Eschweiler - Argumentationstraining lehrt, Stammtischparolen zu entkräften

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Argumentationstraining lehrt, Stammtischparolen zu entkräften

Von: Andreas Röchter
Letzte Aktualisierung:
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Experte Dr. Kürschgens: Vorurteile sind allgegenwärtig.

Eschweiler. Man hört sie oft, Parolen wie „Ausländer nehmen uns unsere Arbeitsplätze weg!” oder „Arbeitslose wollen gar nicht arbeiten!” Schlagworte, die nicht nur von Rechtsradikalen benutzt werden, sondern durchaus von Menschen, die aus der so genannten Mitte der Gesellschaft kommen.

Doch welche Gegenmittel gibt es, um diese Parolen zu entkräften? Mit diesem Thema beschäftigten sich die Teilnehmer des Workshops „Argumentationstraining gegen Vorurteile, Rassismus und rechte Parolen”, der am Samstag innerhalb des Projekts „Demokratie stärken für Vielfalt und Toleranz in der Städteregion Aachen” in Kooperation mit der Stadt Eschweiler im Rathaus stattfand.

„Wir reden heute nicht über die rechtsradikale Szene”, machte Seminarleiter Dr. Stefan Kirschgens gleich zu Beginn des rund sechsstündigen Workshops deutlich. „Stattdessen geht es hier um demokratieeinschränkende Parolen, mit denen rechtsradikales Gedankengut beginnt. Und diese betreffen jede soziale Gruppe”, so der Sozialwissenschaftler.

Klar müsse allerdings sein, dass sich wohl kein Mensch von Vorurteilen völlig lossprechen könne. „Jeder hat Assoziationen, ist durch Erfahrungen und Erziehung geprägt”, betonte Dr. Stefan Kirschgens. Und der Referent ging noch einen Schritt weiter: „Urteile und somit auch Vorurteile sind sogar zwingend notwendig, da ohne sie kein Handeln und keine Reaktionen möglich sind. Aber unsere Urteile dürfen niemals absolut sein!”

Ausgesprochen schwierig sei es, mit Gegenargumenten gegen solche absoluten Vorurteile durchzudringen. „Vorurteile entstehen durch Emotionen. Und die emotionale Kraft in uns ist viel stärker als unsere Rationalität”, erklärte der Aachener. Im Gegensatz zu den zugespitzten Schlagworten und Parolen seien die dahinter stehenden Themen umfangreich, komplex und differenziert. „Daher gibt es auf Parolen so gut wie keine Gegenparolen. Da können sie sich den Mund fusselig reden.” Auch eine Belehrung schaffe fast nie Einsicht beim Sprücheklopfer, sondern führe im Gegenteil zur verstärkten Abwehr der Gegenargumente.

Vielmehr sei es wichtig, die Vorurteile ernst zu nehmen und nachzudenken, warum sie entstehen und welche Ängste dahinter steckten. „In Selbstaussagen von Sprücheklopfern wird deutlich, dass sich viele von ihnen als zu kurz gekommen sehen. Sie werden von innerer Angst und mangelnder Souveränität getrieben”, berichtete Dr. Stefan Kirschgens. „Dies bedeutet jedoch keineswegs, dass wir Mitleid mit solchen Personen entwickeln sollten”, so der Referent weiter.

Nicht stundenlanges Diskutieren, sondern ein bis zwei ernsthafte und gezielte Nachfragen seien oft zielführend. „Etwa, ob der Sprücheklopfer das eben Gesagte schon einmal selbst erlebt habe.” Auch durch die Körpersprache sei es gut möglich, die Dominanz der Person, die Vorurteile verbreitet, zu verweigern. „Wenn keiner auf die Sprüche reagiert, verpuffen diese oft”, so Dr. Stefan Kirschgens.

Überhaupt sei es entscheidend, das Umfeld des Sprücheklopfers sowie das eigene Umfeld im Blick zu haben. „Wichtig ist, auf mögliche Kooperationspartner zu achten. Einen potenziellen, sich aber schweigend verhaltenen Kooperationspartner sollte man ansprechen, um ihn einzubinden. Entscheidender als der Widersacher sind die Unentschiedenen und Indifferenten, denn sie können eher überzeugt werden”, verdeutlichte der Sozialwissenschaftler.

„Jeder kann in seinem Bereich bewirken, dass Stammtischparolen ins Leere laufen”, ist er überzeugt. Und er richtete nicht nur an die Teilnehmer des Workshops, die sich auch in verschiedenen Rollenspielen mit dem Thema beschäftigten, einen Appell: „Demokratieeinschränkende Parolen entstehen auch in der Mitte der Gesellschaft. Und nur aus der Mitte der Gesellschaft heraus können sie bekämpft werden.”
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