Berufskolleg: Terrormorde von Paris lösen viele Diskussionen aus

Von: rpm
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Bezieht klar Stellung: BKE-Schulleiter Thomas Gurdon. Foto: R. Müller

Eschweiler. „Wir weichen keiner Diskussion aus!“ Thomas Gurdon, Schulleiter des Berufskollegs (BKE) an der August-Thyssen-Straße, sieht sich und seine Kollegen durch unser „Tagebuch“ ins falsche Licht gerückt. Dort hatten wir ihn sinngemäß mit dem Satz zitiert, es sei den Lehrern freigestellt, die Terrorakte von Paris zum Unterrichtsthema zu machen oder nicht, weil es an der Schule viele Jugendliche gebe, die dazu eine etwas andere Meinung haben.

„Das war keineswegs der Aufruf, bei Gegenwind den Kopf in den Sand zu stecken – ganz im Gegenteil.“ Da, wo Schüler sich dazu äußern, werde selbstverständlich darauf eingegangen. Allerdings gehe es nicht um die Morde des Islamischen Staats gutheißende Äußerungen von Salafisten („Die haben wir hier bisher nicht wahrgenommen“), sondern zum Beispiel um berechtigte Fragen von Schülern aus dem Nahen Osten: „Warum steht hier keiner auf, wenn in Beirut Bomben hochgehen?“, habe es vor und nach der Schweigeminute für die Opfer von Paris am Montagmittag geheißen.

Gurdon: „Wir ducken uns nicht weg. Gerade mit den Klassen reden wir, in denen Schüler unsere Haltung nicht verstehen. Wir stellen uns dem Vorwurf, dass wir und die EU auf die Toten in Paris reagieren, aber nicht auf die Toten am Tag vorher in Beirut und auf die vielen Tausend Toten, die im Krieg in Syrien oder auf der Flucht zu uns sterben. Wir reagieren auf Schüler, die nur als Provokation uns erklären, wie toll das Töten ist. Wir diskutieren mit Schülern, die jetzt alle Muslime aus Deutschland abschieben wollen. So sehen unsere Diskussionen aus!“

Und auch eher profane Dinge des alltäglichen Lebens beschäftigen die Schüler: Kann die Klassentour zum Aachener Weihnachtsmarkt stattfinden, oder ist dies zu gefährlich? Sollte man besser auf geplante Konzertbesuche verzichten? „Es ist nicht zuletzt unsere Aufgabe, dafür Sorge zu tragen, dass aus Betroffenheit keine Angst wird“, sagt Thomas Gurdon.

Bereits am Sonntag hatte der Schulleiter in einer Rundmail an sein Kollegium auf mögliche Auswirkungen der Pariser Terrorserie auf die schulische Arbeit hingewiesen. „Unsere muslimischen Schülerinnen und Schüler könnten unter einen Generalverdacht gestellt werden und müssten sich rechtfertigen für die Taten von Terroristen. Die Flüchtlinge in unserer Turnhalle werden verunsichert sein, wie wir reagieren werden, und eventuell befürchten, dass es zu Anfeindungen kommen könnte. Wir sollten verhindern, dass diejenigen, die vor Terror und Gewalt zu uns geflohen sind, hier erneut zu Opfern – diesmal rechter Hetzer – werden.“

Sein Appell an die Lehrer: „Bitte haben Sie ein offenes Ohr in Ihren Klassen. Reagieren Sie besonnen und lassen Sie die Diskussionen zu, um Ängste abzubauen und Fragen zu beantworten. Machen Sie in den Diskussionen deutlich, dass die Terroristen wollen, dass wir uns nicht mehr sicher fühlen, dass wir unser freiheitliches Leben einschränken und öffentliche Veranstaltungen meiden.“

Ein offenes Ohr haben Schüler und Lehrer des BKE auch für die Bedürfnisse der rund 150 Flüchtlinge, die seit einigen Wochen in der Sporthalle des Berufskollegs untergebracht sind. Viele Schüler haben sich als Dolmetscher für Flüchtlinge zur Verfügung gestellt. Thomas Gurdon: „Wir bieten da 30 Sprachen an – darunter sogar etliche, von deren Existenz ich noch nie gehört hatte.“

Zudem engagieren sich Schüler in der Kleiderkammer (gespendete Kleidung wird im Pädagogischen Zentrum sortiert, ehe sie an die Flüchtlinge ausgegeben wird) und in der Kinderbetreuung. „Dieses Engagement, diese Hilfe sehen wir auch als wertvolle Erfahrung für unsere Schüler an“, betont der Schulleiter. „Die Kleidungsstücke, die die Jugendlichen da sortieren, würden wohl die wenigsten von ihnen selbst haben wollen. Da wird vielen bewusst, wie gut sie es haben.“

Seit drei Wochen läuft auch eine schulinterne Sammelaktion. Wöchentlich wird ausgeschrieben, was die in der Sporthalle lebenden Flüchtlinge am dringendsten brauchen. In dieser Woche sind es Koffer und Taschen. Zum Transport der wenigen Habe auf der Weiterreise.

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