Ausländische Schüler? Eine Bereicherung!

Von: Laura Laermann
Letzte Aktualisierung:
13477066.jpg
Mal eine etwas andere Unterrichtsstunde: Viele Fragen und Antworten sorgen für Zündstoff in der Schüler-Bürgermeister-Diskussion. Foto: Laura Laermann

Eschweiler. Konzentriert blicken die Schüler nach vorne. An diesem Tag sieht ihr Unterricht anders aus als gewöhnlich. Der Klassenraum gleicht einem Konferenzsaal, an Stelle des Lehrers steht Bürgermeister Rudi Bertram vor ihnen und zur Abwechslung stellen die Schüler mal die Fragen. Das Ergebnis des Projekts? Gemischte Gefühle, aber ein klares Ziel.

An vier Tagen hat Rudi Bertram verschiedene Kurse der Q1 im Städtischen Gymnasium besucht. Initiiert hat der Bürgermeister die Diskussionsrunde vor allem aus einem Grund: „Ich wollte mich davon überzeugen, dass Jugendliche Stellung beziehen können gegen voreingenommene Behauptungen“, erklärt er. „Für mich ist es hochinteressant, ihre Meinungen und Perspektiven zu erfahren.“

Dabei hat der Bürgermeister das Thema „Fremdenfeindlichkeit und Rechtsradikalität“ bewusst gewählt. Die Ankunft vieler Flüchtlinge hat nicht nur Auswirkungen auf die politische Landschaft, sondern bedeutet auch für Schulen viel Veränderung.

Wie die Schüler darüber denken und welche Erfahrungen sie gemacht haben, will der Bürgermeister in der Diskussion herausfinden. „Feuer frei, habt keine Hemmungen, fragt und sagt, was ihr wollt“, fordert Rudi Bertram die Jugendlichen auf. Und die feuern los: „Nicht überall funktioniert Integration, und es kommt zu gegenseitiger Missgunst zwischen Deutschen und Flüchtlingen. Wie wollen Sie das ändern?“

Bertram erklärt die Situation in Eschweiler: „Bisher gab es hier zwar keine kriminellen Vorfälle, doch die politische Kultur ändert sich und Rechtsradikalität nimmt zu. Über 1000 Flüchtlinge sind letztes Jahr in die Stadt gekommen. Daher haben viele Bürger Angst um ihre Arbeits- und die Schulplätze ihrer Kinder. Wir haben ein Integrationskonzept erstellt, das bei dieser schwierigen Aufgabe hilft.“

So entstand im letzten Jahr auch die erste internationale Klasse im städtischen Gymnasium. Das Konzept ermöglicht den gemeinsamen Unterricht für Kinder jeder Nationalität. Zwar gilt Deutsch als Unterrichtssprache, doch der flexible Wechsel ins Französische oder Englische reduziert die sprachlichen Barrieren.

Doch nicht nur Positives haben Schüler und Lehrer zu berichten. „Zuletzt wurde ich darauf angesprochen, dass die Anmeldezahlen unserer Schule sinken, weil hier zu viele Ausländer und ,Kopftücher‘ sind“, erzählt Studiendirektor René Hahn. „Für diese Begründung habe ich kein Verständnis.

Wie empfindet ihr das?“, fragt Hahn seine Schüler. Ein einheitliches Meinungsbild zeichnet sich in der Klasse ab. „Ich sehe es eher als Bereicherung statt als Beeinträchtigung, dass ausländische Schüler auf unserer Schule sind“, sagt ein Mädchen. Eine andere Schülerin fügt hinzu: „Man muss mit der Zeit gehen und weltoffen sein. Anstatt sich dagegen zu wehren, muss man einen Weg finden, den man gemeinsam geht.“

Auch mit Bezeichnungen wie „Ausländerschule“ wurde das städtische Gymnasium von Außenstehenden konfrontiert. Schulleiter Winfried Grunewald stellt richtig: „Wir sind keine Ausländerschule. Wir sind eine Schule, in der uns die Integration ausländischer Schüler sehr wichtig ist.“ Denn nur sieben Prozent aller Schüler des städtischen Gymnasiums haben einen Migrationshintergrund. Geschichtslehrer Hahn stellt fest: „Unsere Schule ist ein Spiegelbild der Stadt.“ Diese hat nämlich einen Ausländeranteil von acht Prozent.

Die Bischöfliche Liebfrauenschule hat dagegen einen Ausländeranteil von zwei bis drei Prozent. Die Schüler des Städtischen Gymnasiums vermuten dahinter eine Ablehnung muslimischer Schüler. Tatsächlich nimmt die Liebfrauenschule nach Vorgaben des Schulträgers Bistum Aachen nur christlich getaufte Schüler auf, in Einzelfällen kann die Schule sich anders entscheiden.

Mit Ablehnung habe dies allerdings nichts zu tun, erklärt Carsten Gier, Schulleiter der Liebfrauenschule: „Unser Ziel als bischöfliche Schule ist die Erziehung im christlichen Geist. Wir möchten unseren Glauben niemandem mit einer anderen Religion überstülpen.“ Zudem gebe es Überlegungen, eine Flüchtlingsklasse einzurichten, in der auch Kinder anderer Konfessionen aufgenommen werden. Bislang bietet die Liebfrauenschule ihre Hilfe mit verschiedenen Projekten, wie der Sprachförderung oder Nachmittagsbetreuung für geflüchtete Jugendliche, an.

Eine Schüler-Diskussion mit dem Bürgermeister kann sich auch Schulleiter Gier gut vorstellen. „Fremdenfeindlichkeit und Rechtsradikalismus sind nicht mit unseren christlichen Werten vereinbar. Doch das Thema hat für uns einen hohen Stellenwert, denn es betrifft jeden in unserer Gesellschaft.“ Dass das Thema überall für Zündstoff sorgt und ein Knotenpunkt vieler aktueller Geschehnisse ist, zeigt die Schüler-Bürgermeister-Diskussion im städtischen Gymnasium sehr deutlich.

So zieht sich der Themenfaden vom Aufschwung rechter Parteien über demokratische Werte bis hin zur Wahl des neuen US-Präsidenten Donald Trump. Auf jede Frage der Schüler des Städtischen Gymnasiums hat Rudi Bertram eine Antwort. Auch auf die letzte Frage, wie die Jugendlichen die Leute wieder für ihre Schule begeistern können, weiß er Rat: „Geht raus und erzählt von euren positiven Erfahrungen. Ihr seid die besten Werber.“

Nachdem Bertram nun das Gymnasium und bereits die Gesamtschule besucht hat, will er sich als nächstes den Fragen der Schüler in der Realschule und Liebfrauenschule stellen.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert