Austrittswellen in der Kirche: Gespräch mit Schwester Martina Kohler

Von: Nina Lessenich
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Zunehmende Säkularisierung, abnehmende Bindung: Immer mehr Leute distanzieren sich von der Kirche. Besonders häufig sind es Studien- oder Berufsanfänger. Foto: Nina Lessenich

Eschweiler. Der Missbrauchsskandal 2010 oder der Fall des Limburger Bischofs Tebartz-van-Elst 2013: Immer wieder gibt es in Deutschland Wellen von vermehrten Kirchenaustritten. Jüngst sorgte das geänderte Einzugsverfahren der Kirchensteuer für erneuten Schwund.

Die Entwicklung schlägt sich auch in Eschweiler nieder: Im Zeitraum von Januar bis August gab es in Eschweiler und Stolberg bereits 328 katholische und 84 evangelische Austritte.

Schwester Martina Kohler ist seit Januar Pastoralreferentin der Pfarre St.-Peter-und-Paul. Die Diplom-Theologin weiß, wie schwierig es ist, genaue Gründe für diesen Trend zu benennen. „Wir als Glaubensgemeinde bekommen von den Motiven für Austritte wenig mit: Das läuft über das Amtsgericht. Man stellt dort einen Antrag, zahlt 30 Euro Gebühren und das war es dann. Wir bekommen dann vom Amtsgericht zwar eine Meldung, erfahren aber keine Gründe“, erklärt sie.

Ein durchaus häufiges Argument für die Abkehr sei jedoch das Vermeiden der Kirchensteuer. „Hier muss man allerdings unterscheiden“, sagt Schwester Martina. „Es gibt Fälle, in denen Menschen auf jeden Cent gucken müssen und sich dann entscheiden, an der Kirchensteuer zu sparen. Das hat nichts mit einer grundsätzlichen Entscheidung gegen den Glauben zu tun. Oder eben Menschen, die sich vom eigentlichen Glauben schon lange distanziert haben und im letzten Schritt auch auf die Steuerpflicht verzichten. Solche Entscheidungen respektieren wir — obwohl es natürlich schade ist.“ Dann gebe es aber auch Fälle, in denen Menschen sich über bestimmte Dinge ärgern und der Kirche deshalb den Rücken kehren. „Das Stichwort Limburg reicht da als Beispiel“, meint die Pastoralreferentin. Natürlich seien solche Krisen bedauernswert, auch kirchenintern würde man solche Entwicklungen klar ablehnen.

Dennoch sei eine Kirche auch eine Solidaritätsgemeinschaft: „Ich verstehe schon, wenn man nach solchen Fällen sagt ‚Die Institution Kirche unterstütze ich nicht mehr.‘ Aber als Staatsbürger kann ich ja auch nicht einfach aufhören, Steuern zu zahlen, weil ich einige Politiker für fragwürdig halte.“ Man sei eben eine Gemeinschaft: und die müsse füreinander Sorge tragen.

„Die Diskussion um den grundsätzlichen Sinn der Kirchensteuer steht natürlich trotzdem in der Öffentlichkeit“, weiß Schwester Martina. Besonders ärgerlich fände sie dabei das Argument, die Gelder würden lediglich der geschlossenen Gruppe von Kirchenmitgliedern zugutekommen. „Das stimmt nicht. Die Einnahmen aus der Kirchensteuer nützen der gesamten Gemeinde“, meint sie. Nach einer Aufschlüsselung des Bistums wurden so im Jahr 2010 von insgesamt 181 Millionen Euro eingenommener Steuer beispielsweise 6,5 Millionen in die Jugendarbeit, 20,7 Millionen in die Seelsorge, 10,5 Millionen in die Caritas und 25,3 Millionen in Kindertagesstätten und Schulen investiert.

„Das persönliche Wohl als Beispiel: Wenn jemand zur Caritas kommt, dann fragt da niemand nach der Konfession. Wer Hilfe braucht, dem wird geholfen“, sagt Schwester Martina. Gleiches gelte auch für Jugendzentren. „Wir sind auch in vielen Krisengebieten tätig“, erklärt sie. „Viele meiner Kollegen setzen dort ihr eigenes Leben aufs Spiel, um im Kampf gegen Ebola zu helfen oder Seelsorge zu leisten.“ Vor allem das sei eben Kirche: und nicht nur Limburg.

„Man sollte sich daher genau überlegen, ob man mit einem Austritt wirklich die richtige Entscheidung trifft“, sagt die Schwester, die auch für die Wiedereintritte in der GdG Eschweiler-Mitte zuständig ist. Im vergangenen Jahr gab es davon in ganz Eschweiler 16. Die Gründe für einen Wiedereintritt seien meist persönliche Entwicklungen, so die Schwester: „Oft sind es Personen, die einen neuen Lebensabschnitt beginnen: Menschen, die einen gläubigen Partner gefunden haben, Eltern, die ihre Kinder taufen lassen möchten oder ältere Menschen, die über die Vergänglichkeit und zum Beispiel über eine kirchliche Beerdigung nachdenken.“ Oft seien es auch Angehörige, die Tauf- oder Firmpate werden möchten und feststellen, dass das ohne Kirchenzugehörigkeit nicht geht.

Dennoch ist die Zahl der Wiedereintritte geringer, als die der Austritte: Im Jahr 2013 standen den 16 Austritten in Eschweiler ganze 238 Austritte gegenüber. Ein Trend, der sich fortsetzt, wie Schwester Martina weiß: „Die grundsätzliche Säkularisierung nimmt zu, auch in der Region. Und damit lässt auch die Kirchenbindung immer mehr nach.“ Besonders häufig seien es Studien- oder Berufsanfänger, die den Wohnortswechsel nutzen, um sich von der Kirche abzugrenzen. „In dem Alter kann man unabhängig von den Eltern entscheiden, ob man in der Kirche bleibt oder nicht. Und die, die selbst nie eine große Bindung zum Glauben hatten, gehen dann.“

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