röchter

Eschweiler. Das Buch ist eine einzige Anklage gegen den Krieg. Und so furchtbar und unglaublich es auch ist, das Werk nimmt an Aktualität wieder zu. 1983 verfasste Tilman Röhrig den Roman „In 300 Jahren vielleicht“, für den der Autor ein Jahr später mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet wurde.

In ihm beschreibt der Schriftsteller die letzten fünf Tage des fiktiven Dorfes Eggebusch, das während des Dreißigjährigen Kriegs (1618 bis 1648) von marodierenden Soldatenhorden mit brutaler Gewalt heimgesucht und geplündert wird, sowie die Schicksale seiner Bewohner.

Schon seit geraumer Zeit ist das beeindruckende Buch fester Bestandteil des Lehrplans für Schüler der 10. Jahrgangsstufe der Städtischen Realschule Patternhof. Ebenso lange lässt es sich Tilman Röhrig nicht nehmen, in jedem Jahr die Eschweiler Schule zu besuchen, um ausgewählte Passagen seines Werks vorzulesen und seinen jungen Zuhörern Rede und Antwort zu stehen.

Donnerstag kamen nicht nur die Schüler des Fachs Katholische Religion von Schulleiterin Michaela Silbernagel und ihres Stellvertreters Günther Busch in den Genuss der Autorenlesung, sondern auch die Schüler der Fächer Evangelische Religion von Lehrerin Sandra Frischmuth-Wamig sowie Ethik (praktische Philosophie) von Lehrerin Parastu Tajbakhsh.

Aufmerksam, gebannt und sichtlich berührt hingen die Schüler am Donnerstagvormittag an den Lippen Tilman Röhrigs, der es als ausgebildeter Schauspieler großartig versteht, während seiner Lesungen den Figuren seiner Werke einen unverwechselbaren Charakter zu geben. Und mit zahlreichen durchdachten Fragen stellten die Jugendlichen unter Beweis, wie gründlich sie sich im Unterricht mit dem Roman auseinandergesetzt hatten.

Etwa, ob der Begriff „Geschichte von unten“ für Tilman Röhrig eine Rolle spiele? „Ich bemühe mich immer, historische Geschehnisse auch und gerade aus der Perspektive der einfachen Menschen aus dem Volk zu erzählen“, so die Antwort des Autors.

Wobei das Einholen von Informationen zu jedem Buch unterschiedlich verlaufe. „Für In 300 Jahren vielleicht habe ich zunächst neun Monate lang re-cherchiert. Vor allem in der Herzog-August-Bibliothek in Wolfenbüttel, wo alle verbliebenen Handschriften aus dem Dreißigjährigen Krieg einzusehen sind. Das Schreiben des Buches selbst hat dann neun Monate gedauert“, berichtete der Schriftsteller, der kürzlich sein 70. Lebensjahr vollendete.

Und warum hat Tilman Röhrig überhaupt den Beruf des Schriftstellers gewählt? „Als ich ein Kind war, hat mir nur das Papier zugehört. Und kaum stand etwas auf dem Papier, ging es mir besser. Also habe ich immer weitergeschrieben“, ließ der Autor tief blicken, bevor er mit „Annes Tod“ den Schülern die wohl emotionalste Szene aus seinem Roman vorlas.

„Ich wollte ein Buch über Menschen im Krieg schreiben. Aus rein historischer Sicht ist der Dreißigjährige Krieg vollständig ausgewertet. Die Schuldfrage stellt sich heutzutage nicht mehr. Das war für mich sehr wichtig, da es mein Ziel war, dass sich die Leser jenseits der Schuldfrage ausschließlich mit dem furchtbaren Schicksal einfacher Menschen im Krieg beschäftigen“, erklärte Tilman Röhrig, warum er mit seiner Erzählung zeitlich so weit in die Vergangenheit eintauchte.

Der Einbau dramatischer Elemente in eine Geschichte sei unerlässlich, da es in einem Buch immer etwas zu lieben und zu hassen geben müsse. Das letztlich offene Ende der Geschichte gebe dem Leser die Gelegenheit, sich Gedanken zu machen, wie wir in unserer heutigen Zeit den Frieden gestalten könnten.

So sei die Frage, „Warum gibt es Soldaten?“, die die 13-jährige Anne kurz vor ihrem Tod ihrem Bruder Tobias stellt, auch heute noch brandaktuell. Die Fantasie der beiden, die in ihrem Leben ausschließlich Krieg erlebt haben, reicht kaum aus, sich den Frieden vorzustellen. „Wann wird denn Frieden herrschen?“, will Anne von Tobias wissen. „In 300 Jahren vielleicht“, lautet dessen Antwort. „Ein Trugschluss“, erklärte Tilman Röhrig.

„Meine Geschichte spielt im Jahr 1641. Drei Jahrhunderte später, also 1941, tobte der Zweite Weltkrieg.“ Auch zu Beginn des 18. Jahrhunderts, also vor 300 Jahren, habe es viele kriegerische Auseinandersetzungen gegeben. Ein (leider) zeitloses Buch.

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