Eschweiler - Archäologen rekonstruieren mittelalterliche Stadtmauer

Archäologen rekonstruieren mittelalterliche Stadtmauer

Von: Rudolf Müller
Letzte Aktualisierung:
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Steckt bis zum Hals in Eschweilers Mittelalter: Archäologe Daniel Gansera mit Kollegin Claudia Koppmann an der Fundstelle der mittelalterlichen Stadtbefestigung in Höhe der Kolping-straße. Foto: Rudolf Müller
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Bisher nur teilweise freigelegt: die gut einen Meter starke Bruchsteinmauer, die auf der Südseite (links) an einen Erdwall, auf der Nordseite an einen Graben grenzte. Foto: Rudolf Müller

Eschweiler. Dass schon der Marktflecken Eschweiler sich im Mittelalter mit Hilfe einer Stadtmauer vor unliebsamen Besuchern schützte, gehört schon seit langem zum neuzeitlichen Eschweiler Allgemeinwissen. Wo genau diese Mauer verlief, das weiß man allerdings erst seit wenigen Wochen.

Als Archäologen bei Bodenuntersuchungen auf einer Baustelle an der Kolpingstraße auf Reste einer massiven Bruchsteinmauer stießen, die auf der einen Seite einen Lehmwall stützte, auf der anderen einen Graben begrenzte. Auf der Wallseite ist die Mauer im Rohzustand belassen, auf der Außenseite ist sie ebenmäßig glatt. Die Bauzeit datieren die Archäologen auf das 13. Jahrhundert.

Ein beeindruckendes Stück Geschichte, findet auch Daniel Gansera. Der Indestädter ist Archäologe in Diensten des Aachener Büros SK Archeo Consult, das unter anderem in Laurensberg Spuren einer jungsteinzeitlichen Wallanlage und am Aachener Büchel Reste einer römischen Prunkvilla aus dem 4./5. Jahrhundert dokumentierte.

Dokumentation fürs LVR-Archiv

Derzeit steckt Gansera gemeinsam mit seiner Kollegin Claudia Koppmann und ihrer studentischen Hilfskraft Daniel Willems bis zum Hals in der Eschweiler Siedlungsgeschichte. Im wörtlichen Sinne: Die gut zwei Meter tief freigelegten Reste der Stadtmauer müssen detailliert dokumentiert werden. Vermessen, fotografiert und aufs Genaueste gezeichnet.

Gansera und seine Kollegen arbeiten im Auftrag der Bauherren: Das Architekturbüro BBB (Blum. Breuer, Brückner) errichtet auf dem zuletzt brachliegenden Grundstück an der Kolpingstraße ein Haus mit sieben barrierefreien Eigentumswohnungen. Zuvor muss dokumentarisch gesichert werden, was da im Boden steckte. „Die Lage wenige Meter neben der bislang vermuteten Verlaufslinie, der Graben, die Tiefe im Grund und die Massivität des Bauwerks belegen eindeutig: Das war die Stadtmauer“, sagt Gansera. „Normale Gebäude hatten nicht solche Wandstärken.“ Die beträgt hier gut einen Meter.

Die Arbeitsergebnisse der Aachener Archäologen gehen an den Landschaftsverband Rheinland (LVR). „Funde werden im Depot in Meckenheim gesammelt, Dokumentationen gehen ans Archiv in Bonn“, sagt Daniel Gansera. Einmal dort, stehen sie Interessenten zur Verfügung: etwa zu wissenschaftlichen Arbeiten oder für Publikationen des Geschichtsvereins.

„Schade, dass diese Dinge in der Öffentlichkeit kaum bekannt werden“, sagt Gansera. Das gilt auch für die Inhalte der Vorberichte, die der LVR schon vor der abschließenden umfangreichen Dokumentation erhält. „Der Normalbürger kriegt von Grabungen und deren Ergebnissen meist nichts mit, weil die selten öffentlich gemacht werden“, bedauert der Indestädter. „Dabei interessieren sich bestimmt viele Leute für derartige Dinge. Das gilt sicher auch für die Stadtmauer. In den Geschichtsbüchern über Eschweiler steht darüber bisher nur ganz rudimentär etwas.“

Bis Ende kommender Woche

Wie lange Gansera und seine Kollegen noch an den Stadtmauerresten arbeiten, das hängt von etlichen Faktoren ab. Von der Baufirma etwa, die rund um die Fundstelle tätig ist und die Mauer weiter freilegen soll, und vom Wetter. Bis Ende kommender Woche will das Archäologenteam fertig sein. Bis dahin will Gansera noch weiter in die Tiefe gehen: um die Unterkante der Bruchsteinmauer zu finden.

Einer Mauer, die in Kürze zwar dem Neubau eines Wohnhauses weichen muss, aber entgegen früheren Aussagen der Stadt nun doch nicht ganz in der Versenkung verschwinden soll.

Ein Stück der historischen Stadtmauer zu erhalten und beispielsweise vor dem Rathaus mit den Originalsteinen zu rekonstruieren, das sei für die Stadt keine Option, hatte Eschweilers Technischer Beigeordneter Hermann Gödde noch im Mai bei einem Ortstermin an der Kolpingstraße betont. Denkbar sei dagegen, mit einem Pflasterband quer über die Kolpingstraße den einstigen Verlauf der Stadtbefestigung zu markieren und mit einer Hinweistafel am Neubau an die Mauer zu erinnern.

Sieben Quadratmeter Geschichte

Jetzt sieht es danach aus, dass künftig doch ein Stück des Originals an Eschweilers mittelalterliche Vergangenheit erinnern wird. An die Mauer, die von der heutigen Grabenstraße quer durch die Gärten nördlich der Dürener Straße bis zur Trillersgasse und von dort südlich des heutigen Rathauses zurück zur Grabenstraße führte. An der heutigen Dürener Straße gab es nach bisherigen Erkenntnissen in Höhe der Grabenstraße das Aachener Tor, in Höhe Trillersgasse das Cölner Tor. Und auch sieben Türme soll es im Verlauf der Mauer gegeben haben.

Franz-Josef Surges ist Leiter des Arbeitskreises 6 des Geschichtsvereins, der sich mit Baudenkmälern befasst. Er setzt zurzeit alles daran, ein Stück der historischen Stadtbefestigung zu erhalten. Ein Stück, das sich sehen lassen kann. Im wahrsten Sinne des Wortes, drei Meter breit, 2,30 Meter hoch, einen Meter dick. Und zwölf Tonnen schwer.

Geschichtsverein finanziert

Dieses kapitale Stück Geschichte komplett aus der Mauer herauszuschneiden, per Kran in eine Spezialkiste zu hieven und später in der City wieder abzustellen, ist nicht nur ein teures, sondern auch riskantes Unterfangen. „Keiner kann uns garantieren, dass das Mauerstück dabei nicht zerbröselt“, sagt Franz-Josef Surges. Ein Risiko, das ihm nicht zuletzt angesichts der Kosten von mindestens 15.000 Euro zu hoch erscheint.

Die Alternative: Die Mauer in kleineren Partien abtragen und am neuen Standort originalgetreu zu rekonstruieren. Das kostet knapp halb so viel. Bezahlt wird es vom Geschichtsverein – und der setzt auf Zuschüsse aus dem Topf „Sanierung nördliche Innenstadt“. Ein Topf, aus dem auch das vom Geschichtsverein initiierte Bronzemodell der Altstadt vor dem Bau der Indestraße finanziert wird und aus dem auch Dinge wie der Bücherschrank auf dem Marktplatz, Ruhebänke etc. bezahlt werden. Noch stehen dort etwa 80.000 Euro zu Verfügung.

In etwa eineinhalb Wochen soll mit der Sicherung des Mauerstücks begonnen werden. Wo das steinerne Relikt mittelalterlicher Vergangenheit letztlich – in enger Abstimmung mit der Stadt – wieder errichtet werden wird, ist noch offen.

Surges hält einen Standort auf der Verlaufslinie der historischen Stadtbefestigung für sinnvoll. Denkbar sind Standorte an der Dürener Straße, vor dem Gymnasium, vor dem Rathaus oder an der Ecke Marktstraße/Indestraße.

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