„Behindert zu sein, ist normaler geworden”

Von: Sarah Maria Berners
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Hubert Schüller (3.v.l.) stärkt seinen Söhnen Harald (links) und Thomas, die in der Caritas-Werkstatt arbeiten, den Rücken. Seit 1987 ist er im Angehörigenbeirat tätig. Foto: Sarah Maria Berners

Eschweiler. „Es ist traurig, wie wenig sich manche Eltern für ihre Kinder einsetzen. Viele kümmern sich einfach nicht”, sagt Hubert Schüller kopfschüttelnd. „Aber das ist ja schon immer so gewesen.” Der 75-Jährige ist umso engagierter. Er gleicht den fehlenden Einsatz anderer aus, in dem er viele Funktionen auf einmal übernimmt.

Das war auch schon immer so. Als seine Schützlinge im Kindergarten waren, als sie auf die Schule gingen und auch heute noch, wo sie in der Caritas-Werkstatt arbeiten.

Hubert Schüller und seine Frau Inge haben fünf Kinder. Zwei von ihnen - Harald (48) und Thomas (36) - sind geistig behindert. Die Schüllers haben immer versucht, ihre Söhne bestmöglich zu unterstützen. Und dazu zählt für den engagierten Senior nicht nur die Betreuung in den eigenen vier Wänden. Auch im Angehörigenbeirat der Caritas-Werkstätten macht Hubert Schüller sich stark für seine „Burschen” - und natürlich für alle anderen behinderten Menschen. Wenn Schüller durch die Flure und Werkstatträume geht, hallen ihm aus allen Richtungen fröhliche Rufe entgegen. Seit 1987 ist Schüller im Beirat, sieht 1994 steht er ihm vor. Ihn kennt hier wirklich jeder.

Blick für Belange Behinderter

„Meine behinderten Söhne können ihre Position nicht selber vertreten. Also müssen wir uns als Eltern einmischen.” Nicht etwa, weil die Pädagogen und Sozialarbeiter in den Werkstätten keine gute Arbeit leisten würden. Sondern, weil Eltern nunmal einen anderen Blick für die Belange ihrer behinderten Kinder haben. Sie kennen den Alltag, das Leben mit behinderten Menschen so gut, wie kein anderer.

Schüller setzt sich auch ein, weil viele Aufgaben nicht von Hauptamtlichen erfüllt werden können. „Wer soll das schon bezahlen?”, fragt Schüller. Also ist er es, der tagelang mit dem Bus unterwegs ist, wenn es dort für die Angestellten der Behindertenwerkstatt Probleme gibt. Also ist er es, der im Winterchaos und bei eisiger Kälte an der Bushaltestelle steht, bis er sicher sein kann, dass alle wohlbehalten Zuhause angekommen sind. Und er ist es, der gemeinsam mit den Hauptamtlichen Informationszettel für andere Eltern vorbereitet, wenn gesetzliche Änderungen vorliegen. Die Familie gibt ihm den Rückhalt.

„Es hat sich viel getan in den vergangenen Jahrzehnten”, erzählt Schüller und meint damit sowohl die Änderungen in den Werkstätten, als auch die in der Gesellschaft. „Früher haben manche Familien ihre behinderten Kinder versteckt, das tut heute zum Glück kaum jemand mehr.” Auch die Reaktionen auf der Straße hätten sich verändert. „Behindert zu sein, ist ein Stück weit normaler geworden”, sagt Hubert Schüller.

Übel nimmt er den Menschen ihre Unsicherheit im Umgang mit Behinderten nicht. Viele wüssten einfach nicht, wie sie reagieren sollen, weil sie noch nie Kontakt zu behinderten Menschen hatten. Allerdings sei es wichtig, offen auf die Menschen zuzugehen, sie anzusprechen, ihnen Dinge zu erklären.

Die Veränderungen in den Gesellschaft und in den Werkstätten bedingen sich gegenseitig. Als die Werkstätten in Eschweiler ins Leben gerufen wurden, hatte die Caritas zunächst nur eine Etage in der Lederfabrik gemietet. So behindertengerecht wie heute, waren die Räume noch nicht ausgebaut. „Die Leute haben sich immer gegenseitig helfen müssen”, erinnert sich der Rentner. Außerdem seien die Aufgaben noch nicht so vielfältig gewesen. „In den Anfängen haben wir hier hauptsächlich für Prym die Nadeln verpackt.”

Heute gibt es verschiedene, teilweise recht komplexe Aufgabengebiete, die Jobs sind besser zugeschnitten auf die Belange der Angestellten. Die Eltern merken, dass ihre Kinder Spaß an der Arbeit haben. Die Werkstätten sind für sie nicht nur ein Job. Dort treffen sie Freunde, dort finden sich Paare. „Das ist auch für uns Eltern sehr wichtig”, sagt der Vater.

Manchmal tut den Eltern aber auch der Blick eines Fachmannes gut, der Blick eines Menschen, der etwas außerhalb steht. „Als zunehmend Maschinen in den Werkstätten eingesetzt wurden, waren wir Eltern skeptisch. Ab und an haben wir unsere Kinder auch unterschätzt”, sagt Schüller.

Fachleute und Eltern im Dialog

Der Dialog zwischen Fachleuten und Eltern habe geholfen, viele Probleme anzupacken und zu meistern. Gemeinsam mit den Hauptamtlichen hat Schüller an einem Konzept für die Lohnzuweisung gearbeitet, und sie haben gemeinsam überlegt, wie die Urlaube am besten geregelt werden. „Zunächst hatten wir über Betriebsferien nachgedacht. Aber das hätte einige Eltern in schwierige Situationen gebracht”, sagt Schüller. Also habe man das wieder verworfen - ein weiteres Beispiel dafür, dass der Blick aus der Perspektive der Eltern hilfreich ist.

Hubert Schüllers Sicht wird auch weiterhin gefragt sein, der 75-Jährige denkt noch lange nicht ans Aufhören. Mehr Unterstützter wünscht er sich dennoch. „Es wäre schön, wenn sich die Eltern, die es können, mehr für die Belange ihrer Kinder engagieren.” Aber am Ende sind es doch immer wieder dieselben. Und Hubert Schüller wird wieder dabei sein.

Am Samstag, 5. Februar, gibt es wieder ein Tischtennisturnier zwischen den Werkstätten. Die fünf besten Spieler jeder Werkstatt werden gegeneinander antreten.

Das Turnier wird in der Werkstatt in Eschweiler ausgetragen. Beginn ist um 9.30 Uhr. Ende gegen 14 Uhr.

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