Auf der Pirsch mit Jagdaufseher Bernd Roggenkamp

Von: Valerie Barsig
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Sie verstecken sich irgendwo da hinten: Hinter den Bäumen ist das „Wohnzimmer der Wildschweine“. Seit Kyrill muss sich das Gebüsch am Ende der Wiese regenerieren. Deshalb sind dort auch die Wildschweine eingezogen, die die Wiese auf der Suche nach Nahrung ordentlich durchgewühlt haben, wie man an den braunen Flächen sieht. Foto: Valerie Barsig
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Ganz ohne Hut ging es dann doch nicht: Bernd Roggenkamp mit seinen treuen Begleitern Brandy (links) und Alf. Foto: Valerie Barsig

Eschweiler. Bambi? Man kann sich die Frage nicht verkneifen. Bernd Roggenkamp zieht die Augenbrauen hoch. „Ja. Hab ich gesehen.“ Mehr sagt er dazu nicht. Roggenkamp ist Jagdaufseher. An diesem Morgen um fünf Uhr früh ist es noch dunkel.

Mit einer kleinen roten Lampe bewaffnet geht es in den Wald über Stacheldrahtzäune und rutschige Wege Richtung Hochsitz. Es ist kalt, die Luft ist noch feucht. Man kann die Hand kaum vor Augen sehen. Roggenkamp selbst bräuchte die Lampe wohl kaum. Das Revier kennt er wie seine Westentasche. Heute geht es zu einem Hochsitz an einer Wiese hinter einer Tankstelle in Stolberg-Vicht. Roggenkamp weiß, dass dort ein Rehbock in den letzten Tagen öfter äsen war. „Rehe sind Gewohnheitstiere“, sagt er. Roggenkamp trägt feste Schuhe und eine Lederhose. Auf die Frage nach dem typischen Jägerhut muss er lachen. „Den habe ich im Auto gelassen.“

Über seiner Schulter hat er ein Gewehr. Das hat er allerdings nicht wegen des Rehbocks dabei, sondern wegen Wildschweinen. „Wenn wir heute eins sehen, dass Schäden anrichtet und gejagt werden darf, versuche ich es zu erlegen.“ Wildschweine machen dem Bauern, dem die Wiese gehört Kopfzerbrechen: Nur fünf oder sechs von ihnen können auf der Suche nach Würmern und anderen eiweißhaltigen Tieren eine ganze Wiese umgraben. Die Schäden wieder zu beseitigen, kostet Hunderte von Euro und zwar den Jagdrevierpächter, nicht den Landwirt. Denn der Pächter ist dafür verantwortlich, dass solche Schäden gar nicht erst entstehen.

Das Reh ist in Sicht

Stolpernd geht es weiter durch den Wald. Über Wurzeln und Tannenzapfen, dann taucht der Hochsitz im Dunkeln auf. Über eine Holzleiter kraxelt man nach oben. Roggenkamp klappt den Sitz aus, stellt das Gewehr in eine Ecke und holt ein Nachtfernglas heraus. Er flüstert. „Da drüben!“ Durch das Fernglas weicht das Nachtdunkel verschiedenen Grautönen. Auf der Wiese erkennt man jetzt die Umrisse eines Rehs. Es frisst zwar weiter, blickt aber immer wieder Richtung Hochsitz.

„Der Wind kommt hier von Westen“, erklärt Roggenkamp. „Er trägt dem Bock unseren Geruch zu.“ Das Vogelzwitschern wird langsam lauter, das Licht heller. Ein Wildschwein lässt sich nicht mehr blicken, dafür etwas, das vermutlich ein Fuchs ist und eine dicke rote Katze, die durch ein paar Vorgärten an der Wiese tigert. Nach anderthalb Stunden sind die Glieder steif und der Tee alle.

Manfred Groß, Leiter des Hegerings Eschweiler sagt, Jäger hätten einen schlechten Ruf. „Leute bringen uns nun mal mit dem Töten in Verbindung.“ Wohl auch deshalb schickt Groß Roggenkamp mit auf die Pirsch. Er ist gern bereit zu erzählen, was ein Jäger im Wald so alles macht. Hauptberuflich berät er eine Sicherheitsfirma. Das Revier, dass er mit sieben Stammjägern teilt, ist rund 400 Hektar groß.

Roggenkamp hat inzwischen Alf und Brandy mit auf die Wiese geholt. Die beiden Hunde sind aufgeregt, denn sie riechen die Hufe des Rehbocks, der hier eben noch im nassen Gras gestanden hat. Kreuz und quer schnuppern sie über die Wiese nach dem Tier und Roggenkamp muss die Leine ziemlich gut festhalten. Sie finden sogar die Stelle am Zaun, an der der Stacheldraht etwas nach unten gedrückt ist. „Hier ist er über den Zaun gesprungen“, sagt Roggenkamp. Flüstern ist jetzt nicht mehr nötig. Inzwischen ist es hell.

Der Bock von vorhin sei etwa ein Jahr alt und dafür relativ schwach und dünn. Im Mai ist Jagdzeit – der Bock wird Roggenkamp vielleicht bald noch mal vor die Flinte laufen... „Für viele ist der Mai eine heiß ersehnte Zeit“, sagt er. Ihm ist allerdings wichtig, dass es nicht um das bloße Schießen geht. Grundsatz der Jagd sei, einen artenreichen, gesunden und vielfältigen Wildbestand zu sichern. Es gehe um die Hege der Tiere.

Das sagt auch Manfred Groß. Eine Rehpopulation verdopple sich pro Jahr, Schwarzwild verdreifache sich. „Je mehr Tiere da sind, um so krankheitsanfälliger sind sie auch“, sagt Groß. Und das habe auch Folgen für Viehzüchter, da sich Krankheiten übertragen können.

Zu viele Tiere auf zu wenig Raum

Hinzu komme, dass für so viele Rehe im Revier kaum Platz sei und sie entsprechend nicht genügend Nahrung fänden. „Rehen fehlt in unseren Breiten der natürliche Feind“, erklärt Groß. Und genau diesen ersetze der Jäger. Ein weiteres Problem sei die Zerstörung von Bäumen. „Es entstehen Schälschäden, wenn junge Böcke ihr Gehörn an jungen, biegsamen Hölzern reiben.“ Ein einmal so geschädigter Baum könne nicht weiter wachsen und gehe ein, erklärt Groß.

Reiner Leusch, Ansprechpartner des Naturschutzbundes (Nabu) in Eschweiler und Mitglied im Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) ist nicht grundsätzlich gegen die Jagd. „Es gibt eine Diskrepanz zwischen dem Wohl des Waldes und dem Wild“, sagt er. Trotzdem äußert er sich vorsichtig, denn der Nabu kritisiert bundesweit die Trophäenjagd. „Es gibt Jäger, denen es nicht um Wildregulierung geht, sondern um die Größe des Geweihs“, sagt Leusch.

Für Reviere wird viel Geld gezahlt

Es gäbe Jäger, die für bestimmte Reviere viel Geld auf den Tisch legen würden, um sie bejagen zu können. Jagd sei für sie Spaß. Seit Ende Dezember 2013 gilt im deutschen Jagdgesetz der Paragraf 6a. Der besagt, dass Grundstückseigner mit weniger als 75 Hektar Land aus ethischen Gründen die Jagd auf ihrem Grundstück verbieten können – sofern der Antrag von den Behörden bewilligt wird. Bisher war man mit einem solchen Grundstück automatisch Mitglied einer Jagdgenossenschaft. Nach der Klage eines Anwalts aus Baden-Württemberg vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte gilt das nicht mehr. In NRW sind bisher 150 Anträge bei den Behörden eingegangen.

Manfred Groß hat Verständnis: „Natürlich kann man aus ethischen Gründen gegen die Jagd sein“, sagt er. Allerdings könne er das nur dann nachvollziehen, wenn der Grundstücksbesitzer auch Vegetarier oder Veganer sei. Bernd Roggenkamp sieht das ähnlich. „Der Weg einer Kuh von der Weide bis zur Schlachtung ist sicherlich unangenehmer, als ein Reh, das tödlich getroffen nicht einmal mehr den Knall hört.“

Schon seit zwei Jahren arbeitet das NRW-Umweltministerium an einer Novelle des Jagdgesetzes. Roggenkamp weiß um die Schwierigkeit des Themas. Viele Jäger befürchteten, dass ihre Interessen bei der Landesregierung nicht genügend eingebracht würden, sondern eher die der Umweltverbände, erklärt er. Das aktuelle Jagdgesetz läuft bald aus. In der Diskussion steht, die Jagdzeiten zu verkürzen. Umweltverbände kritisieren außerdem die Verwendung von bleihaltiger Munition, die Jagd mit Greifvögeln, das Anfüttern von Wild, damit es leichter geschossen werden kann und die Jagd auf wildernde Katzen.

Roggenkamp fährt mit seinem Auto über die Jägerhausstraße in Vicht, im Kofferraum Brandy und Alf, die aufmerksam aus dem Fenster schauen. Er spricht über den Mähtod von Rehkitzen, wenn Bauern nicht aufpassen, über Wildunfälle und darüber, dass Rehe echtes Biofleisch sind. Neun äsende, flüchtende oder zumindest aufmerksam das Auto beobachtende Rehe später stellt er fest: „Ein prima Anblick.“

Er steigt aus, es geht über einen schmalen Pfad einen Hang hin­unter über ein kleines Bächlein, dass an einer Wiese entlang plätschert. Roggenkamp blickt durch sein Fernglas. Am Rand der Wiese hat der Orkan Kyrill viel Schaden angerichtet. Damit sich die Natur erholt, darf dort niemand in die Natur eingreifen. „Da haben sich die Wildschweine eingenistet. Das ist sozusagen ihr Wohnzimmer“, erklärt er. Gut zu sehen ist das auch an den Schäden auf der Wiese, die die Tiere ordentlich umgegraben haben.

Neben den Schweinen macht Roggenkamp noch ein ganz anderes Thema Sorgen: In Stolberg und auch in Eschweiler lassen viele Hundebesitzer die Tiere ohne Leine laufen. Würden die Hunde hinter einem Reh oder Hasen herlaufen, könnte sich das Wild verletzen oder vor ein Auto laufen. Im Mai sind Ricken außerdem tragend. Verletze sich die Mutter, sei auch das Kitz in Gefahr. Bei seinen täglichen Touren spräche er viele Hundebesitzer auf die Problematik an. Die meisten seien aufgeschlossen, versprächen, die Hunde an der Leine zu führen. Der Ausflug mit Roggenkamp endet in einer – wie er sie nennt – Relaxzone für Wild.

Einer Wiese, auf der wächst, was Rehe gern fressen: nämlich viel Klee. Eine Salzlecke steht dort und Bäume, die mit Schwarzteer angestrichen sind, weil sich Wildschweine dort gern an ihnen kratzen. Solche Wiesen gibt es, damit die Jäger den Überblick über die Wildanzahl im Revier behalten und es von Wald und Wiesen ablenken, damit weniger Schäden entstehen. Auf solchen Wiesen ist strikte Ruhe für das Wild angesagt, auch wenn diesen Monat Rehwild wieder gejagt werden darf.

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