Armin Gille: Vom Weltenbummler zum Heimatforscher

Von: Friedhelm Ebbecke-Bückendorf
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Armin Gille heute an seinem Schreibtisch. Von hier aus erforscht er Aspekte der lokalen Geschichte, hier entstand auch sein Buch über die verschwundenen Straßen von Eschweiler. Foto: Ebbecke-Bückendorf

Eschweiler. Als am vorigen Freitag die Sportler der Welt bei der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele in das Maracaná-Stadion in Rio de Janeiro einzogen, schaute ein Eschweiler mit ganz besonderen Erinnerungen zu. „Dort habe ich auch schon gestanden“, sagt Heimatforscher Armin Gille und lächelt.

Allerdings mit deutlich weniger Zuschauern. Außer ihm war nur ein Platzwart in dem früher größten Fußballstadion der Welt. Armin Gille, den die meisten Eschweiler heute als Heimatforscher kennen, ist ganz schön weit herum gekommen in der Welt. Das lag vor allem an seinem Beruf. Als Straßenbau-Ingenieur war er viele Jahre lang für eine große deutsche Firma in Afrika und in dem arabischen Wüstenstaat Oman tätig.

Bedeutendes Luftdrehkreuz

„Mein erster Einsatzort, nachdem ich 1977 in die Auslandsabteilung gewechselt hatte, war Lagos, die Hauptstadt von Nigeria“, erinnert er sich und blättert in alten Fotoalben. Dort wurde damals der internationale Flughafen „Murtala Mohammed“ gebaut, ein bedeutendes Luftdrehkreuz nahe dem Äquator. Von dort aus flog Gille auch beruflich in andere Länder, nach Togo, Liberia und Ghana.

Sein Besuch 1979 in Rio allerdings war nicht dienstlich, das war Urlaub. Vier Wochen lang trieb Armin Gille sich in Brasilien herum, bestaunte die damals supermodernen Bauten der Hauptstadt Brasilia, schwatzte mit den Nachfahren afrikanischer Sklaven in der Küstenstadt Salvador da Bahia, die im 18. Jahrhundert Hauptstadt von Brasilien war, er stand an den mächtigen Iguazú-Wasserfällen und besuchte natürlich Rio de Janeiro. Dort war gerade Karneval: „Eine Stewardess, die ich auf einem Flug kennengelernt hatte, schleppte mich in eine der Samba-Schulen. Ich habe versucht, mitzutanzen, aber die Schritte waren doch zu kompliziert.“

Der Höhepunkt allerdings war eine Tour im Einbaum auf Seitenarmen des Amazonas. In einem kleinen landesüblichen Hotel in Manaus hatte Gille einen einheimischen Führer kennengelernt, der etwas Deutsch konnte. Zu dritt, mit dem Guide und einer kanadischen Reporterin, paddelte man fünf Tage lang über den mächtigen Strom.

Die drei angelten Piranhas, übernachteten in Pfahlbauten und in Hängematten auf einem Schiff, einer Art schwimmendem Tante-Emma-Laden, Gille tanzte mit zahnlosen alten Damen auf Dorffesten und sah anschließend beim nächtlichen Heimpaddeln in die gelb leuchtenden Augen der Krokodile. „Auch ein Bad im Amazonaswasser habe ich genommen. Aber erst, nachdem der Bootsführer ins Wasser gesprungen war. Dabei hatten wir vorher selbst Piranhas geangelt und die scharfen Zahnschneiden dieser Fische respektvoll angeschaut.“

Gleich drei Monate lang war Armin Gille dann 1980 rund um die Welt unterwegs. Eigentlich hatte er im Irak arbeiten sollen, aber da begann gerade der erste Golfkrieg. Gille nutzte die Chance und schaute sich bis auf Australien alle Kontinente der Erde an.

Er schwebte mit einem kleinen Flugzeug über den Gran Canyon in den USA, segelte mit einem Katamaran vor Hawaii und wurde an einem Strand auf den Philippinen um 3000 Dollar bestohlen. „Das habe ich erst in Hongkong gemerkt. Ich bin sofort wieder zurück geflogen, aber ich habe den Burschen nicht mehr gefunden, der mich mit seinen Freunden ausgenommen hatte.“

Eine schöne Zeit

Der Golfstaat Oman, heute ein Urlaubsparadies, war Anfang der 80er Jahre der Welt noch weitgehend verschlossen: „Nur die Ehefrauen der im Land eingesetzten deutschen Techniker durften mit einreisen.“ Lehrerin Brigitte Gille gab ihren Beruf auf und folgte ihrem Mann nach Oman. Armin Gille erinnert sich, wie sie abends am Strand auf den Ladeflächen von Pick-ups Matratzen auslegten und in den Sternenhimmel schauten – eine schöne Zeit. Nach sechs Jahren Auslandsaufenthalt kam er 1983 mit Ehefrau und einjährigem Baby nach Eschweiler zurück.

Seit 2005 ist Armin Gille Rentner. Aber schon vorher hat er sich mit Geschichte befasst. Zuerst mit Familiengeschichte, dann mit der Ortsgeschichte von Hastenrath. Er besuchte Familien im Ort, sammelte Geschichten und Bilder. Daraus entstanden in den Jahren 1988 bis 1992 fünf Heimatkalender von Hastenrath und Scherpenseel: „Viele Leute hier im Ort bewahren die heute noch sorgfältig auf“.

Seit 2006 ist Heimatforscher Gille im Vorstand des Eschweiler Geschichtsvereins, verfasste heimatkundliche Artikel für die Schriftenreihe des Vereins. 2015 veröffentlichte er sein erstes Buch „Eschweilers verschwundene Straßen“ – ein großer Erfolg, es wird bald erneut nachgedruckt.

Leser unserer Zeitung schätzen eine weitere Arbeit von Armin Gille sehr. Seit Juli 2013 stellt er Bilder und Texte für die Serie „Eschweiler – damals und heute“ zur Verfügung, bei der Stadtansichten aus gleicher Perspektive den Wandel der Indestadt dokumentieren.

Dass das Modell der Eschweiler Altstadt, das an der Ecke Marktstraße/Indestraße aufgestellt wurde, so exakt den Zustand der Stadt im Jahr 1954 wiedergibt, ist ebenfalls Armin Gille zu danken. Er stellte dem Soester Künstler Egbert Brörken Flurkarten, Luftbilder, Fotografien aller Straßenzüge und Bilder vom Verlauf der Inde zur Verfügung, sorgte auch für Korrekturen und Ergänzungen. Selbst die Dachhöhen und -schrägen sollen der historischen Ansicht entsprechen.

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