Ausstellung holt Tabuthema ans Licht

Von: ran
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Erinnern an ein dunkles Kapitel Europas: GPB-Geschäftsführerin Annelene Adolphs, Vorsitzender Peter Schöner und die stellvertretende Bürgermeisterin Helen Weidenhaupt (v. l.). Foto: Andreas Röchter

Eschweiler. Es ist eine kaum bekannte und damit fast vergessene Tragödie. In den Jahren 1932/33 fielen in der damaligen Sowjetunion sechs bis sieben Millionen Menschen einer Hungersnot zum Opfer. Manche Quellen sprechen gar von zehn beziehungsweise 14,5 Millionen Toten.

Allerdings können diese furchtbaren Ereignisse, die in erster Linie die Landbevölkerung der Ukraine trafen, keinesfalls alleine als Naturkatastrophe verstanden werden. Denn es war vor allem das kommunistische Regime Stalins, das durch seine brutale und rücksichtslose Politik der Zwangskollektivierung und Widerstandsunterdrückung die Katastrophe herbeiführte.

In einer Ausstellung, die noch bis Freitag, 26. Juni, im Foyer des Rathauses zu sehen ist, erinnert der Europaverein Gesellschaftspolitische Bildungsgemeinschaft (GPB) an die Ereignisse zu Beginn der 30er Jahre des vergangenen Jahrhunderts, die unter dem Begriff „Holodomor” inzwischen tief im Gedächtnis der ukrainischen Bevölkerung verankert sind.

Der „Holodomor” (Der Begriff setzt sich aus den beiden ukrainischen Worten „Holod” - Hunger, Hungern, Hungersnot - und „Morty” - Leid veranlassen, Tötung, Vernichtung - zusammen) ist eine in Deutschland weitgehend unbekannte Seite der ukrainischen Geschichte. „Bis in die 90er Jahre war dieses Thema selbst in der Ukraine und in Russland offiziell tabu”, erklärte Peter Schöner, Vorsitzender der GPB, während der Ausstellungseröffnung am Montag.

Inzwischen sei der „Holodomor” in der Ukraine jedoch zu einem zentralen Aspekt der Erinnerungskultur geworden. Gleiches könne allerdings von Russland nicht behauptet werden. „Dort ist die große Hungersnot zwar kein tabu mehr, aber zu einem breiten Gedächtnis an die Opfer ist es bis heute nicht gekommen”, kritisierte Peter Schöner.

Doch wie konnte es in der Ukraine, der Kornkammer Europas, überhaupt zu einer Hungersnot solchen Ausmaßes kommen? Trotz einer schlechten Getreideernte im Jahr 1931 wurde den ukrainischen Bauern ein unerfüllbar hoher Ablieferungssoll aufgebürdet. Nachdem dieser nicht aufgebracht wurde, erschienen Requirierungskommandos und nahmen den Bauern die Ernte weg. Das vom Regime erwünschte Ergebnis: Viele Landbewohner verhungerten im darauffolgenden Winter.

„Die Stalin-Führung nahm billigend in Kauf, dass ein Teil der Bauern unkam. Die Hungersnot wurde von der bolschewistischen Führung als probates Mittel der Erziehung und Disziplinierung der Landbevölkerung betrachtet”, betonte der GPB-Vorsitzende. Stalin, der der ukrainischen Bevölkerung immer voller Misstrauen begegnet war, sei spätestens im Sommer 1932 zu der Überzeugung gekommen, dass die Ukrainer gezielt Widerstand gegen die Zentralmacht leisteten und dafür ein für allemal bestraft werden müssten.

Ob die damaligen Vorkommnisse als Genozid (Völkermord) bezeichnet werden können, ist in der Forschung umstritten. „Im Westen wird der Holomodor als Verbrechen gegen die Menschlichkeit, allerdings nicht durchgehend als Völkermord qualifiziert”, machte Peter Schöner deutlich. „Eine falsche Debatte oder eine falsche Instrumentalisierung wäre allerdings auch eine schlimme Konsequenz der Tragödie. Es gibt keinen Grund für einen Wettbewerb um den grausamsten Massenmord der Geschichte. Jedes dieser Verbrechen gehört ohne Wertungshierarchie in das Gedächtnis der Menschheit”, so der GPB-Vorsitzende.

Eines müsse aber klar sein: „Die Ukraine gehört zur europäischen Familie. Wenn wir wissen wollen, was sich heute in der Ukraine tut, dann müssen wir uns auch mit dem Holomodor befassen”, so Peter Schöner.
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