Eschweiler - Auch die Stadt Eschweiler hat ein Armutsproblem

Auch die Stadt Eschweiler hat ein Armutsproblem

Von: ran
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Dr. Wolfgang Joussen vom Büro B-Plan unterstrich den ausdrücklichen Wunsch aller am Projekt beteiligten Personen, sowohl die Eschweiler Bürger als auch die Kommunalpolitik in Sachen Sozialberichterstattung und Sozialplanung maßgeblich einzubeziehen. Foto: Andreas Röchter

Eschweiler. „Die Städteregion Aachen hat ein Armutsproblem!“ Bürgermeister Rudi Bertram kam zu Beginn der Auftaktveranstaltung der Initiative „Gemeinsam Zukunft gestalten – Teilhabe sichern“ im Ratssaal der Indestadt gleich auf den Punkt. Eschweiler bilde in dieser Hinsicht leider keine Ausnahme. Im Gegenteil!

Zahlen belegten diese traurige Feststellung. Doch Zahlen und Statistiken sollen nun auch Ansatzpunkte liefern, der Armut einer größer werdenden Gruppe von Menschen im insgesamt unfassbar reichen Deutschland entgegenwirken zu können: Bis zum Jahresende soll der erste Sozialbericht zur Lage der Bürger Eschweilers vorliegen. Und zwar äußerst kleinteilig.

Aus diesem Grund haben die Verantwortlichen um Johannes Burggraef, Geschäftsführer und Gründer der Projektplan – Wirtschafts- und Regionalberatung aus Aachen, sowie Dr. Wolfgang Joussen vom Büro B-Plan die rund 58.000 Einwohner zählende Indestadt in 15 Sozialräume eingeteilt, die im Verlauf des Projekts, das Teil des Landesprogramms „NRW hält zusammen – für ein Leben ohne Armut und Ausgrenzung“ ist, unabhängig voneinander unter die Lupe genommen werden sollen.

„Wir möchten mit dieser Studie die Basis legen, um präventiv arbeiten zu können. Deshalb ist es wichtig, die Sozialstruktur Eschweilers detailliert kennenzulernen“, erklärte Rudi Bertram. Sowohl der genaue Ist-Zustand als auch Prognosen zur zukünftigen Entwicklung sollen aus dem Sozialbericht und dessen jährlicher Fortschreibung abzulesen sein. „Eines der Ziele lautet dann, auf Grund der gewonnenen Erkenntnisse einen Handlungsrahmen zu finden, ein Netzwerk aufzubauen, das Menschen, die von Armut bedroht sind, auffängt“, erläuterte der Bürgermeister.

Von Seiten der Stadt ist der Beigeordnete Stefan Kaever federführend am Projekt beteiligt. Zur Steuerungsgruppe gehören unter anderem Jugendamtsleiter Jürgen Termath, dessen Mitarbeiter Melanie Cremers und Olaf Tümmeler, der Sozialamtsleiter und Integrationsbeauftragte Jürgen Rombach sowie Eberhard Büttgen von der Abteilung für Planung und Entwicklung.

„Ein derart großes Projekt ist keine Aufgabe für ein einziges Amt oder einen bestimmten Ausschuss. Vernetzung und Verzahnung, um sich gegenseitig auszutauschen, sind unerlässlich. Eine Menge Arbeit liegt vor uns, und dies über Jahre“, schloss Rudi Bertram, bevor er das Wort an Holger Spieckermann von der FH Köln weitergab.

Der Sozialwissenschaftler unterstrich, dass die Reaktion auf die Zunahme der sozialen Spaltung innerhalb der Bevölkerung ein ressortübergreifendes Konzept gegen Armut und Ausgrenzung sein müsse. Die detaillierte Analyse eines Sozialraumes sei ein schwieriges Unterfangen, dies kleinräumig zu tun, setze Bürgernähe voraus.

Das Stichwort für Johannes Burggraef, der den für Eschweiler vorgesehenen Projektverlauf den Zuhörern im Ratssaal vorstellte: „Wir haben im Juni mit unserem Datenaufbau begonnen. Dabei können wir auch auf bereits vorhandene Zahlen und Statistiken der Stadt Eschweiler, der Städteregion Aachen, des Landes NRW und der Bundesagentur für Arbeit zurückgreifen“, so der Politologe.

Bei der anschießenden Strukturanalyse sollen nicht zuletzt Einzelhandels- und Wohnraumkonzepte, der Schulentwicklungsplan, aber auch die soziale Infrastruktur eines Sozialraumes gewichtige Rollen spielen. „Darüber hinaus analysieren wir Bevölkerungsdaten und demografische Entwicklungen, die Wohnumfelder, die Situation in Sachen Bildung und Qualifizierung sowie die Bereiche Arbeit, Einkommen und materielle Lebenssituation“, ließ Johannes Burggraef wissen, um kurz darauf das Thema Bürgerbeteiligung anzusprechen. „Der Projektverlauf in Eschweiler soll interaktiv sein. Die Bürger werden zu Wort kommen“, so das Versprechen.

Ob dies im Rahmen von Bürgerforen, Bürgerversammlungen und/oder Ortsbegehungen stattfinde, sei noch nicht abschließend geklärt. Darüber hinaus ist für den Herbst eine Bürgerbefragung per Fragebogen in Planung. „Ende des Jahres möchten wir dann den durch Kartierung und Grafiken ergänzten Sozialbericht mit Beschreibung der einzelnen Sozialräume plus einer Prognose und Fortschreibung während einer Sitzung des Stadtrats vorstellen“, blickte Johannes Burggraef nach vorne.

Auf die aus dem Zuhörerraum geäußerten Bedenken hinsichtlich der Transparenz der Daten reagierte der „Projektplan“-Geschäftsführer eindeutig: „Wir werden Transparenz herstellen, soweit dies vertretbar ist. Wir arbeiten schließlich mit zum Teil sehr diffizilen Daten!“

Dr. Wolfgang Joussen ergänzte, dass es selbstverständlich nicht Zweck des Projekts sei, bestimmte Sozialräume und deren Bewohner zu stigmatisieren. „Dagegen ist es ausdrücklicher Wunsch aller Projektverantwortlichen, die Bürger und die Politik einzubeziehen. Und zwar während der Erstellung des Sozialberichts, nicht erst danach“, unterstrich der Eschweiler Soziologe, der den Wunsch äußerte, dass Verwaltung und Politik die Gelegenheit nutzen, mit den bald vorliegenden Zahlen und Daten konkret zu arbeiten.

Anita Permantier, Leiterin des Familienzentrums St. Marien und Mitglied des Jugendhilfeausschusses, bot auch im Namen der weiteren indestädtischen Familienzentren Unterstützung an. „Wir befragen in unseren Sozialräumen zahlreiche Menschen und können daraus Angebote folgen lassen. Die Familienzentren verfügen über ein Netzwerk und bieten ihre Mitarbeit an. Synergien zu nutzen ist sicherlich sinnvoll“, erklärte sie.

Stefan Kaever betonte abschließend, dass das Ergebnis des Projekts keinesfalls ein „Datenfriedhof“ sein solle. „Unser Anspruch ist, Daten, die einzeln bereits vorhanden sind, zusammenzuführen, um daraus Konzepte für kleine Sozialräume entwickeln zu können. Das Fernziel lautet, die Sozialplanung institutionell mit der Einstellung eines Sozialplaners aufzubauen!“

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