Barrierefreiheit ist nicht immer barrierefrei

Von: Naima Wolfsperger
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Gefahrenpotenzial: Die Bushaltestelle liegt in einer Kurve, deshalb halten die Fahrer oft mit größerem Abstand an der Haltestelle. Für Manuel Wirtz bedeutet das manchmal mehr als einen kaputten Rollstuhl. Er hat sich auch schon oft verletzt. Foto: Naima Wolfsperger
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Manuel Wirtz (Mitte) und seine Eltern Karl-Heinz und Ulrike glauben nicht mehr an den Ausbau des Hauptbahnhofs.

Eschweiler. Der Abstand zwischen Bus und Gehsteig ist an der Haltestelle Luisenstraße Richtung Am Ginsterbusch so groß, dass Ältere und Schwächere es oft schwer haben aus- und einzusteigen. Manuel Wirtz seien die Vorderräder seines Rollstuhls dabei schon mal in diesen Zwischenraum gerutscht, sagt er, er sei dann kopfüber auf den Gehsteig gefallen.

Der 27-Jährige arbeitet bei der Caritas Werkstatt. In die Arbeit bringt ihn ein Zubringerbus. Ansonsten ist er aber auf den öffentlichen Nahverkehr angewiesen, ist deswegen aber auch schon mal im Krankenhaus gelandet.

Die Aseag habe in den letzten Jahren eine Menge Maßnahmen in Richtung Barrierefreiheit ergriffen und habe einen guten Standard, sagt Bernhard Breuer, Centerleiter Betrieb bei der Aseag. Allgemein finde Breuer die Aseag habe eine respektablen Standard bezüglich Barrierefreiheit. Bei einer Führung durch das Aseag Mutterhaus hat Breuer den Behindertenbeirat der Stadt Eschweiler angemahnt, dass hier jetzt Handlungsbedarf bei den Kommunen liege.

Neben der ausklappbaren Rampe sind die Haltewunschknöpfe mit Blindenschrift kenntlich gemacht. Kommende Haltestellen werden durchgesagt, für Menschen die nicht so gut sehen können und die Haltestellenanzeige gibt die kommenden drei Stops an, damit sich, „wer etwas länger braucht“, in Ruhe auf den Ausstieg vorbereiten kann.

Auch Hermann Gödde, Technischer Beigeordneter, findet, dass noch einige Verantwortung bei den Kommunen liege und noch einiges zu tun sei, „trotzdem haben wir auch schon vieles erreicht.“ Als Beispiele nennt er die taktilen Linien, eine Oberfläche mit Noppen, die Blinden als Orientierungshilfe dient, und die abgeflachten Gehsteige an Ampelübergängen und den Ausbau am Markt ohne Kopfsteinpflaster und erhöhte Blumentöpfe, die Rollstuhlfahrern zuvor den Weg versperrten. Probleme gebe es eher in den Außenbezirken der Stadt.

Das Problem der Haltestelle Luisenstraße ist nicht der Bezirk: „Sie liegt in einer Kurve“, sagt Wirtz. Die Folgen sind weder der Aseag noch der Stadt ein Geheimnis: an Haltestellen in Einbuchtungen oder Kurven können die Busse oft nicht richtig an den Randstein heran fahren. „Knapp 60 Bushaltestellen wurden in den vergangenen zehn Jahren ausgebaut. Für 2018 wurde uns vom Nahverkehrsverbund Rheinland die Finanzierung weiterer 28 Bushaltestellen zugesprochen.“

Eine neue Bushaltestelle kostet zwischen 17.000 und 20.000 Euro. Die zugesprochene Finanzierung beläuft sich auf knapp 720.000 Euro. Dass der barrierefreie Ausbau in den Außengebieten in Eschweiler noch zu wünschen übrig lasse, gebe er zu, sagt Gödde. „In der Innenstadt sind wir aber recht gut aufgestellt.“

Die beiden Haltestellen Luisenstraße wirken neu, der Straßenübergang ist mit einer taktilen Linie ausgestattet, der Randstein ist abgesenkt. Sie erfüllen auf den ersten Blick die Kriterien der Barrierefreiheit. „Die Haltestellen wurden vor fünf, sechs Jahren gebaut“, erinnert sich Wirtz – das heißt sie werden in absehbarer Zeit nicht neu angelegt.

Wenn Wirtz den Bus mit Schwung verlässt, verbiegt er seine Räder. „Ich würde ja die Rampe benutzen, mit der würde das gehen“, sagt er. Aber Manuel Wirtz hat keine Lust mehr zu betteln. Vor kurzem hat sich ihm ein Busfahrer verweigert, mit dem Hinweis, dass die Rampe auszuklappen nicht sein Job sei. „Auch die meisten Fahrgäste helfen nur sehr widerwillig – falls überhaupt.“ Die Aseag wurde für den Tausch der elektronischen Rampen gegen die, die von Hand ausgeklappt werden müssen öfter kritisiert.

Breuer bleibt aber bei dem Standpunkt, dass es die richtige Entscheidung war: die elektrischen Klappen seien nicht so belastbar und hätten sich oft verbogen, wenn schwerere Rollstühle darüber fuhren, oder wenn der Bordstein uneben war. Dann ließen sie sich nicht mehr einfahren. Auch habe es technische Probleme damit gegeben. „Deshalb haben wir umgerüstet. Es ist besser eine manuelle Rampe zu haben, als eine elektrische, die gar nicht funktioniert.“ Auch würden dadurch Behinderte mit anderen Fahrgästen in persönlichen Kontakt kommen, wenn sie sie darum bitten die Rampe aufzuklappen.

Für Wirtz macht es keinen Unterschied, ob Aseag oder die Stadt Eschweiler jetzt dafür verantwortlich ist, dass er oft Probleme hat – ob es nun an der Haltestelle liegt, oder daran, dass der Fahrer sich weigert ihm zu helfen. Und Busfahren ist auch nicht das einzige Problem dem er begegnet: Wenn Wirtz zum Optiker will, um seine Brille nachbessern zu lassen, dann fährt er nach Düren.

In Eschweiler versperren ihm drei Stufen den Eintritt in das Geschäft. Mit der Euregiobahn fährt er aber auch nach Düren, wenn er nach Köln will. Bereits am Eschweiler Hauptbahnhof in die Regionalbahn einzusteigen ist dem jungen Mann so gut wie unmöglich. „Nicht nur mir. Ich weiß gar nicht wie ältere Menschen mit Rollator die Stufen schaffen sollen.“ In Düren müsse er dann nicht selten warten. „Dort ist oft der Zug schon weg.“ Und am Talbahnhof sitze er fast schon regelmäßig eine Stunde, denn wenn die Euregiobahn einfährt, dann stehe der Bus der Linie 8 in der Regel schon an der Bahnschranke und öffne auch nicht jenen die Tür, die aus der Bahn steigen und zum Bus rennen.

Von dem Optimismus, mit dem die Aseag und auch die Stadt Eschweiler den Ausbau der Barrierefreiheit sehen, will auch Manuels Vater Karl-Heinz Wirtz nichts wissen. Er habe sich bei der Aseag beschwert, wegen des großen Abstandes den die Busfahrer an der Haltestelle Luisenstraße halten. Aber es sei nichts passiert. „Die sagen: Ja wir werden unser Personal dahingehend schulen. Und das war‘s.“ Karl-Heinz Wirtz und seine Frau Ulrike wollen auch nicht mehr zuhören, wenn es heißt, der Bahnhof werde barrierefrei. „Da warten wir schon so lange drauf. Da glaub ich nicht mehr dran“, sagt der 57-Jährige.

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