Botschaften, die unter die Haut gehen

Von: ran
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Erinnerung an einen tödlichen Unfall auf der Südstraße, bei dem vor zwölf Jahren zwei junge Männer ums Leben kamen. Foto: Patrick Nowicki

Eschweiler. Es sind oftmals unscheinbare Zeichen. Symbole am Straßenrand, die den weitaus meisten Verkehrsteilnehmern erst gar nicht auffallen. Und doch markieren (zu viele) Kreuze in unmittelbarer Nähe der Fahrbahn, dass an dieser Stelle (mindestens) ein Mensch zu Tode kam.

Rund 550.000 Verkehrsunfälle registriert die Polizei jährlich im verkehrsintensiven Bundesland Nordrhein-Westfalen. Mehr als 600 Menschen kommen dabei ums Leben. Tatsache ist, dass der Anteil jugendlicher Unfallverursacher überproportional hoch ist.

Überhöhte Geschwindigkeit, das Nichtanlegen des Sicherheitsgurtes und nicht zuletzt der Konsum von Alkohol und Drogen werden bei über 50 Prozent der tödlichen Verkehrsunfälle als Ursachen registriert. Diesen furchtbaren Zahlen begegnet die Polizei NRW seit einigen Jahren mit einer Initiative, deren Name für sich spricht.

Im Rahmen des Projekts „Crashkurs NRW – Realität erfahren. Echt hart“ besuchen Polizisten, aber auch Feuerwehrmänner und -frauen, Notärzte, Rettungsassistenten sowie Angehörige von Unfallopfern Schüler der 10. Jahrgangsstufe, um diese mit eindringlichen Bildern, Erfahrungsberichten und Filmbeiträgen auf die Gefahren, die fahrlässiges Verhalten im Straßenverkehr mit sich bringt, eindringlich und auf emotionale Art und Weise aufmerksam zu machen. Am Freitagmorgen richtete sich dieses Angebot nun an Schüler des Städtischen Gymnasiums, der Bischöflichen Liebfrauenschule sowie der Adam-Ries-Schule.

„Wir möchten euch zum Nachdenken bringen und euer Bewusstsein schärfen, nicht alkoholisiert ein Lenkrad in die Hand zu nehmen und generell nicht unbedacht zu handeln“, begrüßte Winfried Grunewald, Schulleiter des Städtischen Gymnasiums, die jugendlichen Zuschauer und -hörer in der vollbesetzten Aula seiner Schule, bevor Polizei-Oberkommissarin Nicole Ramjoué gemeinsam mit Hauptkommissar Norbert Karl das Zepter in die Hand nahm.

„Ihr werdet in absehbarer Zeit die nächsten sein, die sich hinter das Steuer eines Autos setzen“, blickte sie in die nahe Zukunft der Schüler und erinnerte daran, dass auch zahlreiche Menschen, die nicht unmittelbar an einem Unfall beteiligt sind, dennoch zu Opfern werden. „Zu unseren Aufgaben gehört es, mit Eltern Kontakt aufzunehmen und ihnen mitzuteilen, dass ihre Tochter oder ihr Sohn nicht mehr nach Hause kommen werden“, so die Polizeibeamtin.

Ein solcher Verlust reiße ein nicht mehr zu stopfendes Loch in das Leben der Angehörigen, ein leerer Stuhl in der Klasse hinterlasse aber auch Spuren bei den Mitschülern. Und selbst für Überlebende von schweren Unfällen sei häufig auf Grund von physischen und/oder psychischen Verletzungen nichts mehr so wie vor dem Unglück. „Lebensträume und -ziele sind häufig zerstört“, unterstrich Nicole Ramjoué.

Realistische Schilderungen

Spürbar berührt verfolgten die Schüler der drei weiterführenden Schulen anschließend die fast schon schmerzhaft realistischen Schilderungen von Jürgen Heck, ehrenamtlicher Feuerwehrmann in Roetgen, Notarzt Thomas Fell und Rettungsassistent Christoph Schnitzler, die von eigenen Erlebnissen bei Rettungseinsätzen berichteten, bei denen zum Teil jede Hilfe zu spät kam. „Ich habe täglich mit Unfällen zu tun und werde einfach sauer, wenn Dummheiten geschehen“, betonte der Mediziner, der seinen Zuhörern ins Gewissen redete.

„Sitzt ihr als Beifahrer in einem Auto und der Fahrer fährt zu schnell, dann redet ihm ins Gewissen. Hört er nicht auf euch, dann fordert ihn auf, anzuhalten und steigt aus. Das ist genau das Gegenteil von uncool!“ Ziel sei es nicht, den Jugendlichen den Spaß am Leben zu nehmen, sondern den Spaß am Überleben in den Vordergrund zu stellen.

Für zahlreiche Schüler kaum auszuhalten waren schließlich die Worte einer Mutter, die vor inzwischen gut acht Jahren ihre Tochter Linda fünf Tage vor deren 16. Geburtstag durch einen Verkehrsunfall verlor.

In einer Videobotschaft ließ sie wissen, dass es für sie nach wie vor kaum begreifbar sei, ihre Tochter nie mehr lachen zu sehen. Verzweiflung, unendliche Stille und Hilflosigkeit sowie Anti-Depressiva und Schlafmittel seien ihre ständigen Begleiter. „Selbst wenn wir in der Familie lachen, bleibt der Schleier der Trauer allgegenwärtig“, so die mehrfache Mutter, deren Tochter wenige Stunden vor ihrem Tod Gast einer Geburtstagsfeier einer Freundin gewesen sei, die das Motto „Kindergarten und Grundschule“ gehabt habe.

„Sie sah Linda sterben“

„Ich habe Linda zwei Zöpfe geflochten. Wir hatten jede Menge Spaß“, erinnert sie sich. Es sei verabredet gewesen, dass ihre Tochter den Heimweg im Auto des vertrauenswürdigen Freundes einer Freundin antrete. „Doch Linda lernte im Laufe des Abends einen anderen jungen Mann kennen und ist in dessen Wagen gestiegen. Unter Alkoholeinfluss und bei deutlich zu hoher Geschwindigkeit hat der Fahrer dann auf gerader Strecke die Kontrolle über sein Fahrzeug verloren, ist von der Straße abgekommen und hat den Wagen gegen einen Baum gelenkt.

Er hat überlebt, Linda nicht. Ihre Freundin, die mit ihrem Freund etwa zwei Minuten nach dem Unfall die Unfallstelle erreichte, sah Linda sterben“, so die Schilderung, die keinen Zuhörer unberührt ließ. Einige Schüler mussten die Aula verlassen und wurden von Seelsorgerin Hannelore Leiendecker und Schulsozialarbeiterin Marianne Gammersbach in Empfang genommen und betreut.

„Wenn ich auch nur einen kleinen Teil dazu beitragen kann, dass einer Person das Schicksal von Linda und meiner Familie erspart bleibt, dann habe ich mein Ziel erreicht“, erläuterte die Mutter der getöteten Linda ihren Beweggrund, das Projekt „Crashkurs“ zu unterstützen. Damit war alles gesagt!

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