Eschweiler/Stolberg - Beckers großer Tag und Rosenzweigs letzter Befehl

Beckers großer Tag und Rosenzweigs letzter Befehl

Von: Andreas Gabbert
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Die Brust herausgestreckt, den
Die Brust herausgestreckt, den Kopf leicht angehoben und den Blick starr geradeaus gerichtet: Zum letzten Mal haben gestern Grundwehrdienstleistende auf dem Donnerberg ihr Feierliches Gelöbnis abgegeben. Nach 55 Jahren wird die Bundeswehr zur Freiwilligenarmee. Foto: Andreas Gabbert

Eschweiler/Stolberg. Hauptmann Rosenzweig führt seine Männer im Gleichschritt auf den Exerzierplatz und sieht sich noch mal um. Er kontrolliert, ob die Kopfbedeckungen sitzen und die Stiefel geputzt sind, Rosenzweig achtet auf jedes Detail.

Im Kasernenhofton gibt er Anweisungen, wie die Soldaten sich aufzustellen haben, obwohl sie das vorher sicher Dutzende Male geübt haben. Die Männer stehen stramm, erst dann dürfen sie sich rühren. So halten sie eine Stunde lang aus, zumindest die meisten. Ein Gelöbnis ist keine Party.

Rosenzweigs Männer waren die letzten der insgesamt 30.000 Wehrpflichtigen, die in der Donnerberg-Kaserne ihr Feierliches Gelöbnis geleistet haben. Zur selben Zeit besiegelte der Bundestag Donnerstagnachmittag in Berlin die Aussetzung der Wehrpflicht. Nach 55 Jahren wird die Bundeswehr am 1. Juli zur Freiwilligenarmee.

Lasse Becker, 21, aus Gangelt ist einer von Rosenzweigs Männern. Er mag „das Flair in der Truppe”, hatte er vor dem Gelöbnis gesagt. „Ich brauche immer viele Leute um mich herum, ein Bürojob wäre gar nichts für mich.” Deshalb hat er sich für die Bundeswehr und nicht, wie seine älteren Brüder, für den Zivildienst entschieden.

Als dritter Sohn hätte Becker auf den Wehrdienst auch ganz verzichten können, doch nachdem er sein Geografiestudium in Köln abgebrochen hatte, bot ihm die Bundeswehr die beste Perspektive.

Jetzt denkt er darüber nach, Zeitsoldat zu werden und eine Offizierslaufbahn einzuschlagen. Auch wenn seine Mutter Angst hat, dass er eines Tages nach Afghanistan muss. „Aber noch ist es ja nicht so weit”, sagt Becker.

Frau Becker ist am Donnerstag trotzdem auch in die Donnerberg-Kaserne gekommen, schließlich ist das Gelöbnis ein ganz besonderer Tag, für jeden Soldaten. Außerdem will sie sie sehen, wie ihr Sohn in der Kaserne lebt. Denn die Rekruten hatten am Donnerstag Gelegenheit, ihren Freunden und Verwandten die Kaserne zu zeigen. Hand in Hand laufen sie mit ihren Freundinnen über das Gelände, zeigen ihre Zimmer, ihre Spinde und erklären ihre Aufgaben innerhalb der Kaserne.

Becker steht, wie die anderen 117 Männer auch, ungerührt auf dem Exerzierplatz, während der General eine Rede hält. Die Brust herausgestreckt, den Kopf leicht angehoben und den Blick starr geradeaus gerichtet. Der General, Walter Jakob Ohm, ist der Kommandeur der Donnerberg-Kaserne, man muss taub sein, um ihn zu überhören.

Er brüllt die Formel vor, die die Männer wiederholen: „Ich gelobe, der Bundesrepublik Deutschland treu zu dienen, und das Recht und die Freiheit des deutschen Volkes tapfer zu verteidigen.” Jetzt gehören sie auch dazu.

Auch für Hauptmann Rosenzweig, Dennis heißt er, ist das Gelöbnis immer wieder ein ganz besonderer Moment. Er sagt: „Der Höhepunkt der Grundausbildung.” Rosenzweig hat die Männer ausgebildet und hat gewisse Erwartungen an seine Soldaten. Sie sollen marschieren, wie er es ihnen beigebracht hat.

„Das ist der Tag, an dem wir zeigen wollen, dass wir aus Jungs Männer gemacht haben”, sagt er. Rosenzweig spricht von Eigenständigkeit und Selbstbewusstsein, er findet, dies lasse sich auch der Haltung der jungen Männer entnehmen.

Doch die Zermonie ist auch mit einer Menge Wehmut verbunden. Für Rosenzweig ist es nicht nur das letzte Gelöbnis, es ist auch sein Abschied als Kompaniechef.

Ende März wird er aus der Bundeswehr ausscheiden und als Kriminalpolizist in Berlin arbeiten. Es fällt ihm nicht leicht, sich von der Bundeswehr zu verabschieden. „In dieser Zeit bin ich zu dem Mensch geworden, der ich bin”, sagt Rosenzweig und schaut zu Boden.

Während der Zeremonie zeigt Rosenzweig keine Regung, das hat er gelernt. Aber er fühlt sich daran erinnert, wie nervös er damals war, als er seinen Eid ablegte. Schon mit 14 stand für Rosenzweig fest, dass er Soldat wird. Disziplin und Herausforderungen, das sind Dinge, die schon damals eine Bedeutung für ihn hatten, und als Polizist weiterhin haben werden.

Seit Rosenzweig seine Karriere bei der Bundeswehr begann, hat sich vieles verändert: Die Wehrdienstzeit ist immer kürzer geworden. Die letzten Wehrpflichtigen werden hauptsächlich für Stabsarbeit eingesetzt, das heißt, sie werden eher Büroarbeiten erledigen. Für andere Dinge ist die Wehrdienstzeit von sechs Monaten einfach zu kurz.

Auch die Fitness der Rekruten habe im Laufe der Jahre abgenommen, sagt Rosenzweig. Früher habe es ein breites Mittelfeld gegeben, heute gebe es auf der einen Seite die Sportbegeisterten und auf der anderen Seite die Behäbigen, Computerspieler, Stubenhocker, unsportliche Typen.

Rosenzweig ist sicher, dass sich das Bild der Bundeswehr nach der Abschaffung des Wehrdienstes stark verändern wird. Die sechsmonatige Grundausbildung sei die beste Werbung für die Bundeswehr gewesen. Viele der Berufssoldaten hätten sich zu diesem Schritt erst während des Wehrdienstes entschlossen, nachdem sie die Armee kennengelernt und Vorurteile abgebaut hätten. So sei es möglich gewesen, Soldaten aus allen gesellschaftlichen Schichten zu gewinnen. Der Staatsbürger in Uniform.

In Zukunft werde das Niveau aber sinken, insbesondere im Bereich der einfachen Soldaten, glaubt Rosenzweig. Dann sei mit Zuständen wie in der britischen oder amerikanischen Armee zu rechnen. „Bei der US-Armee sehen die Vorschriften ja jetzt schon eher wie Comics aus, weil die Leute so gering qualifiziert sind.”

Am Ende spielt das Bundesmusik-Korps aus Koblenz, das extra zur Donnerberg-Kaserne gekommen ist, es ist ja das letzte Gelöbnis. Alte Märsche, neue Märsche, Märsche jedenfalls, manche Dinge gibt es bei der Bundeswehr, die ändern sich nie. Lasse Becker schaut ungerührt ins Nirgendwo, ob es für ihn ein besonderer Moment ist, sieht man ihm nicht an. Rosenzweig führt seine Männer vom Platz. „Vorne Halt, rühren”, bellt Rosenzweig.

Dann gibt er seinen letzten Befehl: „Wegtreten zu den Familien.”

Die Ausbildung auf dem Donnerberg hat Zukunft

Die Donnerberg-Kaserne gehört zur „Technischen Schule Landsysteme und Fachschule des Heeres für Technik”. Jedes Quartal traten bis zu 200 junge Männer ihren Wehrdienst in der Rekrutenkompanie 6 an. Der Kommandeur, Brigadegeneral Walter Jakob Ohm, rechnet damit, dass auf dem Donnerberg weiterhin Rekruten ausgebildet werden, nur keine Wehrpflichtigen mehr.

Ressourcen werden geprüft und anschließend wird entschieden, wo die Zeitsoldaten in Zukunft ausgebildet werden. Dieser Prozess wird sich voraussichtlich bis zum Ende des Jahres hinziehen. Mit gravierenden Einschnitten rechnet der Kommandeur nicht. Die Anzahl der Mannschaftssoldaten werde sich nur geringfügig ändern.

Er sieht die Zukunft des Standortes gesichert, die Technische Schule biete eine hohe Qualität. Zurzeit arbeiten in der Kaserne 115 Ingenieure, sowie 400 KFZ- und Elektroniker-Meister.
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