Eschweiler - Bei Kindern mit Trauma ist Fantasie gefragt

Bei Kindern mit Trauma ist Fantasie gefragt

Von: Friedhelm Ebbecke-Bückendorf
Letzte Aktualisierung:
Was im Gehirn eines traumatisi
Was im Gehirn eines traumatisierten Menschen vor sich geht, machte Robert Wagner vom Haus St. Josef mit einer Wendepuppe anschaulich. Foto: Friedhelm Ebbecke-Bückendorf

Eschweiler. Viele Kinder im Haus St. Josef haben Schreckliches erlebt, bevor sie in diese Einrichtung für Kinder-, Jugend- und Familienhilfe kamen. Sie sind traumatisiert und brauchen eine behutsame, hinschauende Pädagogik.

Das Fachwissen dafür haben sich bereits 80 Prozent der stationären Mitarbeiter in Schulungen angeeignet. Beim Neujahrsempfang am Dienstag im Haus St. Josef zeigten sie in einem „Markt der Möglichkeiten” den Besuchern, wie fantasievoll und intensiv sie sich traumatisierten Kindern und Jugendlichen zuwenden. Was Traumapädagogik in der Jugendhilfe leisten kann, erläuterte Robert Wagner, Fachbereichsleiter der Einrichtung.

Nur bei wenigen Kinder, die im Haus St. Josef betreut werden, ist eine Posttraumatische Belastungsstörung ärztlich erkannt. Aber „wenn wir auf die Symptome schauen, dann erkennen wir viele unserer Kinder und Jugendlichen”. Wagner zählt die Symptome auf: die hohe Erregbarkeit, die geringe Bindungsfähigkeit, gestörte Emotionswahrnehmung, gestörte Körperwahrnehmung - manche Kinder gehen im Winter leicht bekleidet raus und spüren keine Kälte und keinen Schmerz - geringe Belastbarkeit, verwirrte Normen bei Sexualität und Geschlechterrollen. Vor allem aber die Gefahr, alles das wieder zu erleben, was zum Trauma geführt hat.

Was passiert, wenn ein für andere Menschen nebensächlich erscheinender Reiz im Gehirn eines traumatisierten Menschen das Erinnern auslöst, zeigte Robert Wagner den Zuhörern so, wie er es auch den betroffenen Kindern erklärt: mit einer Wendepuppe, die mal Prinzessin, mal Prinz und mal Frosch ist. Und mit einem Märchen: Es war einmal...

Es war einmal ein Königreich, dort lebten die Prinzessin, der Prinz und der Frosch. Der König dieses Reiches war vor vielen Jahren bei der Jagd ums Leben gekommen, und der Prinz hatte den Tod mit ansehen müssen. Eines Tages nun breitet sich Feuergeruch auf der Burg aus. Der Prinz ist ängstlich, verunsichert, er fühlt sich wie damals, als der König starb. Die Prinzessin versucht, ihn zu beruhigen - sicher ist es nur der Herd in der Küche, der raucht, und selbst wenn es brennt, haben wir ja unsere Feuerwehr. Der Frosch macht, was er immer bei Gefahr macht - er hüpft schnell weg.

So wie diese Wendepuppe, erklärt Wagner, sei auch unser Gehirn: Da gibt es die Prinzessin, das ist die Großhirnrinde, die mit dem Verstand alles erklären kann. Da ist zweitens der Prinz, das ist das limbische System mit dem emotionalen Wahrnehmen, aber auch den eingefrorenen traumatischen Emotionen. Und schließlich der Frosch. Er steht für die Amygdala, das Alarmzentrum des Gehirns. Üblicherweise reden diese drei Personen miteinander, so wie in der Geschichte. Aber bei einem traumatisierten Gehirn gibt es keine Verbindung der Prinzessin zu Prinz und Frosch.

Wenn in einem traumatisierten Menschen die Erinnerung ausgelöst wird, das Wieder-Erleben, dann reagiert er mit Flucht, Aggression, oder er erstarrt. Keine Verständigung möglich. Bei bestimmten Auslösereizen reagiert das Kind wie in Lebensgefahr, und es sei völlig nutzlos, ein tobendes, um sich schlagendes Kind zu fragen, warum es das getan habe: „Die Kids wissen es nicht.”

Für manche Pädagogen am Haus St. Josef waren die Fortbildungen zum Thema Traumapädagogik mit Selbsterkenntnis verbunden. Robert Wagner beschreibt diese Haltungsänderung, die den Umgang mit traumatisierten Menschen auch verstehender, entlasteter, methodenkompetenter macht. Wenn ein Jugendlicher früher scheinbar ohne jeden Grund plötzlich ausrastete, war man als Pädagoge eher ratlos. „Heute wissen wir, es hatte einen Grund: Die Kinder kämpfen um ihr Leben.”

Wie kann man Kindern solche Überlebenskämpfe ersparen? Viele Möglichkeiten stellten die Mitarbeiter des Hauses St. Josef in einem „Markt der Möglichkeiten” vor. Da gibt es zum Beispiel einen „Notfallkoffer”, der immer greifbar sein sollte. Was rein kommt, bestimmt jedes Kind selbst. Es sollten Sachen hinein, die helfen, sich selbst zu fühlen: eine Bürste mit harten Borsten zum Beispiel, Chili, Riechsalz. Und Dinge, die helfen, zu sich selbst gut zu sein: Fotos und Briefe, Babybrei und Labellostifte, Schokolade und Kuscheltier.

Vorgestellt wurde auch ein mobiler „Snoezelraum”. Er, als weißes Zelt gestaltet, soll den inneren, sicheren Ort spürbar und erlebbar machen. Ein weißes Fell, weiße Kissen und Decken liegen in diesem Zelt, es gibt Düfte zum Riechen, Entspannungsmusik und Klangschalen zum Hören, glatte Steine und Muscheln zum Fühlen.

Für die Pfarrgemeinde St. Peter und Paul als Träger der Einrichtung hatte Alt-Bürgermeister Manfred Esser die Gäste begrüßt und den Mitarbeitern gedankt.

Wolfgang Gerhards, der Leiter des Hauses St. Josef, berichtete in einer kurzen Jahresbilanz vor allem vom Kinder- und Jugendparlament:„Es ist zu einem Sprachrohr für alle Kinder geworden”. Aktuell erarbeitet es gemeinsam mit der Leitung des Hauses einen Regelkanon „Was dürfen Erzieher nicht”.
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