Bei Hochwasser säuft die City wohl nicht ab

Von: Daniel Gerhards
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Im Januar 2011 stieg das Wasser der Inde bis knapp unter die Brücke Grabenstraße. Die Einsatzkräfte hatten alle Hände voll zu tun. Foto: Patrick Nowicki
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An der Stoltenhoffmühle (zwischen Aachener Straße und Odilienstraße) plant der Wasserverband Rur-Eifel die Inde zu renaturieren und gleichzeitig Anlieger vor Hochwasser zu schützen. Auf der Karte eingezeichnet ist der Bereich, der nach heutigem Stand bei 100-jährigem Hochwasser überflutet würde. Grafik: Hans-Gerd Classen

Eschweiler. Was passiert, wenn der Pegel der Inde steigt, was wird überflutet, wo bleibt es trocken? Das zeigen nun veröffentlichte Karten der Bezirksregierung Köln. Darauf ist verzeichnet, wohin das Wasser der Inde bei 100-jährigem Hochwasser vordingen würde.

So viel vorweg: Eschweiler ist bei Hochwasser relativ sicher. Die Stadt säuft wohl nicht ab. In der Innenstadt würde die Inde in ihrem geregelten Bahnen bleiben. Auch in den außenliegenden Stadtgebieten würden fast ausschließlich unbebaute Flächen überschwemmt.

Das gilt allerdings nur beim 100-jährigen Hochwasser, also einem Hochwasserereignis, das statistisch gesehen einmal im Jahrhundert vorkommt. Zum Vergleich: Bei normalem Wasserstand liegt der Durchfluss bei etwa drei Kubikmetern pro Sekunde, bei 100-jährigem Hochwasser bei sekündlich etwa 110 Kubikmetern. Das entspricht einem Pegelstand von 2,75 Meter.

Auch so gewaltige Wassermengen stecke die Indestadt in Sachen Hochwasserschutz weg. „In Eschweiler sieht es ganz gut aus“, sagt Thomas Meurer, zuständiger Gebietsingenieur des Wasserverbandes Rur-Eifel. Aber: „Eine 100-prozentige Sicherheit wird es nie geben“, sagt er. Kanäle könnten trotzdem überlaufen, Brücken müssten „verteidigt“ werden und falls es zum Beispiel wegen Bauarbeiten ein Loch in einem Damm gibt, könnten sicher geglaubte Gebiete überschwemmt werden.

In der Innenstadt bereiten die Brücken Grabenstraße und Neustraße den Experten vom Wasserverband die größten Sorgen. Eigentlich sollte eine Brücke über dem Pegel des 100-jährigen Hochwassers liegen – und noch etwas Freiraum zum Wasser lassen, damit kein Treibgut hängenbleibt.

Technisch gebe es viele Möglichkeiten, Brücken hochwasserfest zu machen. Brücken mit Pfeilern könnten durch freitragende Bauten ersetzt werden. Brücken könnten schlanker konstruiert werden. „Aber solche Lösungen können ins Geld gehen“, sagt Franz-Josef Hoffmann, Unternehmensbereichsleiter Gewässer des Wasserverbandes Rur-Eifel. Wenn eine Brücke aber ohnehin saniert werde, dann bringe der Verband etwaige Vorschläge ein.

Eine weitere kritische Stelle ist an der Stoltenhoffmühle zwischen Aachener Straße und Odilien-straße. Dort würden einige bebaute Grundstücke überschwemmt. Allerdings plant der Wasserverband an diesem Flussabschnitt bereits eine Schutzmaßnahme. Dort soll die Inde renaturiert werden. Das Gewässer werde aufgeweitet. Es soll weitere Ausweichflächen – sogenannte Retentionsflächen – geben. Und Wehre sollen zurückgebaut werden. „Das ist eine ökologische Verbesserung und gleichzeitig Hochwasserschutz“, sagt Meurer.

Über Kosten oder Zeitrahmen des Projekts könne man aktuell noch nichts sagen, sagt Hoffmann. Die konkreten Planung solle im Frühjahr beginnen. Einer der größten Stolpersteine sei häufig, dass Anlieger dem Verband ihr Land nicht verkaufen wollen. „Das ist gerade seit der Finanzkrise sehr schwierig, weil Land sehr wertstabil ist“, sagt Hoffmann. Deshalb versuche man Flächen zu tauschen oder die Eigentümer zu entschädigen.

Wenn die geplante Maßnahme an der Stoltenhoffmühle abgeschlossen ist, wird das Gebiet auf der Hochwassergefahrenkarte von Thomas Meurer gelb statt blau. Also bei 100-jährigem Hochwasser zu einem geschützten, statt einem überschwemmten Bereich.

Vielerorts sorgen die neuen Karten mit den Überschwemmungsgebieten der Flüsse aktuell für Irritationen. In Eschweiler gab es keine Überraschungen, man habe schon länger über die fraglichen Flächen Bescheid gewusst, sagt Arno Hoppmann, Flussgebietsmanager beim Wasserverband Rur-Eifel. In anderen Städte liegen attraktive Baugrundstücke oder Flächen, auf denen Betriebe bauen wollten, plötzlich im Überschwemmungsgebiet. Von solchen Bauvorhaben treten Investoren aber schnell zurück, da Versicherungen sehr teuer werden – oder man erst gar keinen Versicherungsschutz bekommt.

Die Überschwemmungsgebiete errechnen die Planer, indem sie Wasserspiegel mit Geländedaten abgleichen. Nun gebe es genauere Geländedaten und bessere Modellkarten. Manchmal hätten Behörden in der Vergangenheit aber auch ein Auge zu viel zugedrückt. Früher habe man Flächen oft kurzerhand aus dem Überschwemmungsgebiet herausgenommen.

Der Grund: „Man wollte sie nutzen“ – zum Beispiel für Bau- oder Industriegebiete. „Aber Physik und Natur nehmen keine Rücksicht darauf, was Eigentümer gerne mit den Flächen machen wollen“, sagt Meurer. Vorgekommen sei in der Vergangenheit auch, dass einfach Bebauung in von Überschwemmung gefährdeten Gebieten geplant wurde. „Man dachte sich dann, dass da schon Schutzmaßnahmen getroffen werden, wenn erst eine Bebauung da ist“, sagt Hoffmann.

Solche Dinge wolle man vermeiden. In Überschwemmungsgebieten dürfen laut Bezirksregierung Köln keine neuen Baugebiete ausgewiesen werden. Außerdem dürfe dort kein Grünland in Ackerland umgewandelt und keine Gegenstände gelagert werden, die den Wasserabfluss behindern. Vollkommen ausgeschlossen sei eine Bebauung allerdings nicht. Ein Haus in einer Lücke zwischen andere Häuser zu bauen, sei denkbar, sagt Hoppmann.

Was am Ende von der behördlichen Festsetzung der Überschwemmungsgebiete bleibt: Man weiß, welche Flächen beim 100-jährigen Hochwasser bedroht wären. Man kann ableiten, wo Maßnahmen zum Hochwasserschutz nötig sind. Und entscheiden, wie man sensible Bereiche vor dem Wasser schützen kann.

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