Auch der zehnte Teil der Trilogie ist einfach stark

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Gestenreich und gut gelaunt wie immer: Konrad Beikircher.

Eschweiler. Wenn Konrad Beikircher anfängt, eine seiner „wahren Geschichten” zu erzählen, dann kann es schon dauern, bis er an die Pointe kommt. Aber gibt es irgendwo - Beikircher würde natürlich korrekt rheinisch „irgendswo” sagen -, gibt es also irgendswo auf der Welt einen Erzähler, einen Humoristen, einen Kabarettisten, der das Warten auf die Pointe so vergnüglich macht, so voll mit Witz, Anekdoten und Schlagfertigkeit stopft wie dieser große Versteher und Meister des rheinischen Humors? Das wüsst ich aber...

Schlagfertigkeit

Ein Gastspiel Beikirchers - da strömen die Massen, der Saal des Kulturzentrums Talbahnhof reicht da nicht aus. Am Samstagabend trat er in der Aula der Realschule Patternhof auf, und der Saal war proppenvoll. Erwartungsvolle Stimmung. Wer früher kam, hatte sich schon mal ein Fläschchen Bier gesichert und mitgenommen in den Saal.

Das sollte sich rächen. Wer aus vollem Herzen lacht, bleibt ja nicht stocksteif sitzen, die Stuhlreihen standen eng, und Beikircher ist dankbar für jeden Anlass, an dem er seine Schlagfertigkeit erproben kann.

Als die erste Flasche klirrend umfiel, war er gerade bei den Schrecken der Französischen Revolution 1789 - „da wäre manchem Rheinländer die Flasche aus der Hand gefallen!” Brüllendes Gelächter. Im Lauf des Abends klirrte es, zum Vergnügen des Vortragenden und des Publikums, weitere drei Mal.

„Wahre Geschichten” erzählt Konrad Beikircher, also jedenfalls Geschichten mit einem wahren Kern. Denn wer mit offenen Augen und Ohren durchs Leben geht, zumal im „rheinischen Universum”, der wird feststellen, dass mancher der Kiesel auf seinem Weg, wenn man ihn sich genau anschaut, ein Juwel rheinischer Sprache und rheinischer Lebensart ist.

Und was soll er machen, wenn er auf seinem Erzählweg immer neue Juwelen findet? Seine vor Jahren begonnene „Rheinische Trilogie” wird immer länger. Das Gastspiel am Samstag bot Ausschnitte aus dem 10. Teil.

So mäandert zum Beispiel eine Geschichte, in der es um neue Winterreifen in der Autowerkstatt geht und einen Kommentar des Werkstattmeisters zum Bücherscheiben, durch viele Jahrhunderte und Landschaften, und nach einer halben Stunde fragt man sich: Kriegt er noch die Kurve? Aber keine Bange: Er kriegt sie.

Konrad Beikircher beschreibt - um bei diesem Beispiel zu bleiben - auf diesem Weg die Grenzen der Rheinischen Karibik (etwa bei Koblenz-Lützel) und die Schneetücken des Oberbergischen. Er erläutert, warum sein Wohnort Schweinheim früher „Sick Alm” genannt wurde, kommt bei der Gelegenheit auf die Auswirkungen gesunder Luft und die Zahl seiner Kinder zu sprechen, beschreibt den Unterschied zwischen den beiden heiligen Antoniussen (Antonius der Große, als „Ferkestünn” angerufen bei Schweinepest und Rotlauf, und Antonius von Padua, zuständig bei verlorenen Schlüsseln und ähnlichen Kalamitäten), lässt beim Abstecher in die Kirche eine Kerze unbezahlt und wischt dabei auch den Andersgläubigen eins aus: „Du kommst nach Hause, liegt da der Schlüssel; da haben die Evangelischen noch nicht den Schlüsseldienst gerufen.”

Auf der Weiterreise - die Pointe ist immer noch in weiter Ferne - würdigt Beikircher kurz die Bayern als „Puffer zwischen hier und Österreich”, erzählt in einer Anekdote, warum der Buchtitel „Et kütt, wie et kütt” nicht gut gewählt ist (bayerische Buchhändlerin zur rheinischen Kundin: „Türkische Bücher führen wir nicht”) und kommt dann in einer längeren Abschweifung auf die Geschichte des Wortes „Bredouille” zu sprechen und warum man dieses Wort im Rheinland „Bedrullje” ausspricht, was vor allem weniger Falten im Gesicht macht.

Gestenreich bildet Beikircher nach, warum die Buchstabenfolge „BR” für die rheinische Anatomie ungeeignet ist, gerät dann auf der Suche nach der Herkunft des Wortes in die Wirren der französischen Revolution. Die Gesichtsausdrücke französischer Adliger beim Runterfallen nach dem Köpfen auf der Guillotine gerät ihm zu einer umjubelten mimischen Meisterleistung.

„E lecker Tässche Kaffee”

Ein weiterer Exkurs schließt sich an über die Unterschiede zwischen einer Tasse Kaffee und einem „lecker Tässche Kaffee”: „Bestellen Sie mal im Caf Reichardt in Köln ein âTässchen KaffeeÔ, da werden Sie angeschaut, als kommen Sie aus Bielefeld.” Schließlich kommen noch kritische Anmerkungen zu Kaffeepads („Grauenhaft!”), und zu Wartezonen, die sich stolz „Lounge” nennen, wenn auch nur ein Lederhocker drin steht, sowie noch eine Abhandlung über den rheinischen Indikativ („der Wagen wör dann soweit ferdisch”, und ja nicht „der Wagen ist fertig”), bevor Konrad Beikircher endlich nach mehr als einer halben Stunde die Pointe der Geschichte ansteuert, die wir jetzt einfach einmal unterschlagen, schließlich wollen wir ja nicht den ganzen Abend nacherzählen.

Es gehört zum großen Können von Konrad Beikircher, auch ernste Themen mit augenzwinkerndem Humor abhandeln zu können, sogar Themen, die manchen Leuten so peinlich sind, dass man kaum glaubt, darüber anders als hinter vorgehaltener Hand reden zu können.

Beikircher hebt mühelos zu einer Erörterung von Prostatabeschwerden an, verbunden mit einer Überlegung, wo und wie man auf der Autobahn 61 als Mann sein Wasser abschlagen kann, wenn man die Raststätte verpasst hat. Sein Resümee: „Es macht eigentlich nirgends Spaß - außer auf der Autobahnbrücke bei Bad Neuenahr”.

Und sogar der Skandal um Kindesmissbrauch durch Priester in katholischen Internaten bleibt nicht unerwähnt: „Ich war bei den Franziskanern im Internat, acht Jahre lang. Und mir ist nix passiert. Heute muss ich da natürlich fragen: War ich nicht hübsch genug?”

Dieses Spiel zwischen Scherz und Ernst beherrscht der in Südtirol geborene Kabarettist perfekt. Nur einmal an diesem Abend wurde er ganz ernst. Das war, als er kurz vor der Pause auf eine rote, herzförmige Schachtel wies und den Zuhörern von einer Initiative erzählte, die im afrikanischen Guinea-Bissao eine Schule für mehr als 200 Kinder geschaffen hat.

Ein kleiner Verein um Beikircher und den Kölner Sänger Wolfgang Niedecken trägt dieses Projekt und will jetzt eine Krankenstation an der Schule bauen. Das Publikum spendete gern.
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