Behinderte sind keine „Minderheit”

Von: Andreas Röchter
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Angeregte Diskussionsrunde: Politiker und Mitarbeiter der Caritas tauschten Gedanken über Verbesserungsmöglichkeiten der sozialen Teilhabe von Menschen mit Behinderung aus. Foto: Andreas Röchter

Eschweiler. Immer mehr Menschen erreichen ein hohes Alter. Das bedeutet jedoch auch, dass die Zahl der Pflegebedürftigen stetig steigt. Und dies schließt auch Menschen mit Behinderung ein.

„Gelingt es der Gesellschaft, auch diesen Personenkreis aufzufangen und ihm soziale Teilhabe zu gewähren?”, fragte Marc Inderfurth, Geschäftsführer der Caritas Lebenswelten, Mittwochvormittag in den Räumen des Caritas-Wohnheims in der Odilienstraße eine illustre Runde.

Denn im Rahmen der Initiative „Caritas zur Landtagswahl” waren mit Axel Wirtz (CDU), Stefan Kämmerling (SPD) und Kurt Victor (FDP) drei Kandidaten zu Gast, die sich am 9. Mai zur Wahl stellen. Die Riege der Politiker ergänzten Bundestagsmitglied Bettina Herlitzius (Bündnis 90/Die Grünen) und die Sozialdemokratin Nicole Weiden-Luffy als Mitglied der Landschaftsversammlung. Für die Caritas nahmen neben Moderator Dr. Andreas Wittrahm auch Bettina Offergeld, Fachreferentin im Bereich Behindertenhilfe, Einrichtungsleiter Stephan Kriescher, Alice Teeuwen von der Fachbereichsleitung Wohnen und Walter Born, der in einer Einrichtung des betreuten Wohnens in Broichweiden lebt, an der Diskussionsrunde teil.

„Politik ist die Sache aller. Auch der Behinderten und ihrer Angehörigen”, betonte Dr. Andreas Wittrahm, zu Beginn und eröffnete die Diskussion mit der Frage an Axel Wirtz, wie für ihn ein Land mit behindeten Menschen auszusehen habe. „Es muss ein Land sein, in dem es sozial zugeht. Behinderte gehören zu unserem Leben. Es ist Aufgabe der Politik, Rahmenbedingungen zu schaffen, die ihnen die Teilhabe an möglichst vielen Bereichen des Lebens ermöglicht. Dazu gehört auch zum Beispiel die Integration in Vereinen”, antwortete der Christdemokrat.

Für Stefan Kämmerling fängt die Integration behinderter Menschen in sehr jungen Jahren an. „Wo immer es möglich ist, sollte eine gemeinsame Beschulung behinderter und nicht behinderter Kinder stattfinden”, unterstrich der Landtagskandidat und wies darauf hin, dass in Deutschland rund zehn Prozent der Bevölkerung von Behinderungen betroffen seien. „Es handelt sich also nicht mehr um eine Minderheit.” Auch die Barrierefreiheit sei für ihn ein großes Thema. „Darüber hinaus muss für Entscheidungsträger gelten, den direkten Kontakt zu Behinderten zu suchen.” In die gleiche Kerbe schlägt FDP-Kandidat Kurt Victor aus Monschau. „Politiker müssen sich umhören, wo genau die Bedürfnisse der Behinderten liegen.”

Architektin Bettina Herlitzius sieht vor allem in der Stadtentwicklung ein wichtiges Thema. „Viele Alltäglichkeiten in unserer bebauten Umwelt sind nach wie vor nicht behindertengerecht.” Deshalb müssten die Planer umdenken. „In den zurückliegenden 50 Jahren hat eine Separierung stattgefunden. Nun muss die Integration im Vordergrund stehen, um behinderten Menschen ein selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen.” Den Bogen in Sachen Integration zu spannen von kleinen Kindern bis hin zu Menschen im weit fortgeschrittenen Alter schwebt Nicole Weiden-Luffy vor. „Es gilt, geeignete Möglichkeiten zu schaffen, aktiv zu bleiben.”

Auf ein schwerwiegendes Problem wies Einrichtungsleiter Stephan Kriescher hin: „Grundsätzlich können die Bewohner bei uns alt werden. Schwierig wird es jedoch, wenn Pflegebedürftigkeit eintritt, da wir einen pädagogischen, aber keinen pflegerischen Auftrag haben”, machte er deutlich. „Hinzu kommt, dass wir, warum auch immer, nicht als häusliche Einrichtung anerkannt sind. Deshalb ist es uns nicht möglich, den Pflegedienst zu bestellen.” Die Folge: Oft müssen Bewohner des Wohnheims ihre gewohnte Umgebung verlassen, wenn Pflegebedürftigkeit eintritt.

Diese Tatsache stieß sowohl bei den Diskutanten als auch bei den Zuhörern auf Unverständnis. „In der jüngeren Vergangenheit ist eine deutliche Entwicklung zu mehr Teilhabe zu bemerken. Jetzt sind wir an einem Punkt angelangt, diese Dinge zu klären. Wege entstehen beim Gehen. Es wird Gespräche geben müssen”, blickte Axel Wirtz in die Zukunft. Ähnlich äußerte sich Bettina Offergeld: „Wir müssen über neue Modelle nachdenken und die Frage der Häuslichkeit angehen. Schließlich haben Behinderte ein lebenslanges Recht auf Eingliederungshilfe sowie Wunsch- und Wahlrecht”, so die Fachreferentin. „Ziel der freien Wohlfahrtspflege ist es, Menschen in ambulant betreutes Wohnen zu bringen. Aber wir dürfen ihnen damit nicht die Möglichkeit nehmen, auch lebenslang in ihrem Wohnheim zu bleiben”, betonte sie.

Und Nicole Weiden-Luffy ergänzte: „Im Vordergrund muss stehen, ein System zu schaffen, in dem die gewohnten Bezugspersonen möglichst lange vorhanden sind.” Alice Teeuwen von der Fachbereichsleitung Wohnen brachte es auf den Punkt: „Ziel muss sein, behinderten Menschen ein selbstgestaltetes Leben auf Augenhöhe mit nicht behinderten Menschen zu ermöglichen.”
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