August Engels spricht über Karneval, Musik und Philosophie

Von: Paul Santosi
Letzte Aktualisierung:
15156907.jpg
Auch einen Mammutbaum findet man im Garten von August Engels. Aus den Baumsamen, die sein Vater einst aus Kalifornien mitbrachte, entwickelte sich ein stattliches Exemplar. Foto: Paul Santosi

Eschweiler. Auf der Suche nach Eschweiler „Originalen“ stießen wir auf August Engels. Der langjährige Filialleiter der Dresdner Bank am Markt engagiert sich in seiner Heimatstadt in Vereinen, in Kirchenvorständen und gilt als Mann, der seine Körpergröße durch sein Stimmungstalent spielerisch und überzeugend kompensieren kann.

Trotz seiner kaufmännischen Karriere traditioneller Prägung liebt August Engels Musik und die Mundart seiner Heimatstadt.

 

Herr Engels, was sind Sie eigentlich für einer?

Engels: Das erkennt man am Besten daran, dass ich überall eingeladen werde, um für Spaß zu sorgen. Andererseits hat man mir früher schon den Titel „Schtöischeliise“ (Anm. Platt für „Schürhaken“) verliehen. Das kennzeichnet meine Freude daran, Andere auch schon mal gerne aufzustacheln. Aber im Grunde bin ich liebenswürdig, auch wenn meine Frau diese Meinung oft nicht teilt (lacht).

Welche Form von Spaß meinen Sie?

Engels: Manchmal vielleicht etwas verletzend. Aber die meisten Witze werden eh auf Kosten Anderer gemacht. Und das kann ich besonders gut in den vielen Vereinen, in denen ich Mitglied bin. Ob im Geschichtsverein oder bei den Roten Funken: Da kann ich mich so geben wie ich bin und mein geliebtes Platt sprechen. Ich bin ein echtes Eschweiler Gewächs und zwar seit Generationen. Ich bin überhaupt nicht böse, wenn man mich als Original bezeichnet.

„Das“ Eschweiler Original – gibt es das überhaupt noch?

Engels: Leider immer weniger, was mit der schwindenden Fähigkeit vieler Zeitgenossen einhergeht, über sich selbst lachen zu können. Das ist genauso wichtig wie Selbstbeherrschung. Manchmal erwische ich mich dabei, in meiner gesamten Art etwas zu impulsiv und direkt bei manchen Meinungsäußerungen zu sein. Aber ich bin wie ich bin.

Viele Bürgerinnen und Bürger kennen Sie ja noch als langjährigen Filial-Leiter der Dresdner Bank auf dem Marktplatz.

Engels: Das war zwischen 1956 und 1997. Noch heute sprechen mich Menschen auf diese Zeit an. Zunächst hieß es ja „Dürener Bank“, in der ich zunächst meine Ausbildung gemacht habe. Später war ich dann Prokurist und schließlich 25 Jahre Leiter der Filiale. Auch an das Erscheinungsbild des südlichen Marktes vor der unrühmlichen Sanierung in den Siebzigern kann ich mich sehr gut erinnern. Das war die schöne Zeit, in der die Leute noch einkaufen und im Laden anschreiben lassen konnten.

Einige behaupten: hätte man damals vorausschauend gehandelt, hätte man die Indepartie nicht abgerissen und besäße heute ein historisches Schmuckstück in unserer Stadt.

Engels: Stimmt. Das hätte man nicht tun dürfen. Das war die echte Altstadt von Eschweiler. Eine Schande aus heutiger Sicht. Ich hab sogar früher selbst in der Nähe gewohnt und bin dort großgeworden. (Lacht und verweist auf seine Körpergröße). Aber manche behaupten, ich sei ja überhaupt nie großgeworden. Schauen Sie mich doch an.

Sie sagen über sich selbst, andere Menschen gerne zu unterhalten. Haben Sie eine unterhaltsame und musikalische Ader?

Engels: Ja natürlich. Ich singe für mein Leben gern. Am liebsten Opern-Arien und Operetten-Melodien, von denen ich viele kenne. Ich glaube, ich könnte in jeder Quizsendung zu diesem Thema bestehen. Für klassischen Unterricht hat es leider nicht gelangt, aber ich singe sowieso am liebsten unmittelbar vor Menschen und dann hören auch alle gebannt zu. Die Stimmstärke lässt zwar im Lauf der Zeit etwas nach, aber das hält mich nicht vom Singen ab. Als Autodidakt hab ich mir das selbst beigebracht. In einer Zeit, in der das Radio noch eine größere Rolle spielte, habe ich mit System zugehört und mir nahezu alles aus der Operetten-Welt erarbeitet. Wenn ich heute auf einer Feier erscheine, dann erwartet man schon von mir, das ich ein Lied anstimme.

Bei einer der vergangenen Veranstaltungen des Geschichtsvereines haben Sie unter anderem das herrliche Lied mit dem Titel „Weeste wat? Kall doch Platt!“ vorgetragen.

Engels: Das macht auf eine besondere Weise Freude, denn ich liebe es, Lieder mit hintergründigem Text schwungvoll zu interpretieren. Dann lachen die Leute und haben Spaß. Das Künstlerische liegt gottseidank auch in der Familie. Meine Tochter spielt Klavier und mein Enkel Trompete und Bassgitarre. Die musische Ader entstammt zudem auch dem Unterricht in der Tanzschule von Breuers Fried, seinerzeit in der Moltkestraße. Fried spielte Violine und meine Frau und ich „schröömten“ dann, wie man das Tanzen bei uns nannte.

Sprechen wir über das in unserer Heimatstadt Unausweichliche. Sie sind Rote-Funken-Mitglied seit ...?

Engels: Seit 20 Jahren. In der aktiven Berufszeit fehlte mir oft die Muße für noch mehr Engagement diesbezüglich. Den ersten Kontakt stellte der legendäre Hajo Schroiff seinerzeit her. Es gab eine Gesangsgruppe namens „Die Luuse van Kallmanshuuse“ (Anm.: übersetzt etwa „Die Schlauen aus Eschweiler“), deren Vorsänger ich werden durfte. Ein Höhepunkt auf jeder Sitzung und da hab ich immer mit viel Schwung und Bewegung den Haupt-Jeck gemacht (lacht). Aus heutiger Sicht würde ich gerne auch noch mal die eine oder andere Büttenrede halten, aber die muss man ja erstmal vorher gekonnt zu Papier bringen.

Eschweiler Karneval heute – wen finden Sie gut?

Engels: Labbes & Drickes zum Beispiel mag ich sehr. Auch Gesellschaften wie die Scharwache hatten früher Super-Redner. Leider in der Form heute auch nicht mehr zu finden. Bei den Funken hab ich mich eingelebt und trage übrigens stolz den Titel „Kleinster uniformierter Funke“, der sanft auf meine Konfektionsgröße hinweist. Zusammenleben und Gemeinschaftssinn in der Karnevalsgesellschaft bereiten mir eine Menge Freude. Aber dennoch: gute Redner werden heutzutage hauptsächlich „von außen“ geholt.

Vermissen Sie sonst noch etwas in unserer Stadtkultur?

Engels: Tja, leider ist das Vereinsleben insgesamt stark rückläufig. Die moderne Jugend ist in ihrem Freizeitverhalten ganz anders aufgestellt. Das sieht man sehr deutlich an der Musik. Ich halte mich zwar für tolerant, aber bei manchen Dingen fällt mir nur noch auf Platt ein: „Dat is ja jar keen Musik!“ Hören Sie heutzutage mal ins Radio. Das ist doch alles das Gleiche, seelenlos und ohne Melodie. Interessant ist aber, wenn man in der Öffentlichkeit doch noch mal zu einer Operettenmelodie greift, dann mögen das alle, Alt wie Jung.

Was hat es mit dem berühmten „musikalischen Pullover“ auf sich?

Engels: Ein Kleidungsstück als Talisman, den ich immer anziehe, wenn ich auftrete. Ein reiner Spaß, wenn ich im Vorfeld einer Veranstaltung sage: „Hört ens Lück, isch hann ene musikalische Pullover an. Dat muss doch joot weäde, hück.“ Ich stelle mich nicht stocksteif vor die Leute und singe, sondern suche mit Humor und auf Platt den Kontakt mit dem Publikum. Es gibt Menschen, mit denen rede ich Mundart und andere, die bekommen dann mein Hochdeutsch zu hören. „Hochdeutsch mit Knubbele“ sozusagen. Die Wandlungen auf diesem Gebiet sind hochinteressant. In den Siebzigern war es geradezu verpönt und galt als extrem unfein, Platt zu sprechen. Heute lehrt man das sogar wieder an den Schulen. Aber als Lernfach? Da bin ich skeptisch. Das muss im Gefühl und am besten schon in der Familie drin sein.

Schauen wir doch mal über den Tellerrand hinaus. Was haben Sie von der Welt schon gesehen?

Engels: Die vielen Reisen, die ich im Laufe der Jahrzehnte unternommen habe, kann ich kaum vollständig aufzählen. Neben den regelmäßigen Urlauben in der Toscana durfte ich auch schon die Freiheits-Statue in New York sehen, war in Kambodscha, China, in Tibet, in Ägypten und den Arabischen Emiraten. Sehr gut gefallen haben mir übrigens Land und Leute in Vietnam.

Frönen Sie ansonsten irgendwelchen Lastern?

Engels: Ja, Zigarre rauchen. Und das bestimmt schon seit 30 Jahren. Die ersten hab ich seinerzeit noch auf dem Postweg aus Bremen bezogen. Die Leidenschaft für eine gute Zigarre begleitet mich bis heute. Aber gesundes Rauchen (lacht). Ich paffe ja nur.

Welche Seite von August Engels ist weniger bekannt?

Engels: Ich befasse mich sehr gerne mit der Philosophie. Ich lese viel und bin geradezu vernarrt in philosophische Themen. Vielleicht ist das auch ein Grund dafür, dass ich noch viele Gedichte auswendig beherrsche. Da könnte ich Ihnen aus dem Lameng einige aufsagen, von Schillers „Bürgschaft“ bis zum „Handschuh“. Alles kein Problem. Wartezeit oder Langeweile kenne ich kaum. Da rezitiere ich lieber innerlich ein Gedicht und bei richtiger Gelegenheit spiele ich das ganze auch mit der notwendigen Dramatik.

Haben Sie denn bei diesen Voraussetzungen nie über eine Karriere als Schauspieler nachgedacht?

Engels: Doch, ich wäre gerne Schauspieler geworden. Aber das wurde nie etwas, weil ich erstens von der Körpergröße her nicht besonders geeignet bin. Zweitens wurde Schauspielerei seinerzeit nicht gerade als seriöse Beschäftigung angesehen.

Gibt es noch Wünsche, die Sie sich in Ihrem Leben bisher nicht erfüllen konnten?

Engels: (Lächelt) Ich würde gerne nochmal ganz groß auftreten. Vielleicht eine Büttenrede. Richtig der Jeck maache. Und das mach ich auch. Da werden Sie noch von hören.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert