Boxturnier in München: Jan Janssen erfüllt sich einen Traum

Von: Jan Janssen
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Traum erfüllt: Jan Janssen aus Eschweiler startete bei einem Boxturnier für Amateure. Bandagieren der Hände, in der Ecke mit dem Trainer und viele Zuschauer – der Indestädter erfüllte sich einen Traum. Obwohl er bereits nach dem ersten Kampf körperlich ausgelaugt war, biss er sich durch und gewann das Turnier sogar. Sechs Wochen Vorbereitung hatte er für diesen Moment investiert.
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Traum erfüllt: Jan Janssen aus Eschweiler startete bei einem Boxturnier für Amateure. Bandagieren der Hände, in der Ecke mit dem Trainer und viele Zuschauer – der Indestädter erfüllte sich einen Traum. Obwohl er bereits nach dem ersten Kampf körperlich ausgelaugt war, biss er sich durch und gewann das Turnier sogar. Sechs Wochen Vorbereitung hatte er für diesen Moment investiert. Foto: Thilo Schmülgen

Eschweiler/München. Als alles vorbei ist, habe ich nicht mal mehr Kraft zu jubeln. Der Ringrichter reißt meine Hand hoch, ruft: „Sieger: Blau!“ Ich muss erst in meine Ecke schauen, ehe ich realisiere: Blaue Ecke – das bin ich! Ich habe tatsächlich gewonnen! Ich bin der Boxwerk-Wiesn-Champ!

Der Reihe nach: Seit vielen Jahren boxe ich im Boxwerk in Maxvorstadt. Mit regelmäßigem Sparring zwar, aber doch auf bescheidenem Niveau – der Job als Journalist lässt nicht viel Freiraum für sportliche Höchstleistungen. Eines aber schwirrte mir immer im Kopf herum: „Ich will einmal einen Kampf machen.“ So richtig mit Wiegen, Ringrichter und natürlich vor Publikum. Das Problem: Für eine späte Amateur-Karriere im Verein fehlt mir die Zeit. Und ohne Amateur-Lizenz gibt es kaum Gelegenheiten zu kämpfen. Bis Boxwerk-Chef Nick Trachte auf die grandiose Idee kam, das erste Boxwerk-Wiesn-Sparrings-Turnier ins Leben zu rufen. Für mich die Chance meines Lebens!

„Wir wollten ein Turnier veranstalten für Boxwerk-Mitglieder mit Sparringserfahrung, die aber noch nie einen echten Kampf gemacht haben und diese Erfahrung einmal machen wollten“, erklärt Trachte, der das Boxwerk vor sechs Jahren gründete und es zu Münchens angesagtesten Boxgym gemacht hat. Eine Veranstaltung, wie für mich gemacht.

Aber klar ist: So einen Kampf macht man nicht mal eben so. „Mindestens sechs Wochen Vorbereitungszeit sollte man sich schon nehmen“, sagt Trachte. Mein Glück: Beruflich hatte ich gerade etwas Luft, so dass ich sofort mit meinem privaten Trainingslager beginnen konnte – sechs Mal Training pro Woche, mindestens dreimal die Woche Sparring. Viel Nudeln, Hühnchen, Fisch, Gemüse. Sechs Wochen lang quäle ich mich, immer das Ziel vor Augen: Der Kampf am Wiesn-Eröffnungswochenende.

Schon Tage vorher kann ich an nichts anderes mehr denken, habe zwischendrin große Sorge. Was, wenn mein Gegner übermächtig ist und ich den Kampf – vermutlich ja den einzigen in meinem Leben – verliere?

Der Kampfabend. Jetzt habe ich nicht nur Sorge, jetzt habe ich richtig Schiss. Aber genau deswegen wollte ich dieses Experiment ja machen. Die eigene Angst überwinden, das Ding durchziehen, mich stellen – dem Gegner und der Herausforderung.

Das Boxwerk ist eine ehemalige Druckerei, mit tiefen Decken, schummrig – wie man sich einen Boxkeller so vorstellt. Es riecht nach Schweiß, die Luft vibriert. Das Wiegen: 69,5 Kilo – damit bin ich der leichteste im Teilnehmerfeld. Nicht gut. Ich bekomme einen Gegner zugelost: etwas größer als ich, gut trainiert, Glatze. Die letzten Minuten vor dem Kampf sind für mich beinahe unerträglich. Was mache ich hier? Überschätze ich mich? Was, wenn der mir richtig aufs Maul gibt? Ich versuche nicht nachzudenken, mache mich warm, bandagiere die Hände. Ob sich so die Gegner der Klitschkos fühlen? Total verunsichert? Aber irgendwie auch heiß auf den Fight? Die Distanz: Dreimal zwei Minuten. Ich ziehe den Kopfschutz an, werde in den Ring gerufen. Es geht los!

Gong! Ich habe mir vorgenommen, erstmal abzuwarten, aber nach wenigen Sekunden habe ich meine Taktik vergessen. Ich stürze mich auf meinen Gegner, meine ersten beiden Schläge sind gleich Volltreffer, mein Kontrahent scheint beeindruckt. Es läuft gut für mich, ich setze klare Treffer, werde selbst wenig getroffen. Die ersten beiden Runden gehen an mich, bin aber schon ziemlich platt.

Doch ich weiß: Die letzte Runde muss ich nur noch überleben, dann habe ich gewonnen. Ich bekomme die Arme kaum noch hoch, quäle mich über die Zeit. Am Ende hebt der Ringrichter meinen Arm – gewonnen!

Ich bin überglücklich, meine Mission ist erfüllt. Woran ich nicht gedacht habe: Ich stehe damit ja im Halbfinale, müsste also nochmal antreten. Das Problem: Ich bin total am Ende. Soll ich wirklich nochmal antreten? Eigentlich kann ich nicht mehr, aber weglaufen will ich auch nicht. Also: Halbfinale. Diesmal ist mein Gegner erfahrener, technisch stärker und fitter. Aber irgendwie gelingt es mir, die klareren Treffer zu setzen. Ich schleppe mich von Runde zu Runde, bin wie in Trance, eine echte Deckung habe ich schon lange nicht mehr. Wir schenken uns beide nichts, liefern uns teilweise eine wüste Keilerei. Am Ende entscheiden die Kampfrichter mit 2:1 für mich. Ich stehe im Finale – unglaublich!

Jetzt will ich das Ding auch gewinnen. Mein nächster Gegner ist Anfang 20, ganz schön schnell auf den Beinen und hat eine ordentliche Fanbase mitgebracht. Der Publikumsliebling bin ich also nicht – egal, ich bin nicht hier, um Freunde zu gewinnen, sondern das Turnier. Das Problem: Ich habe überhaupt keine Kraft mehr. Jetzt geht es nur noch über den Willen. Also nehme ich mir lange Pausen, stürze mich dann mit dem Mut der Verzweiflung auf mein Gegenüber. Das Publikum steht Kopf, wir holen das Letzte aus uns raus.

Nach dem Schlussgong können wir uns kaum noch auf den Beinen halten. Das Urteil höre ich eigentlich nur noch im Unterbewusstsein: „Blau!“ Die gegnerischen Fans buhen – aber ich bin der Champ!

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